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24.05.2002

Nocturnes aus Tschungking

Yundi, Nocturnes aus Tschungking

Die Juroren in Warschau waren überrascht. Zwar war ihnen zu Ohren gekommen, dass der junge Mann aus China eine besondere Begabung für Chopin hatte. Doch dass er alle Konkurrenten in Grund und Boden spielen würde, war nicht zu erwarten gewesen. Nach 15 Jahren Pause bekam mit Yundi Li erstmals wieder ein Pianist den 1. Platz des renommierten Chopin-Wettbewerbes zugesprochen. Und das ist erst der Anfang.

Yundi Li war neun, als er beschloss, Pianist zu werden. Zwei Jahre zuvor hatte er damit begonnen, sich ernsthaft mit dem Instrument auseinander zu setzen, nachdem er im Kindergarten zunächst an das Akkordeon gesetzt worden war. Es war eine gute Zeit für Hohe Kunst, denn die politische Führung in Peking war daran interessiert, nach dem Massaker am Platz des Himmlischen Friedens nach außen der Welt gegenüber wieder als Kulturnation zu erscheinen. Der Junge aus Tschungking wurde gefördert, brachte mehrere Wettbewerbe im eigenen Land hinter sich, hatte aber zunächst noch das Problem, über die Oberfläche der technischen Perfektion hinaus die besonderen Geheimnisse der Interpretation zu ergründen. In einem Alter, in dem seine Spielkameraden gerade erst dem Bolzplatz entwuchsen, machte er sich daher bereits über große Lehrer der Zunft Gedanken. Li ging in die USA, gewann auch dort mehrere Jugendwettbewerbe und wurde mit der Vielfalt des pädagogischen Angebots konfrontiert. Er wolle ein neuer Zimerman werde, äußerte er in einem Interview, mit dem Wissen darum, dass ihn sein großes Vorbild am Klavier bereits mit der Begründung abgelehnt hatte, dass er ihm kaum noch etwas beizubringen habe.

 

Der eigentliche Durchbruch aber kam anno 2000 in Warschau. Yundi Li schaffte es nicht nur, in der Tradition seiner illustren Vorgänger wie Maurizio Pollini und Martha Argerich die Jury von seiner kraftvollen und energischen Spieltechnik zu überzeugen. Er bekam außerdem einen Sonderpreis für die am besten interpretierte Polonaise und konnte auf diese Weise den Kritikern, die dem 18jährigen noch keine inhaltliche Tiefe zutrauten, das fachmännische Urteil der gestrengen Juroren entgegenhalten. So wundert es kaum, dass er sich für sein Debütalbum ebenfalls Chopin ausgewählt hat, um die breite Öffentlichkeit der Kulturszene von seiner musikalischen Kompetenz zu überzeugen. Sein Recital spielt mit den emotionalen Facetten des Meisters, von den heroischen Gefühlen der "Grande Polonaise Es-Dur" und dem machtvollen Pathos des "Impromptus No.4, cis-moll" bis zu den zarten und zerbrechlichen Momenten einer "Nocturne op 15. Nr.2, Fis-Dur". Li überzeugt durch die Finesse im Detail, die prickelnde Eleganz seiner Läufe, die wuchtige Schwere der Akkorde. Obwohl zur Zeit der Aufnahme gerade 19 Jahre alt, entlockt er dem Repertoire eine Unmittelbarkeit, die sonst nur lang erfahrenen Pianisten gelingt. So wird deutlich, dass mit Yundi Li ein Talent die Szene betritt, das das Zeug dazu hat, in nur wenigen Jahren die Konzertsäle der Kulturwelt zu erobern.


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