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18.06.2009

Biografie Yuja Wang

»Mit dem Namen Wang bin ich nicht recht glücklich«, sagt Yuja Wang. »Jeder zweite Chinese heißt Wang. Eigentlich möchte ich am liebsten einfach Yuja genannt werden.« Sie legt den Kopf schief und lacht. Yujas Lachen scheint doppelt so groß zu sein wie sie selbst. Ihre winzige Hand kann sich auch doppelt so weit strecken, wie es nach anatomischen Gesetzen möglich sein sollte. So vieles ist ungewöhnlich an dieser jungen Musikerin. »Tradition?«, fragt sie. »Ich glaube, sie besteht im Grunde darin, dass ein Lehrer eine Reihe von Schülern hat, und die wiederum unter­richten andere Schüler. Ich weiß nicht. Nein, warten Sie. Ich glaube, Tradition ist eigentlich ein Jung'scher Archetypus. Jeder weiß irgendwie unbewusst, dass etwas Bestimmtes mit einem Stück oder im Leben gemacht werden muss. Es ist etwas Kollektives.«

Yuja Wang erscheint zart, aber sie strahlt Kraft aus. Sie verbindet Höflichkeit mit Selbstver­trauen und der Fähigkeit, mit schalkhaftem Humor zuzuhören. Sie liebt es, dem Gespräch überraschende Wendungen zu geben. Wer Yuja (oder Yujia) Wang googelt, findet sie auf »You Tube« im weißen Rüschenkleid und mit Blumen-Haarspangen - sie sieht aus, als gehöre sie in den Kinder­garten, und spielt dabei Chopin und Liszt mit träumerischer, kristallklarer Perfektion. Das war erst vor zehn Jahren. Wann kamen nur die Jung'schen Archetypen dazu?

Vielleicht würde sie sagen, sie seien schon immer da gewesen. Aber Yuja Wang führt ihr Interesse an deutscher Philosophie auf die Zeit zurück, als sie mit 14 Jahren allein nach Kanada reiste und im Jahr darauf ihr Studium am Curtis Institute in Philadelphia begann. »Es ist eine ganz andere Kultur der musikalischen Ausbildung«, erklärt sie. »In China war ich völlig sicher: Wenn ich genau das tat, was mein Lehrer mir vorschrieb, würde ich gut sein. Aber in Kanada und den USA sagte mir keiner mehr, was ich tun sollte. Es wurde eine Art Forschungsprozess, eine Detektivarbeit. Wenn ich Liszt spielte, las ich also Goethes Faust und hörte Wagner-Opern. Ich ging in Museen. Ich versuche, den kulturellen Hintergrund in mein Unterbewusstsein aufzu­nehmen, so dass vielleicht etwas davon in mein Spiel einfließt.«

Yuja Wangs Fähigkeit, im Gespräch von chinesischer Geschichte über amerikanische Gegen­wartskunst zur deutschen Literatur zu gelangen, wäre bei jeder 21-Jährigen erstaunlich, und das ist sie umso mehr angesichts ihrer unkonventionellen Schulausbildung. Yuja Wang ist Tochter einer Tänzerin und eines Schlagzeugers, und sie erhielt bis zum Alter von sieben Jahren Hausunterricht. Danach besuchte sie morgens die Schule und nachmittags das Konservatorium in Peking, bis sie nach Calgary (Kanada) ging. Ihre außermusikalische Ausbildung folgt seither ihren jeweiligen Nei­gungen, und ihr umfassendes Allgemeinwissen ist Ausdruck ihrer unge­wöhnlich lebhaften Wiss­begier.

»Als ich am Pekinger Konservatorium studierte, lag der Schwerpunkt auf der Zeit vor Brahms«, erzählt Yuja. »Ich spielte keine Kammermusik und hörte auch keine Aufnahmen oder Orchester­musik. Wir hatten jedes Semester eine Prüfung, und das ganze Semester wurde damit verbracht, jedes Stück so ausgefeilt wie möglich zu spielen. Ich beschränkte mich nicht auf das vorge­schriebene Repertoire, und meine Lehrerin, die in Russland studiert hatte, versuchte meine Ausbildung anders zu gestalten. Sie war sehr gründlich, sehr kultiviert. Aber in China war die Ausbildung immer noch ziemlich schmalspurig. Ich hörte nie etwas von George Crumb oder Arvo Pärt. Ich wusste nichts von einer Gegenkultur.« Die Dinge haben sich seit Yuja Wangs Abreise gewandelt - sieben Jahre sind eine lange Zeit im heutigen China. »Jetzt hat das Pekinger Konservatorium ein neues Gebäude«, berichtet sie weiter, »und die jungen Leute haben begon­nen, Messiaen und Ligeti zu spielen.«

Seit ihrer Kindheit war Yuja Wang gewohnt, Wettbewerbe zu gewinnen, und sie kann eine Vielzahl von Preisen aus China, Japan, Spanien und Deutschland vorweisen. So war es nur konsequent, als sie im Alter von 16 Jahren einen Manager engagierte und ihre berufliche Laufbahn als Pianistin begann. Und für Yuja war es ganz selbstverständlich, ihrem Manager mitzuteilen, dass sie gern Aufnahmen für das Gelbe Label machen würde. »Auf der ersten CD, die ich je hörte, spielte Pollini Werke von Chopin. Deutsche Grammophon war das Label, das ich mir immer für meine Aufnahmen gewünscht habe.«

Yuja Wang hat eine Vorliebe für virtuose Transkriptionen, aber letztlich wurde die Idee eines Debüt-Albums mit einem Programm von spektakulären kleinen Stücken zugunsten eines gewichtigeren Repertoires aufgegeben. »Ich wollte eine spezifische künstlerische Aussage machen«, erklärt sie. Die Gemeinsamkeiten von Liszts größtenteils 1854 komponierter Faust-Symphonie und seiner 1853 vollendeten Klaviersonate brachten Yuja zu Goethe, dessen Werk ein roter Faden dieses Albums ist. In der Musikwissenschaft ist es allerdings umstritten, in welchem Maße die gewaltige Sonate sich programmatisch auf die Faust-Legende beziehen lässt. Doch Yuja Wang sieht hier Ver­bindungen.

Schon als 14-Jährige hatte sie sich mit dem Stück beschäftigt. Nach einer Pause von mehreren Jahren war sie nun bereit, einen neuen Blick auf die h-moll-Sonate zu werfen, und kam zu dem Schluss, dass sie als Hauptwerk für ihre erste Aufnahme gut geeignet wäre. Zusammen mit Chopins Sonate in b-moll. »Die Chopin-Sonate ist nicht sehr typisch für den Komponisten«, stellt sie fest. Das besonders durch den Trauermarsch im dritten Satz bekannte, 1837/39 entstandene Werk ist ungewöhnlich aufgewühlt und düster und stieß bei den zeitgenössischen Kritikern auf Unverständnis. »Der letzte Satz deutet weit voraus, er ist in überraschender Weise geradezu prophetisch«, erklärt die Pianistin. »Chopin schrieb so viele perfekte Kompositionen, aber seine Sonate Nr. 2 ist nicht perfekt. Und mir gefällt diese Unvollkommenheit.«

Das Werk ist Vorbild für Skrjabins Sonate in gis-moll, die nach fünfjähriger Entstehungszeit 1897 erschien. Auch sie ist untypisch für den Komponisten - im Gegensatz zu Chopins Sonate jedoch eher rückwärtsgewandt, das heißt viel impressionistischer und romantischer als Skrjabins spätere Werke. Entsprechend lautet der Untertitel »Sonate-Fantaisie«. Die Musik des russischen Symbolisten wurde im Laufe seines kurzen Lebens immer exzentrischer, doch in seiner Sonate Nr. 2 zeigt sich diese Tendenz nur in der Anforderung, eine Duodezime zu spielen, ein gewaltiges Intervall, das nur für einen Pianisten mit wahrhaft riesigen Händen spielbar ist - oder für Pragmatiker, die sich mit einem Arpeggio begnügen.

»Ich wollte die Verbindung zwischen Chopin und Skrjabin aufzeigen«, sagt Yuja Wang. »Ich mag Skrjabins frühe Werke. Diese Sonate wirkt irgendwie improvisatorisch. Sie ist wie eine Fantasie­welt. Die Liszt-Sonate ist keine Fantasie. Sie ist wie Himmel oder Hölle. Wie das reale Leben. Und als Kontrast zu Chopin und diesen großen romantischen Werken habe ich Ligeti gewählt.« Seine zwischen 1985 und 1994 veröffentlichten Etüden sind für den Interpreten taktile Erlebnisse, funkelnde klangliche Edelsteine, unterschiedlich in ihrer Konzeption und außeror­dentlich virtuos in ihrem technischen Anspruch. Manche sehen in ihnen die besten Klavierwerke der letzten 50 Jahre. In der Etüde Nr. 4, »Fanfare«, gibt es Anspielungen auf die Musik des Jazzpianisten Thelonious Monk, während die brillante, farbenreiche Atmosphäre der Etüde Nr. 10, »Der Zauberlehrling«, deutlich an Chopin erinnert. »Mich interessierte die hypnotische Wirkung der Vierten Etüde«, erklärt Yuja Wang. »Was Ligeti schrieb, ist sehr mathematisch. Aber es kann unglaublich wirkungsvoll sein. Die Etüden stehen hier wie kleine Brillanten zwischen den größeren Werken.«

Über die Frage, wo sie sich selbst in zehn Jahren sieht, denkt Yuja Wang erst einmal einen Augenblick nach. »Ich bin auf der Suche . . . ich versuche, meine eigene Stimme zu finden. Ich glaube, das ist in der heutigen Welt unbedingt nötig. Vielleicht komponiere ich eines Tages . . . es könnte auch Spaß machen zu dirigieren. Im Moment geht es mir aber darum, mich einfach auf das einzulassen, was auf mich zukommt, und es mit meiner Musik auszudrücken.«

Shirley Apthorp


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