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10.04.2003

Freiheit der Violine

Vladimir Ashkenazy, Freiheit der Violine

Als Beethoven seine Violinsonaten schrieb, arbeitete er gegen den Trend. Mit Ausnahme einiger Werke von Mozart war die kleine Form an der Schwelle zum 19. Jahrhundert dem Klavier als dominierendem Instrument vorbehalten, das allenfalls von der Geige begleitet werden durfte. Beethovens Idee jedoch war eine andere. Er wollte zwei gleichberechtigte musikalische Partner nebeneinander stellen. Und so fordern seine Violinsonaten viel von ihren Interpreten, selbst wenn sie Itzhak Perman und Vladimir Ashkenazy heißen.

Der junge Pianist Joseph Gelinek gehörte zum Kreis um die fürstlichen Häuser Lichnowsky, Schwarzenberg und Lobkowitz, deren Soireen sich seit den 1790er Jahren zu Wiener Gesellschaftsereignissen entwickelt hatten. Dort traf man hervorragende Musiker, die um des Ansehens und der Wertschätzung willen um die Wette konzertierten. An einen dieser Abende erinnerte sich Gelinek mit freudigem Schauer: "Nie hab' ich so spielen hören! Er [der Pianist] phantasierte auf ein von mir gegebenes Thema, wie ich selbst Mozart nie fantasieren gehört habe. Dann spielte er eigene Kompositionen, die im höchsten Grade wunderbar und großartig sind, und er bringt auf dem Klavier Schwierigkeiten und Effekte hervor, von denen wir uns nie etwas haben träumen lassen. Er ist ein kleiner, hässlicher, schwarz und störrisch aussehender junger Mann, den der Fürst Lichnowsky vor einigen Jahren von Deutschland hierher gebracht, um ihn bei Haydn, Albrechtsberger und Salieri die Komposition lernen zu lassen, und er heißt Beethoven".

 

Das war zu einer Zeit, als der Neuling sich gerade in der Wiener Szene zu etablieren begann. Die Salons machten Beethoven zu einem gefragten Mann, der allerdings auch den Geschmäckern der Zeit entgegen kam. Am besten ließ sich zum Beispiel Kammermusik verkaufen, Trios etwa, oder noch kleinere Besetzungen, die dann in den Salons und Unterrichtsstunden der höhern Töchter nach Noten reproduziert werden konnten. Auch für Beethoven ließ sich auf diese Weise die Reputation und das Geld im Säckel vermehren. An seinen Freund Franz Wegeler schrieb er etwa im Juni 1801: "Meine Kompositionen tragen mir viel ein, und ich kann sagen, dass ich mehr Bestellungen habe, als das fast möglich ist, dass ich machen kann". So entstanden auch die Violinsonaten zwischen 1797 und 1812 innerhalb einer vergleichsweise kurzen Lebensspanne - in zwei Zyklen von je drei Stücken und vier Einzelwerken -, und die meisten von ihnen erlebten ihre Uraufführungen im Rahmen der Soireen der Wiener Hautevolee. Sie erfreuten sich schnell weitreichender Beliebtheit und wurden in den folgenden Jahren für diverse andere Instrumentenkombinationen bearbeitet, darunter für Cello, Flöte, Streichquartett und sogar Orchester. Die klare Form aber blieb der Dialog zweier Künstler an Klavier und Geige, die anhand der nur auf den ersten Blick simplen Kompositionen die Meisterschaft der gemeinsamen Interpretation vorführen konnten.

 

So ist es bis heute geblieben. Itzhak Perlman und Vladimir Ashkenazy sind dafür das beste Beispiel. Als sie sich zu Beginn der siebziger Jahre an die Gesamt-Aufnahme der Violin-Sonaten machten, galten sie beide bereits als große Künstler ihres Fachs. Perlman hatte es trotz krankheitsbedingter Probleme geschafft, sich seit seinem Debüt in der Carnegie Hall 1963 schrittweise zu einem vielgefragten Solisten entwickelte, der vergleichbar seinem Pendant Gidon Kremer, mit Phantasie die Grenzen der Violinenliteratur überschritt. Wladimir Ashkenazy wiederum hatte bereits 1955 durch seinen 2.Preis beim renommierten Chopin-Wettbewerb, im Jahr darauf durch die Siegertrophäe beim Brüsseler Concours Reine Elisabeth auf sich aufmerksam gemacht. Beide Künstler ergänzten sich auf angenehm uneitle Weise und spielten seit Beginn der Siebziger häufig die Beethoven-Sonaten vor Publikum. So waren die Aufnahmen, die zwischen Oktober 1973 und November 1975 in der Londoner Kingsway Hall entstanden, nicht nur von der Intuition des Augenblicks bestimmt, sondern zugleich das Resultat einer langjährigen Zusammenarbeit. Und genau das hört man ihnen an. Denn nur mit derartigen Voraussetzungen kann eine Mischung sich bewähren, die den Ernst der Könnerschaft mit der Leichtigkeit der Individualität vereint. So entstehen Maßstäbe, an denen sich die folgenden Interpretationen messen lassen müssen.

 

Die Referenz:

 

"Die Gesamteinspielung von Beethovens Sonaten für Violine und Klavier gehören zu den besten Leistungen, an denen Perlman beteiligt war. Die größeren dynamischen Möglichkeiten der CD kamen dem Aussagewillen der Interpreten in außergwöhnlichem Maße zugute" (W.Wendel in FonoForum 12/83)

 

Näheres zur Referenz-Reihe unter http://www.referenzaufnahmen.de


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