Backstage
Various Artists BACKSTAGE EXCLUSIV

Aktuelles Album

News

22.03.2006

Musica di Camera

Various Artists, Musica di Camera

Wäre Wolfgang Amadeus Mozart ein wenig angepasster gewesen, hätte er es zu Lebzeiten zu anhaltendem Wohlstand bringen können. Doch den Salzburger Sonderling interessierten die musikalischen Konventionen nur, um sich produktiv damit auseinander zu setzen. Und so schaffte er es, dass der Verleger Hoffmeister ein bereits begonnenes Projekt mit Veröffentlichungen eines Zyklus' mit Quartetten für Klavier und Streicher kurz nach dem Start der Reihe wieder absagte. Die Werke verkauften sich nicht, sie waren für ihre Zeit zu progressiv.

Das war die eine Seite der Medaille. Die künstlerische Perspektive betrachtete die Kompositionen aus einem anderen Blickwinkel. Als beispielsweise am Wiener Burgtheater im April neben zahlreichen anderen Stücken auch das Bläserquintett KV 452 uraufgeführt wurde, war Mozart derart aus dem Häuschen, dass er voller Begeisterung seinem Vater schrieb: "Ich selbst halte es für das beste was ich noch in meinem leben geschrieben habe - es besteht aus 1 oboe, 1 Clarinetto, 1 Corno, 1 fagotto, und das Pianoforte; - ich wollte wünschen sie hätten es hören können! - und wie schön es aufgeführt wurde!" Tatsächlich ist dieses Werk etwas Besonderes. Schon die ungewohnte Besetzung fällt aus dem Rahmen. Mozart hat sie so kontrastreich und zugleich dynamisch differenziert gewählt wie nur möglich. Es war übrigens erst zwei Tage vor der Premiere fertig geworden und faszinierte die Menschen im Theater durch seine Farbvielfalt und motivische Finesse. Eine spätere Aufführung des Quintetts soll sogar einen polnischen Grafen derart berührt haben, dass er umgehend ein Flötenstück bei dem Komponisten in Auftrag gab. Der allerdings war so beschäftigt, dass er Ihro Gnaden die Handschrift des Quintetts zusammen mit einer Absage schickte, was der Anekdote nach dazu führte, dass das Autograph lange in Privatbesitz blieb (inzwischen liegt es in Paris in der Bibliothèque Nationale).

Mit den Quartetten hatte Mozart weniger Glück. Sie waren seinen Zeitgenossen eindeutig zu fortschrittlich. In dem Weimarer Journal des Luxus und der Moden konnte man beispielsweise den Hinweis lesen: "Es kam vor einiger Zeit von ihm ein einzelnes Quadro (für Clavier, 1.Violine. 1.Viola (Bratsche) und Violoncell) gestochen heraus, welches sehr künstlich gesetzt ist, im Vortrage die äußerste Präcision aller vier Stimmen erfordert, aber auch bey glücklicher Ausführung doch nur, wie es scheint, Kenner der Tonkunst in einer Musica di Camera vergnügen kann und soll". Mit anderen Worten, das gemeinte g-moll Quartett KV 478 ist zu schwierig und zu anspruchsvoll für den bürgerlichen und aristokratischen Salonbedarf. Aus heutiger Perspektive ist das gerade gut so, denn mit dem 1785 entstandenen Werk weist der Komponist in der Besetzung, dem dunklen Mollcharakter und der Motivbearbeitung bereits in den Kontext der Frühromantik voraus, in dem Musik immer deutlicher ihren Charakter der Unterhaltung zugunsten des unmittelbaren, künstlerisch geformten Gefühls verlor. Jedenfalls ist es derart ungewöhnlich, dass sich sogar Koryphäen, die sonst kaum am Solo-Instrument zu erleben sind, mit diesem Meisterwerk beschäftigen. Im Juni 1984 etwa begab sich Maestro Sir Georg Solti, der nicht nur eine großartiger Dirigent, sondern auch ein ausgezeichneter Pianist war, mit Kollegen des Melos Quartett ins Studio und nahm eine seiner seltenen Darbietungen am Klavier auf. Es ist ein Dokument langjähriger Leidenschaft für ein Oeuvre und präsentiert die Eminenz des Notenpults in nachgerade juveniler Begeisterung.

Die Aufnahmen des Quintetts und der "Sonate für zwei Klaviere KV 448" wiederum entstanden bereits Mitte der Sechziger mit einem Solisten, der später erst seine Begabung fürs Dirigieren entdeckte. Es sind wunderbar transparent fließende Einspielungen mit Vladimir Ashkenazy an einem Punkt seiner Karriere, wo er bereits den ersten Höhepunkt der internationalen Wertschätzung erreicht hatte.


KOMMENTARE

Kommentar speichern