John Coltrane | News | Coltrane zum Lesen

21.01.2005

Coltrane zum Lesen

“Vielleicht das vollkommenste Gott gewidmete Kunstwerk seit Michelangelos Gestaltung der Sixtinischen Kapelle”, urteilte der amerikanische Kritiker John Ballon einst über John Coltranes Klassiker “A Love Supreme” und sprach damit sicher vielen Fans des Saxophonisten aus der Seele. Aber selbst wenn man der Meinung ist, daß dieser Vergleich vielleicht doch ein bißchen zu gewagt sei, kommt man nicht umhin zu konstatieren, daß “A Love Supreme” ganz zweifellos eines der großartigsten Jazzalben aller Zeiten ist.
“Nach Ansicht fast aller Kritiker ist die 1964 entstandene Aufnahme der vierteiligen Suite ‘A Love Supreme’ Coltranes wichtigstes auf Platte dokumentiertes Werk”, meinten Gert Filtgen und Michael Außenbauer in ihrer beim Oreos-Verlag (www.oreos.de) erschienenen, aber längst vergriffenen Coltrane-Biographie. “Coltrane legt hier erstmals öffentlich seine tiefe Religiosität dar, welche die Grundlage seiner Existenz und seines Schaffens als Musiker bildet.”

Das 1965 erstveröffentlichte Meisterwerk des einflußreichsten Tenorsaxophonisten des modernen Jazz hat bis heute nichts von seiner Magie verloren. Und um diesem Zauber zu erliegen, muß man noch nicht einmal religiöse Anwandlungen haben. Erst kürzlich wurde “A Love Supreme” von der Redaktion des Wochenmagazins Philadelphia Weekly nicht nur zum besten Philly-Album aller Zeiten gekürt, sondern stand darüber hinaus auch noch auf der Antwortliste ausnahmslos aller, die an der Umfrage teilgenommen hatten.

Als John Coltrane im Dezember 1964 mit dem Pianisten McCoy Tyner, Bassist Jimmy Garrison und Schlagzeuger Elvin Jones ins Tonstudio ging, um dort in wenigen Stunden die rund 33minütige Originalversion von “A Love Supreme” aufzunehmen, befand sich der Saxophonist bereits auf dem Höhepunkt seiner Popularität. Das Album stellt indes alles, was Coltrane davor eingespielt hatte (und auch alles, was er danach noch aufnehmen sollte) in den Schatten: “A Love Supreme” ist nach wie vor Coltranes bekanntestes, sein von der Kritik am meisten gefeiertes und darüberhinaus auch noch sein bestverkauftes Album. Erst vor kurzem erlangte “A Love Supreme” (das es derzeit als normale CD, SACD und in einer “De Luxe”-Ausgabe mit Bonus-Tracks gibt) Goldstatus, weil es sich in 35 Jahren über eine Million Mal verkaufte. Was für einen Popstar eine bescheidene Leistung wäre, bei einem Jazzalbum, zumal wenn es so ganz ohne zugkräftige und mitsummbare Standards daherkommt, ein phänomenales Ergebnis ist.

Die Geschichte dieses Albums hat der amerikanische Autor Ashley Kahn für sein Buch “A Love Supreme – The Story Of John Coltrane’s Signature Album” nachrechechiert. Jetzt ist das 344 Seiten starke Buch in einer deutschen Übersetzung von Michael Hein unter dem Titel “A Love Supreme – John Coltranes legendäres Album” (ISBN 3807700307, 22 Euro) bei Rogner & Bernhard/Zweitausendeins erschienen. In dem Buch, zu dem Elvin Jones die Einleitung schrieb, ließ Autor Kahn u.a. Pianist McCoy Tyner und Toningenieur Rudy Van Gelder, Alice Coltrane, Sonny Rollins, Jackie McLean, Charles Lloyd, Pharoah Sanders, Archie Shepp, Art Davis und Produzent Creed Taylor zu Wort kommen.

In der Online-Ausgabe der Zeit erschien gestern eine begeisterte Rezension dieser ungewöhnlichen Jazzlektüre. “Wie also soll einer schreiben über einen Künstler, den jener Ernst umgibt, den man oft mit Humorlosigkeit verwechselt, der zum Inbegriff einer Spiritualität wurde, die in der höchsten Liebe ihren Ausdruck fand – in A Love Supreme, wie John Coltrane sein legendäres Album 1965 nannte?‘, fragt sich Rezensent Kontrad Heidkamp. ”’Wie Bach und Mozart erhob Coltrane Musik aus dem säkularen in den Bereich ernster, religiöser Weltmusik’, zitiert der amerikanische Autor Ashley Kahn den Saxofonisten Archie Shepp. Kahn spaltet sich in seinem Buch in drei Personen: den musikalischen Verehrer, den Reporter der religiösen Unter- und Obertöne und den bienenfleißigen Sammler aller auffindbaren biografischen Krumen. Ein umso schwierigeres Unterfangen, da es nur um eine einzige Schallplatte geht, ein Werk von 33 Minuten Dauer, das am 9. Dezember 1964 zwischen 20 Uhr und Mitternacht aufgenommen wurde und zur Essenz des 20. Jahrhunderts zählt. Vergleichbar nur jener Jazzplatte, der Ashley Kahn sein vorangehendes Buch widmete: Kind Of Blue, eine Schöpfung des Miles Davis Sextetts, zu dem auch John Coltrane zählte."
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