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07.10.2005

Opern der Finsternis

Various Artists, Opern der Finsternis

Es mag auf den ersten Blick nicht so erscheinen. Aber sowohl Giacomo Puccinis "Il Tabarro" ("Der Mantel"), als auch Ruggiero Leoncavallos "Pagliaci" ("Der Bajazzo") gehören zu den finsteren Opern des italienischen Verismo. Denn bei beiden kommt mit der Nacht das Verhängnis, der Tod, und entlarvt das menschliche Sein als einen Haufen verirrter, niedere Emotionen, die selbst hehre Gefühle wie die Liebe bedenkenlos aus verletzter Eitelkeit zerstören - und die sich voller spannungsgeladener Momente darstellen lassen, besonders wenn internationale Bühnenstars wie die Tenöre Luciano Pavarotti, Plácido Domingo und Sopranistinnen wie Teresa Stratas mit von der Partie sind.

Die Konstellationen sind sich erstaunlich ähnlich. Auf der einen Seite der gealterte, missmutig und unattraktiv gewordene Ehemann, auf der anderen der noch im Saft seiner Manneskraft stehende potentielle Liebhaber, dazwischen die ebenfalls der Blüte ihrer Jugendjahre entgleitende, nach hormoneller Vitalisierung suchende Frau. Ein klassischer Fall von Midlife-Crisis, würde man heute milde lächelnd diagnostizieren, doch vor rund einhundert Jahren waren aus solchen Konstellationen die großen Konflikte auf der Bühne geschnitzt. Schon das Motiv der Untreue, seit "Madame Bovary" unter veränderten, die Frau nicht sofort verurteilenden und deklassierenden Bewertungen in der literarischen Welt präsent, gab genügend Spielraum für moralisierende oder psychologisierende Deutungen. Die Ehemänner in "Il Tabarro" und "Pagliacci" zum Beispiel sind mehrdeutige und geschundene Charaktere. Sie töten nicht mehr aus Ehre, wie noch in den Ausläufern der höfisch geprägten Literatur, sie wenden die Waffe auch nicht in romantisch leidender Werther-Pose gegen sich selbst, sondern werden zu getriebenen Gewalttätern aus dem Unterschichtsmilieu. Dabei ist die Frau vielleicht der Auslöser ihres Verhaltens, die Ursachen jedoch liegen im mangelnden Selbstwertgefühl der eigenen Psyche, das bei dem Flussschiffer Michele in eine Kurzschlusshandlung, im extremen Fall des betrogenen Schaustellers Canio sogar in eine Form von Wahnsinn übergeht.

Beide Kurzopern sind dabei von außerordentlich wirkungsvoller Musik geprägt, die bei Puccini teleologisch auf den Mord an Luigi hinführt, bei Leoncavallo darüber hinaus sich noch ein paar ornamentierende Kapriolen aus dem Varietéumfeld erlaubt. Und beide haben großartige Gesangspartien, die mit ihrer motivischen Fülle begeistern. Als 1994 der Saisonstart an der New Yorker Metropolitan Opera anstand, entschied sich die Intendanz daher für zwei Wiederaufnahmen in prominenter Besetzung. "Il Tabarro" kam in einer Inszenierung von 1975 von Fabrizio Melano auf die Bühne und wurde mit den Dreigestirn Juan Pons (Michele), Plácido Domingo (Luigi) und Teresa Stratas (Giorgetta) famos besetzt. Die Version des "Bajazzos" reichte sogar noch weiter zurück, bis in das Jahr 1970 und zur Umsetzung durch Franco Zeffirelli, war aber mit Luciano Pavarotti (Canio) und wiederum Pons (Tonio) und Stratas (Nedda) ebenfalls extravagant aufgestellt. Am Pult stand James Levine, der dem Hausorchester der Met ein buntes Spektrum schillernder, emotionaler Farben abgewann. So konnten diese Wiederaufnahmen, die unter erfahrener Leitung von Brian Large von den Kameras festgehalten wurden, eigentlich nur ein Erfolg werden.

Auf dem höchsten Standard der gegenwärtigen Studiotechnik in PCM Stereo oder wahlweise DTS 5.1 - Dolby Digital 5.1 Surround-Sound für die DVD-Edition präpariert, kann man nun beide Meisterwerke in einer klassischen Version sich nach Hause holen und noch einmal sich darüber klar werden, warum Sänger wie Domingo, Pavarotti, aber auch Pons und Stratas zur Weltspitze ihres Fachs gehören.


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