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13.06.2003

Von innen heraus

Vladimir Ashkenazy, Von innen heraus

Der erste Schritt ist die Nachahmung. Beherrscht man sie, dann kann man sich an die Verselbständigung der eigenen Tonsprache wagen. Auch für Rachmaninov war die Umarbeitung berühmter Werke für sein Instrument Klavier ein wesentlicher Ausgangspunkt, die Klangwelten der anderen von Bach bis Tschaikovsky zu verstehen. Vladimir Ashkenazy spürt den Transkriptionen nach und gestaltet ein ungewöhnliches Portrait des russischen Komponisten.

Eine gute Transkription ist nicht nur die Übertragung eines Kunstwerkes auf eine andere Instrumentengruppe. Je nach Charakter des Bearbeiters ist sie zugleich auch dessen Visitenkarte, die die Versiertheit im Umgang mit den Gestaltungsideen der Referenzgrößen dokumentiert. Als Rachmaninov die Bach'sche Partita E-Dur für das Klavier transkribierte, war er bereits 50 Jahre alt und sowohl als Pianist, wie als Dirigent und Komponist ein gefragter Mann. Umso mehr reizte es ihn, sich mit den eigenartig monolithischen Werken des barocken Meisters auseinander zu setzen. Drei Sätze schrieb er um, behielt zwar die Struktur bei, ließ aber vor allem in den Details wie der Chromatik seinen eigenen Stil sprechen. Das gilt auch für die meisten anderen Adaptionen, die er im Laufe seines Lebens für das Klavier schuf. Sie sind zugleich Blaupause wie Kolorierung des Originals und zuweilen sogar zeitgenössisch pfiffiger als die Vorlage. Für Rachmaninov übrigens war es ganz selbstverständlich alles nachzuspielen, was ihm in den Sinn kam. Das kannte er bereits aus seiner Kindheit, denn zu den frühesten Erinnerungen zählten die Hausmusiken, vierhändig mit Großvater Arkadi, oder die Musikstunden seines Vaters Wassili, der obschon kein grandioser Musiker, den Sohn doch mit zahlreichen Stücken der damaligen Salonkultur vertraut machte. Eines davon, ursprünglich die "Scherzpolka" von Franz Behr, hielt der Rachmaninov sogar für eine originäre Schöpfung, die er wiederum für sich bearbeitete und unter dem Titel "Polka de W.R." transkribierte.

 

So entstand über die Jahre hinweg ein ansehnliches Repertoire mit bekannten Stücken im neuen Gewand, die der gefragte Pianist auch immer wieder live in Konzerten vortrug. Vladimir Ashkenazy suchte sich ein gutes Dutzend der Bearbeitungen von Bach bis Kreisler heraus und machte daraus ein eigenes Solo-Programm, dem er Originalkompositionen von Rachmaninov gegenüber stellte. Da hat es Paradestücke wie Rimsky-Korsakovs "Hummelflug", aber auch melancholische Balladen wie Kreislers "Liebesleid". Dabei beeindrucken nicht nur die musikalischen Finessen der Transkriptionen, sondern auch die pianistischen Fähigkeiten des inzwischen 65jährigen isländischen Klaviervirtuosen russischer Herkunft. Als besonderes Zuckerl lädt er außerdem seinen Sohn Vovka und seine Frau Dódy mit ans Klavier, um vier- und sechshändige Ideen Rachmaninovs adäquat (im Sinne gehobener Hausmusik) umsetzen zu können. Resultat der im Dezember 2000 in den Berliner Teldec-Studios aufgenommenen Kabinettstückchen der Konzertsaalkultur ist eine angenehm vielseitige und zugleich in sich stimmige Hommage an den russischen Komponisten, die ihn von der verspielten und verschmitzten Seite präsentiert.


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