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Gidon Kremer
22.02.2017

Voller Sehnsucht – Gidon Kremer spielt Rachmaninov

Gidon Kremer überlässt nichts dem Zufall. Wenn er musiziert, dann möchte er frei sein. Deshalb steckt er den Rahmen, in dem seine Projekte stattfinden sollen, schon im Vorhinein sorgsam ab. Dazu gehört auch die kluge Auswahl seiner musikalischen Partnerinnen und Partner. Sie sollen zu ihm passen. Schön ist, wenn er sie bereits kennt. Mindestens sollten sie jedoch ähnliche Neigungen haben wie er und die Kunst in den Mittelpunkt ihres Interesses rücken.
“Musik ist für mich eine Energiequelle”, so Gidon Kremer, “und ich möchte diese Energie vermitteln – durch Töne, durch mein Repertoire, durch meine Entscheidung für die Zusammenarbeit mit bestimmten Musikern.” Wichtig ist dem lettischen Meistergeiger, dass die Chemie zwischen den Kammermusikern stimmt. Sie sollten füreinander offen sein. Gidon Kremer legt größten Wert auf verlässliche Partner, auf echte Wegbegleiter, “mit denen ich in der Sprache der Musik kommunizieren kann”.

Dreamteam: Gidon Kremer an der Seite von Daniil Trifonov und Giedrė Dirvanauskaitė

Das neue Album des preisgekrönten Geigers, das jetzt drei Tage vor seinem 70. Geburtstag am 27. Februar 2017 erscheint, demonstriert beinahe mustergültig sein Selbstverständnis als Musiker. Mit Kreislers Preghiera und den beiden Trios élégiaques von Sergej Rachmaninov hat Gidon Kremer sich ein hochpersönliches, ihn tief bewegendes Repertoire erwählt. Mit dieser Musik vermag er sowohl seinen lyrischen Neigungen als auch seiner leidenschaftlichen Impulsivität Ausdruck zu verleihen.
Damit das gelingt, hat Kremer sich einen Pianisten und eine Cellistin an Bord geholt, die seinen hohen Ansprüchen genügen. Der lettische Meistergeiger kennt Daniil Trifonov und Giedrė Dirvanauskaitė aus der gemeinsamen Zusammenarbeit bei seinem Kammerorchester, der Kremerata Baltica. Die litauische Streicherin fungiert dort als Erste Cellistin, und der russische Pianist ist bei dem Ensemble bereits als Konzertsolist aufgetreten. Was die drei eint, ist die Liebe für Rachmaninow, für seine bewegend-melancholische, zutiefst menschliche Klangpoesie.

Herzensangelegenheit: Ein hochpersönliches Album

Dass die drei auf einer Wellenlänge sind, merkt man dem Album sofort an. Obwohl jeder als individueller Musiker in Erscheinung tritt, ziehen sie doch gemeinsam an einem Strang und erzeugen so einen schlüssigen Gesamtklang. Umso schöner kristallisieren sich die harmonischen Finessen von Sergej Rachmaninov heraus. Der glasklare Klang der beiden Trios élégiaques ist hinreißend.
Jeder Note, jedem musikalischen Detail wird hier Beachtung geschenkt, und das verleiht der melancholischen Stimmung, die der russische Komponist ausbreitet, eine fast schon tröstliche Gestalt. Es ist, als ob die Trauer, die der Komponist empfindet, durch das Gerüst der Musik eine Relativierung erfährt. Hochgespannt interpretieren Kremer, Trifonov und Dirvanauskaitė das zweite der beiden elegischen Klaviertrios.
Rachmaninov komponierte es in tiefer Trauer über den Tod Tschaikowskys. Das Werk vibriert förmlich. Man spürt regelrecht den Schock, von dem der Komponist heimgesucht wurde und den er in ergreifender Weise musikalisch zu bewältigen sucht. Das erste Trios élégiaque klingt da schon tänzerischer, gelöster, obgleich es an Tiefsinn dem ersten in nichts nachsteht.
Bevor die Hörerinnen und Hörer in die seelischen Tiefen von Rachmaninov abtauchen, werden sie jedoch von Gidon Kremer und Daniil Trifonov mit Fritz Kreislers Preghiera verwöhnt. Das Werk greift eine sehnsuchtsvolle Melodie aus Rachmaninovs Zweitem Klavierkonzert auf. Gidon Kremer spielt sie mit hingebungsvoller Inbrunst, und so gerät sein Geburtstagsalbum auch zu einem Statement: Große Gefühle sind erlaubt!  
 
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