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Vladimir Ashkenazy BACKSTAGE EXCLUSIV

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08.04.2015

Brillante Miniaturen – Ashkenazy spielt Scriabin

Im April 2015 jährt sich der Todestag von Alexander Scriabin zum 100. Mal. Jetzt veröffentlicht Decca ein Album mit glänzenden Klavierminiaturen des russischen Komponisten. Am Flügel: Scriabin-Spezialist Vladimir Ashkenazy.

Vladimir Ashkenazy, Brillante Miniaturen – Ashkenazy spielt Scriabin © Ben Ealovega

Mit Scriabin ist er groß geworden. Seine Musik klang ihm bereits in den Ohren, da war er noch ein ganz junger Mann. Er nahm sie wie selbstverständlich auf. Das breite Klangspektrum und die feine Poesie dieser Musik arbeiteten in ihm. Ein genialer Kosmos war das. Musik von einem anderen Stern. Vertraut, aber irgendwie auch fremd.

Feinsinn und Leidenschaft

Es gibt wahrscheinlich keinen Pianisten, der prädestinierter wäre, Scriabin zu spielen, als Vladimir Ashkenazy. Er bündelt Fähigkeiten in einer Person, die man sonst nur bei unterschiedlichen Pianisten einzeln antrifft. Vladimir Horowitz hat wahrscheinlich am eindrücklichsten die eruptive Heftigkeit Scriabins herausgestellt. Roberto Szidon verstand sich brillant auf den poetischen Tiefsinn des russischen Komponisten. Bei Vladimir Ashkenazy hat man das Gefühl: Er kann beides. Technisch mit unfassbarer Sicherheit ausgestattet, ist sein Spiel nicht nur von wilder Leidenschaft, sondern auch von inniger Poesie. Ashkenazy bekommt die lyrischen, feinen, beinahe zerbrechlichen Passagen Scriabins genauso gut zu fassen wie die erdrutschartige Gewalt dieser Musik. Und was dabei so erstaunt: Er verbindet diese scheinbar widersprüchlichen Elemente miteinander.

Bahnbrechende Aufnahmen

Wie oft ihm das gelungen ist, davon zeugen die zahlreichen Scriabin-Aufnahmen, die er als Pianist und Dirigent in vier Jahrzehnten seines reichhaltigen künstlerischen Lebens getätigt hat. Seine 1997 als CD-Doppel-Album bei Decca erschienenen Einspielungen sämtlicher Klaviersonaten des russischen Spätromantikers und Avantgarde-Komponisten gehören zu den bedeutendsten Aufnahmezyklen der modernen Klavierliteratur überhaupt. An ihnen muss sich jeder Pianist messen lassen, der das schwierige Projekt einer Gesamteinspielung dieser Werke in Angriff nimmt. Nicht minder bedeutsam sind seine Aufnahmen des Klavierkonzerts in fis-Moll und des Poème de l’Extase, die gemeinsam mit den Sinfonien Alexander Scriabins 2003 bei Decca neu erschienen sind und Ashkenazys Doppelbegabung als Pianist und Dirigent bezeugen. Und als sei dies alles noch nicht genug, legt Ashkenazy jetzt mit "Vers la flamme" ein weiteres bahnbrechendes Scriabin-Album vor, mit dem er sich auf ein poetisch besonders anspruchsvolles Gebiet begibt: das der pianistischen Miniatur.  

Nochmalige Steigerung   

Scriabin hat mit großer Vorliebe Klavierstücke komponiert, die oft kaum länger als zwei Minuten lang sind. Er trug die Überzeugung in sich, dass in solchen Klang-Aphorismen ganze Welten verborgen liegen – hochsensible Welten, die man zerstören kann, wenn man sie zu langatmig ausbreitet. Ashkenazy weiß, was das bedeutet. Er ist ein Meister der Diskretion. Wenn er die Miniaturen Scriabins spielt, dann konzentriert er sich auf ein oder zwei Aspekte, und betörende Klangaugenblicke blühen auf. Es ist wie ein richtiges Wort zur richtigen Zeit. Genau, taktvoll, sicher und empfindsam, so spielt Ashkenazy diese kleinen Stücke, die ein vitales Gefühlsleben voller Nuancen und Wahrnehmungen zum Vorschein bringen.

Stücke wie "Feuillet d’album", "Désir" oder "Caresse dansée" sind klein, aber beileibe kein Nebenschauplatz im Schaffen Alexander Scriabins. Im Gegenteil: Sie sind Juwelen einer Sonderbegabung des russischen Komponisten, und auf diese Juwelen versteht sich kein Interpret so gut wie Vladimir Ashkenazy. Wenn er dann am Ende des Albums noch ein Stück von Julian Alexandrowitsch Scriabin spielt, dem Sohn des Meisters, dann stockt einem schier der Atem, so schön klingt das. Der Junge komponierte das Stück mit 10 Jahren. Er setzte die Tradition des Vaters fort. Was daraus alles hätte werden können, wenn das Kind nicht so bald schon gestorben wäre! So erinnert Ashkenazy mit dieser berührenden Interpretation auch noch an ein künstlerisches Potenzial, das leider nie ausgeschöpft wurde.


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