Backstage
Various Artists BACKSTAGE EXCLUSIV

Aktuelles Album

News

30.09.2005

Spiegel Jazz History

Various Artists, Spiegel Jazz History

"It Don't Mean A Thing If It Ain't Got That Swing" lautet der Titel einer 1932 von Duke Ellington geschriebenen Komposition, und bis heute gilt dieses Motto vielen Jazzmusikern und -fans als eine Art Postulat. Der amerikanische Philosophieprofessor Donald Keefer verglich Ellingtons Motto sogar mit René Descartes' berühmtem Diktum "Cogito, ergo sum" ("Ich denke, also bin ich.") und formulierte es passend in "Ich swinge, also bin ich!" um.

Tatsache ist, daß der Swing - neben der Improvisation - spätestens seit den 20er Jahren das bezeichnendste Merkmal des Jazz ist. Als besonders dynamische und neuen Einflüssen gegenüber stets offene Musik, hat sich der Jazz im Laufe des 20. Jahrhunderts natürlich kontinuierlich verändert - manchmal geschah dies durch radikale Brüche, öfter jedoch durch eine eher schleichende Entwicklung. Geblieben sind ihm aber bis heute, auch wenn sie nicht immer die dominierende Rolle spielten, die beiden Komponenten Swing und Improvisation.

Mit Swing ist hier nicht der Stil gemeint, sondern jener besondere, sehr elastische Rhythmus, mit dessen Erklärung sich selbst Jazzmusiker schwer tun und der sich nicht in Noten darstellen läßt, sondern, wie es der Saxophonist Archie Shepp einmal formulierte, "vom Gefühl und vom Geist herkommt". Erstmals erwähnt wurde dieser Begriff schon lange bevor es den Swing genannten Stil überhaupt gab. Jelly Roll Morton schrieb seinen "Georgia Swing" bereits 1906. Ganz im Sinne von Ellingtons Postulat folgt die "Spiegel Jazz History" nun auf ihren acht CDs (und einer Compilation, die einige Bonus-Tracks enthält) den faszinierenden Spuren des swingenden Jazz durch das 20. Jahrhundert. Die acht CDs kann man sowohl einzeln als auch in einem Schuber zusammen erwerben.

Die Zeitreise beginnt in den 20er Jahren, als der Jazz das Laufen lernte, und aus dem Süden der USA, wo er zur Welt gekommen war, auch in nördlich gelegene Großstädte umzog. In Chicago entstanden der Boogie-Woogie und der swingende Chicago-Stil, in New York der Two Beat-Jazz und die ersten Big-Bands. Den Gipfel seiner Popularität erklomm der Jazz ab Mitte der 30er Jahre, als swingende Big-Bands wie die von Fletcher Henderson, Duke Ellington, Count Basie und Benny Goodman den Ton angaben und ein wahres Tanzfieber entfachten. Es war der Anfang der Big-Band- oder auch Swing-Ära - und der Swing hatte damals beim Publikum den Stellenwert, den heute die Popmusik besitzt. Viele Musiker, aber auch Sängerinnen wie Ella Fitzgerald und Billie Holiday, die ihr Handwerk zunächst in diesen Swing-Big-Bands erlernt hatten, wurden bald flügge und begannen Aufnahmen unter eigenem Namen zu machen. Mit dem Bebop sorgte aber schon bald ein neuer Jazzstil für Schlagzeilen. Nachdem Ende der 40er Jahre das große Big-Band-Sterben eingesetzt hatte, sattelten die Musiker auf kleinere, leichter zu unterhaltende Ensembles um. Nun schlug mehr denn je die Stunde großartiger Solisten vom Rang eines Dizzy Gillespie, Charlie Parker, Lionel Hampton oder Oscar Peterson. Die Wellen, die der Free Jazz in den 60er Jahren auf der einen Seite schlug, wurden auf der anderen Seite durch melodische und swingende Stile wie den Hard-Bop, die Bossa Nova und den Soul-Jazz wieder geglättet. Stan Getz gelangte mit seinen Bossa-Adaptionen sogar in die Spitze der Pop-Charts. Die 70er Jahre standen im Zeichen der Elektrifizierung des Jazz. Miles Davis hatte mit seiner Gruppe den Anfang getan. Aus seiner Band gingen so großartige Musiker wie Chick Corea, Keith Jarrett und John McLaughlin hervor. Ehemalige Free Jazzer wie Charlie Haden und Don Cherry fanden auf melodischen Boden zurück. Erst mit dem Auftauchen der Young Lions, traditionsbewußten und studierten jungen Musikern, erlebten der Swing und andere traditionellere Jazzstile in den 80ern ein überraschendes und kommerziell erfolgreiches Comeback, daß den Jazzmusikern auch bei den großen Plattenfirmen wieder Türen öffnete. Seite an Seite mit ihren in die Jahre gekommenen Idolen zeigten die Youngster, das der Swing nach wie vor von immenser Bedeutung war. Viele zuvor "fremdgegangene" Musiker wie Herbie Hancock, John McLaughlin und Dee Dee Bridgewater kehrten in den 90er Jahren zu ihren Wurzeln zurück und spielten wieder lupenreine Jazzalben ein. Auch Newcomer wie Diana Krall, Roy Hargrove oder der deutsche Trompeter Till Brönner begannen in dieser Dekade ihren kometenhaften Aufstieg.

Gerade in den letzten paar Jahren konnte der Jazz durch neue, junge Künstler/innen wie Krall und Brönner (aber auch Lizz Wright, Jamie Cullum, Peter Cincotti oder Michael Bublé) wieder beträchtlich an Popularität zulegen. Mit Alben, bei denen der Swing erneut eine dominierende Rolle spielt, mogelten sie sich manchmal sogar in die Pop-Charts und weckten so leise Erinnerungen an die fabelhaften 30er Jahre der Swing-Ära. Daß der swingende Jazz etwas von seiner einstigen Hipness zurückerobern konnte, zeigen nicht zuletzt auch die - mal mehr, mal weniger gelungenen - Swing-Versuche von Popstars wie Robbie Williams, Linda Ronstadt, k.d. lang und Rod Stewart.


KOMMENTARE

Kommentar speichern