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26.10.2005

Impulsive! / Impulse! Remixed

Various Artists, Impulsive! / Impulse! Remixed

Sicher, nichts wäre leichter, als "Impulsive!" einfach als ein weiteres Exemplar der in Mode gekommenen Reihe mit Remix-Alben zu bezeichnen, die ihre Vorlagen aus dem historischen Jazzkatalog beziehen. Doch die Tracks, die man auf dieser Zusammenstellung hören kann, unterscheiden sich in wesentlichen Punkten von den bereits bekannten Jazzarchiv-Remixen. Und dies liegt zu allererst einmal an dem Tonmaterial, das sich die Remixer hier zur Bearbeitung vorgeknöpft haben, aber auch an den daraus entstandenen Remixen selbst.

Das Impulse!-Label warb in den sechziger und frühen siebziger Jahren nicht ohne Grund mit dem Slogan "The New Wave In Jazz" für sich. Viele musikalisch außergewöhnliche, wagemutige, ja revolutionäre Jazzalben erschienen damals bei Impulse! Und so ergibt es auch nur Sinn, wenn der Pioniergeist der damaligen Musiker heute mit einer "New Wave Of Jazz Remixes" gewürdigt wird. Doch keine Bange, um die atemberaubenden Remixe von "Impulsive!" in vollen Zügen genießen zu können, braucht man kein Kenner oder Hardcore-Fan der avantgardistisch-progressiven Jazzszene der wilden sechziger Jahre zu sein - die Remixe sind - Hand auf's Herz! - wirklich so atemberaubend und spannend, daß man ganz von allein in ihren Bann gerät...


Die Musiker, DJs und Produzenten:


George Russell - Helluva-Town (Remixed by SA-RA / "GO" Remix)

George Russell hat sich nicht nur einen Namen als Bandleader, Komponist und Arrangeur gemacht, sondern auch als Harmonielehrer und -theoretiker, dem die Musikwelt das "Lydian Chromatic Concept Of Tonal Organization" verdankt, das John Lewis (seines Zeichens Pianist des Modern Jazz Quartet) als den "profundesten theoretischen Beitrag zum Jazz" bezeichnete. Russell schuf auch die theoretische Grundlage für den modalen Jazz von Miles Davis und John Coltrane. Die Originalaufnahme von "A Helluva Town" spielte Russell 1958 mit einer mit Stars wie Pianist Bill Evans, Altsaxophonist Phil Woods, Trompeter Art Farmer und Drummer Max Roach gespickten Big-Band ein. Einen sehr modernen Touch hatte dieses Stück schon damals nicht zuletzt dank Jon Hendricks' fast schon als Rap zu bezeichnender Scat-Intro.

Im Jahre 2000 schlossen sich der New Yorker Om'Mas Keith und die beiden aus Los Angeles stammenden Produzenten Taz Arnold und Shafiq Husayn unter dem Namen SA-RA Creative Partners (oder kurz: Sa-Ra) zusammen, um gemeinsam Musik zu machen: singender, spielender, reimender Weise sowie als DJs. Was sie verband, war ihre Vorliebe für HipHop, Jazz, Soul, Funk und Steely Dan. Ihre Live-Auftritte sind burleske (und nicht so leicht zu vergessende) Attacken auf sämtliche Sinne. Remixe und Produktionen hat das schrille Trio bislang schon für Dr. Dre, Common, N.E.R.D., Erykah Badu, Bilial, Jurassic 5 und Jill Scott gefertigt.


Charles Mingus - 2 BS (Remixed by the RZA / Bounce Mix)

Die drei Alben, die der 1979 im Alter von nur 56 Jahren verstorbene Bassist und Komponist Charles Mingus 1963 für Impulse! aufnahm, sind allesamt Klassiker des modernen Jazz. Nachdem er für Impulse! sein (wie er selbst und viele Kritiker befanden) absolutes Meisterwerk "The Black Saint And The Sinner Lady" vollendet hatte, widmete sich der Bassist auf seinem zweiten Impulse!-Album "Mingus Mingus Mingus Mingus Mingus" (von dem der Titel "II B.S" stammt) der Überarbeitung einiger älterer Werke. Die Aufnahme war symptomatisch für die etwas zerrissene Persönlichkeit von Mingus: in der Baß-Intro zeigt er sich erst von seiner lyrisch-introvertierten Seite, um danach im Ensemblespiel seine rebellische und hitzköpfige Natur nach außen zu kehren.

RZA ist der Chefproduzent des Wu-Tang Clan. Auch bekannt als The Abbott, Prince Rakeem, Rzarector, Bobby Steels und Bobby Digital, lautet sein bürgerlicher Name Robert Diggs. RZA tauchte Anfang der 90er Jahre in der Rap-Szene auf und hat seitdem zahlreiche HipHop-Klassiker produziert, u.a. das 1993 erschienene Debütalbum des Wu-Tang Clan ("Enter The Wu-Tang 36 Chambers"), das zu den einflußreichsten Platten des Genres gezählt wird. Auf RZAs Konto gehen auch die Produktionen unzähliger Soloalben der Wu-Tang Clan-Mitglieder sowie drei weiterer Alben der neunköpfigen HipHop-Posse. Aber auch für Nichtangehörige des Clans ist er schon tätig geworden, schrieb z.B. wunderbare Songs für den 1997 verstorbenen Notorious B.I.G. und Big Pun. Darüber hinaus arbeitete er mit den Kult-Regisseuren Quentin Tarantino und Jim Jarmusch bei der Erstellung der Soundtracks für "Kill Bill" und "Ghost Dog: The Way Of The Samurai" zusammen.


Dizzy Gillespie - Swing Low, Sweet Cadillac (Remixed by Gerardo Frisina)

Trompeter Dizzy Gillespie war nicht nur einer der Pioniere des Bebop, sondern auch einer der ersten Jazzmusiker, die auf ihren Alben afro-kubanische Klänge und Rhythmen integrierten. Mit dem sogenannten Cubop kreierte er sogar eine Hybridform aus Bebop und kubanischer Musik. Diese afro-kubanische Version von "Swing Low, Sweet Cadillac" stammt von Gillespies gleichnamigen Live-Album aus dem Jahr 1967 und bringt auch eine gute Portion von Gillespies Humor herüber, der dem Trompeter zeitlebens immense Popularität sicherte.

Gerardo Frisina ist ein italienischer Latin-Jazz-Impresario mit einer Vorliebe für echte Bossa Nova-Rhythmen, psychedelischen Jazz, fette Grooves und die Kenny Clarke-Francy Boland Big Band. Als Produzent arbeitet er vor allem für das kleine, aber feine Mailänder Label Edizioni Ishtar und das von ihm mitgegründete Label Rearward Records/Schema Records. In der DJ- und Dancefloor-Produzenten-Szene genießt er einen exzellenten Ruf.


Chico O'Farrill & Clark Terry - Spanish Rice (Remixed by DJ Dolores)

Ein weiterer wichtiger Repräsentant des afro-kubanisch gefärbten Jazz war der 2001 verstorbene Bandleader und Arrangeur Arturo "Chico" O'Farrill, der auf Kuba zur Welt gekommen und 1948 nach New York gegangen war. Dort arbeitete er zunächst für Benny Goodman, Stan Kenton und seinen Landsmann Machito, um dann 1954 sein eigenes Orchester zu gründen. Wie bei der vorangegangenen Gillespie-Nummer, spielt bei dieser Einspielung von "Spanish Rice" neben den afro-kubanischen Rhythmen auch der pure Spaß eine große Rolle. Das beseelte Trompetensolo stammt von Clark Terry.

DJ Dolores (a.k.a. Hélder Aragão de Melo) und seine vierköpfige Band Orquestra Santa Massa sorgten erstmals 2002 sowohl in der Weltmusik- als auch in der Dancefloor-Szene für sehr viel Aufsehen. Auf ihrem Debütalbum "Contraditório?" präsentierten die fünf Musiker aus Recife und ihre Gäste eine bis dahin unbekannte Mixtur aus traditionellen nordostbrasilianischen Stilen und modernen elektronischen Sounds und Grooves. Nach dem 1997 verstorbenen Chico Science (Nação Zumbi), Fred 04 (Mundo Livre s/a) und Otto ist DJ Dolores ein weiterer Exponent des sogenannten Manguebeat.


Gabor Szabo - Mizrab (Remixed by Prefuse 73)

Der aus Ungarn stammende Gitarrist Gabor Szabo floh im Alter von 20 Jahren aus seiner kommunistischen Heimat in die USA. Nach einem Musikstudium am renommierten Berklee College in Boston wurde er 1961 Mitglied der Band von Schlagzeuger Chico Hamilton, in der damals auch der Tenorsaxophonist Charles Lloyd spielte. "Mizrab" stammt von dem 1967 erschienen Album "The Sorcerer", auf dem erstmals Szabos faszinierendes Zusammenspiel mit dem klassisch geschulten Gitarristen Jimmy Stewart dokumentiert wurde. Kritiker und Fans bezeichnen dieses Album als das beste des 1982 kurz vor seinem 46. Geburtstag verstorbenen Ungarn.

Prefuse 73 (a.k.a. Scott Herren) ist ein in Atlanta ansässiger HipHop-/Electronica-Produzent und -Künstler, der sich auch schon unter anderen Alias-Namen in Szene gesetzt hat, etwa als Savath and Savalas oder als Delarosa and Asora. Herren ist ein einzigartiger Repräsentant des sogenannten Glitch-Style, der Ende 90er Jahre unter dem Einfluß von Musique Concrète, Techno, Industrial und Ambient-Musik entstand und sowohl Rock- als auch HipHop-Fans anzieht.


Yusef Lateef - Bamboo Flute Blues (Remixed by Kid Koala)

Der Multiinstrumentalist Yusef Lateef, der die Bezeichnung Jazz für seine Musik seit einigen Jahren vehement ablehnt, war schon immer ein Musiker, der einen eigenen Weg ging und sich gegenüber musikalischen Einflüssen anderer Kulturen aufgeschlossen zeigte. Auf dem 1965 aufgenommenen Album "Psychecemotus" ist er beispielsweise mit einer fernöstlichen Bambusflöte (die dem vorliegenden Track auch den Titel gab) zu hören. Das Stück selbst hat indes außer dem Klang von Lateefs Bambusflöte gar nichts Fernöstliches an sich, sondern ist ein Blues reinsten Wassers.

Kid Koala (a.k.a. Eric San) zog erstmals 1995 das Interesse der Musikwelt auf sich, als er für das kanadische Label Ninja Tunes ein ebenso innovatives wie witziges Mix-Tape mit dem Titel "Scratchcratchratchatch" zusammenstellte. Schon kurze Zeit später luden ihn die Beastie Boys dazu ein, sie auf ihrer "Hello Nasty"-Welttournee zu begleiten und das Vorprogramm zu bestreiten. Nach der Veröffentlichung seines ersten eigenen Albums (im Jahr 2000), ging Kid Koala noch mehrfach mit Gruppen wie Radiohead, Deltron 3030, Lovage (ein Projekt von Dan The Automator und Ex-Faith No More-Sänger Mike Patton) und Bullfrog auf Tournee. Bekannt ist Kid Koala vor allem für seine originellen Live-Auftritte, bei denen er nicht nur Musik macht, sondern auch mit Dia-Projektionen, Animationen und Comedy-Elementen experimentiert und seine Show somit zu einer regelrechten Cabaret-Darbietung geraten läßt.


Archie Shepp - Attica Blues (Remixed by Chief Xcel of Blackalicious)

In den 60er Jahren verkörperte Archie Shepp mit seinem musikalischen und auch politischen Radikalismus für viele konservative und vornehmlich weiße Jazzfans alles, was diese am Free Jazz haßten. Sein Image konnte er erst in den 70er Jahren verbessern, als er seine freitonalen Soli überraschend mit Grooves und Songformen des populären Rhythm'n'Blues zu kombinieren begann. Auf dem 1972 veröffentlichten Album "Attica Blues" ließ er dennoch keinen Zweifel daran, daß sich an seiner Radikalität im Prinzip nichts geändert hatte. Nur verpackte er diese nun, wie hier in dem mitreißenden Titelsong, auf subversive Art in ansprechendere Formen.

Im Gegensatz zu vielen seiner HipHop-Kollegen schmiedet Chief Xcel (früher DJ IceSki) von Blackalicious und Maroon keine gewaltverherrlichenden oder frauenfeindlichen Reime, sondern häufig solche von spiritueller und aufbauender Natur. Der in der San Francisco Bay Area geborene Xcel startete seine HipHop-Karriere noch während seiner Studienzeit an der University of California in Davis. Seine damalige Posse nannte sich SoleSides Crew und featurte außer ihm auch noch DJ Shadow, Lateef the Truth Speaker und Lyrics Born. 1992 schloß sich die SoleSides Crew Blackalicious an. Chief Xcel arbeitete unter anderem schon mit dem ehemaligen Rage Against the Machine-Sänger Zack de la Rocha, Roots-Schlagzeuger ?uestlove und der Black Music-Ikone Gil Scott-Heron zusammen.


Pharoah Sanders - Astral Traveling (Remixed by Boozoo Bajou)

Auch der Saxophonist Pharoah Sanders präsentierte sich ab den 70ern als "geläuterter Free Jazzer", indem er seiner Musik auf Alben wie "Thembi" (von dem der Track "Astral Traveling" stammt) eine transzendentale Leichtigkeit gab. Als einem der wenigen Zeitgenossen und Instrumentalkollegen Coltranes gelang es ihm, eine unverkennbar eigene Stimme auf dem Tenor- und Sopransax zu finden. Das von dem Keyboarder Lonnie Liston Smith geschriebene "Astral Traveling" ist berückend meditativ.

Das Nürnberger Duo Boozoo Bajou (a.k.a. Peter Heider und Florian Seyberth) machte in der Dancefloor-Szene mit drei 12"-Scheiben ("Night Over Manaus", "Under My Sensi" & "Divers") auf sich aufmerksam. Ihr erstes volles Album "Satta" verkaufte sich weltweit rund 65.000 Mal und kursiert in entlegeneren Winkeln der Welt, wie z.B. Thailand, sogar als Bootleg. "Satta" gilt heute als Klassiker und Meilenstein der Downbeat-Szene. Die zehn Tracks dieses Albums kann man mittlerweile schon auf über 120 Compilations finden, und selbst für Fernsehwerbespots wurde ihre Musik schon mehrfach verwandt. Am bekanntesten sind sie aber aufgrund ihrer Remixe für Künstler wie Tosca, Mousse T., das Trüby Trio oder Common, Mary J. Blige, Tony Joe White, Henry Mancini und Nelly Furtado.


Oliver Nelson - Stolen Moments (Remixed by Telefon Tel-Aviv)

Obwohl Oliver Nelson ein durchaus versierter Saxophonist war, hängte er das Instrument Mitte der 60er Jahre an den Nagel, um sich bis zu seinem viel zu frühen Tod im Jahr 1975 (da war Nelson gerade mal 43 Jahre alt) ganz seiner Tätigkeit als Songwriter, Arrangeur und Bandleader zu widmen. Sein Meisterwerk als Saxophonist präsentierte er 1961 mit dem Album "The Blues And The Abstract Truth" und einer wahren All-Star-Band mit Freddie Hubbard, Eric Dolphy, Bill Evans, Paul Chambers und Roy Haynes. Nelsons hier erstmals präsentierte Komposition "Stolen Moments" ist längst ein Jazzstandard geworden.

Ihre gemeinsame Vorliebe für klassische Musik, elektronische Klänge und Ambient-Techno brachte Josh Eustis und Charles Cooper 1999 dazu, in ihrer Heimatstadt New Orleans das Electronic Music-Duo Telefon Tel-Aviv (oder auch The New Emit) zu gründen. 2001 zogen die beiden nach Chicago um, wo sie Audio-Clips für Filme, Websites und Videospiele produzierten sowie Remixe für u.a. Nine Inch Nails, Eminem, Bebel Gilberto und A Perfect Circle. Schlagzeilen machten sie schon im Rolling Stone, der New York Times, dem Keyboard Magazine, bei der BBC, in Vibe, Esquire und zahllosen anderen Publikationen.


Chico Hamilton - El Toro (Remixed by Mark de Clive-Lowe)

Dem Schlagzeuger Chico Hamilton verdankte der Jazz der 50er bis 70er Jahren die Entdeckung und Förderung vieler junger, unbekannter Talente. In Hamiltons Ensembles reiften in dieser Zeitspanne u.a. Charles Lloyd, Gabor Szabo, Larry Coryell, Steve Potts, Arthur Blythe und - als Bassist und Posaunist! - Steve Turré heran. "El Toro", von Hamiltons Impulse!-Debütalbum "Passin' Thru", featurete zum Beispiel Lloyd und Szabo. Musikalisch orientierte sich das Quintett damals am Hard-Bop jener Jahre, flirtete aber gelegentlich auch mit avantgardistischeren Klängen.

Gilles Peterson nannte ihn in seiner BBC-Radiosendung "Worldwide" einmal den Mann, "der hinter einer Million großartiger Songs steckt". Das mag zwar ein wenig übertrieben sein; Tatsache ist aber, daß der heute in London lebende gebürtige Neuseeländer Mark de Clive-Lowe ausgesprochen aktiv und vielseitig ist. Schon als Vierjähriger erhielt er klassischen Klavierunterricht, wechselte später ins Jazzlager und widmete sich dann dem HipHop und Soul. In den letzten zehn Jahren hat er den ganzen Globus bereist und sowohl mit DJs und Turntable-Künstlern als auch akustisch spielenden Jazzmusikern zusammengearbeitet. Remixe fertigte er u.a. schon von in Jazzkreisen bekannten Künstlern wie Nils Petter Molvær, Mari Boine, Danilo Pérez, Shirley Horn, Till Brönner und dem Saxophonisten Bill Evans, aber auch für Popstars wie Terence Trent D'Arby.


Ravi Coltrane feat. Julie Patton -The Night (Poem by John Coltrane, music by Ravi Coltrane)

Etwas aus der Reihe fällt auf dieser Remix-Compilation der Track "The Night", die Vertonung eines von John Coltrane geschriebenen Poems. Coltranes Sohn Ravi, mittlerweile selbst ein in der Jazzszene gefeierter Saxophonist, hat den Text mit eigener Musik unterlegt. Rezitiert werden die Worte John Coltranes von der in der New Yorker Downtown-Szene verkehrenden Dichterin und Performance-Künstlerin Julie Patton. Patton arbeitete u.a. schon mit Jazzmusikern wie Don Byron, Uri Caine, Ralph Alessi zusammen.


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