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08.03.2006

Großes im Kleinen

Vladimir Ashkenazy, Großes im Kleinen

Wenn man bedenkt, dass Johann Sebastian Bach seine Sammlung von Präludien und Fugen ursprünglich für seinen neunjährigen Sohn Wilhelm Friedemann schrieb, kann man sich bis heute nur wundern. Denn das (später allerdings überarbeitete) "Wohltemperierte Klavier" gehört zu den zeitlosen Meisterwerken der Musikliteratur und weist auch nach knapp 300 Jahren noch keinerlei thematische Ermüdungserscheinungen auf. Im Gegenteil: Mit jedem Pianisten, der sich den beiden Zyklen annimmt kommt eine neue Farbe hinzu, eine weitere Deutungsvariante, die dem Werk andere Nuancen und Details abgewinnt. Und so wundert es nicht, dass sich auch ein Weltklassepianist wie Vladimir Ashkenazy den anspruchsvollen, nach Perfektion verlangenden Miniaturen annimmt.

Für Bach war es dreierlei: Zunächst schrieb er aus kompositorischem Ehrgeiz, um sich selbst zu testen, welche Meisterschaft er in einer bestimmten Gattung an den Tag legen konnte. Eine weitere wichtige Motivation war die Vervollkommnung der praktischen und theoretischen Kenntnisse seiner Kinder und Schüler, an deren künstlerischen Kompetenzen er als Vater und Pädagoge interessiert war. Drittens schließlich verstand der jedes Werk auch als eine Hymne zu Ehren des Schöpfers, der ihm seine Begabung mit auf die Lebensreise gegeben hatte. Im Falle des "Wohltemperierten Klaviers" stand allerdings in erster Linie der didaktische Effekt im Vordergrund. Im Jahr 1720 begann der Vater für seinen Lieblingssohn Wilhelm Friedemann mit der Abfassung eines Übungsbüchleins, das dem Knaben beim Erlernen pianistischer Fertigkeiten behilflich sein sollte. Dieses ursprüngliche Unterfangen weitete sich bald zu einem Zyklus von 24 Präludien und Fugen aus, die alle Tonarten in ausgeklügelten Variationen umfassten. Bach dachte zunächst nicht daran, diese Sammlung auch zu veröffentlichen, erlaubte jedoch seinen Schülern, die Stücke zu kopieren und zum täglichen Gebrauch sich anzueignen. Schließlich wurden sie aber doch in Druck gegeben, unter dem umfänglichen, barocken Titel "Das Wohltemperierte Klavier oder Praeludia und Fugen durch alle Tonarten und Semitonia, sowohl tertiam majorem oder Ut Re Mi anlangend, als auch tertiam minorem oder Re Mi Fa betreffend". Der Begriff des Klaviers wurde dabei nicht im engen heutigen Sinne verstanden, sondern bezog sich auf prinzipiell alle Tasteninstrumente mit Ausnahme der großen Kirchenorgel.

Soweit wäre es bereits faszinierend genug gewesen. Warum Bach sich zwei Jahrzehnte nach dieser ersten Sammlung noch einmal des Themas annahm und weitere 24 Kompositionspaare komponierte, die später als Teil 2 des "Wohltemperierten Klaviers" herausgegeben wurden, ist nicht endgültig geklärt. In jedem Fall sind die einzelnen Kompositionen im Durchschnitt länger und komplexer als deren Vorgänger, vielleicht auch speziell für das in Mode gekommene Fortepiano konzipiert. Für Pianisten jedenfalls hat es bis heute einen großen Reiz, diese 48 in sich abgeschlossenen, aber auch als Ganzes funktionierenden Kunstwerke als Einheit zu interpretieren. Auch Vladimir Ashenazy konnte ihrem Charme auf Dauer nicht widerstehen, auch wenn er lange damit gewartet hat, den ganzen Zyklus mit beiden Teilen auf CD zu bannen.

 

Im Juli kommenden Jahres feiert der im russischen Gorki geborene Pianist seinen 70.Geburtstag und quasi als Vorbote dieses Jubiläums hat er sich von seinem seit den Achtzigern bevorzugten Platz am Dirigentenpult fortbewegt und zu seiner ursprünglichen Leidenschaft zurückgefunden. In jungen Jahren als Beethoven-, Mozart- und Chopin-Interpret international gefeiert, fügt er nun mit den beiden Teilen des "Wohltemperierten Klaviers" seinem Repertoire einen wesentlichen Beitrag hinzu, der ihn unbestritten weiterhin in der ersten Liga der Klaviervirtuosen verortet. Denn die aus Mischung Erfahrung und Esprit, aus spieltechnischem Witz und analytischer Brillanz kann nur jemand zustandebringen, der auf ein reichhaltiges und abwechslungsreiches Künstlerleben zurückblickt. Dann bekommen die Übungsstücke aus der Feder Bachs jenen entrückten Hintersinn, der alle pädagogischen Absichten vergessen lässt.


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