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21.09.2017

Sweet Pea Atkinson – der unbesungene R&B–Held

35 lange Jahre nach seinem Debüt legt der berühmt-berüchtigte Was (Not Was)-Sänger Sweet Pea Atkinson endlich sein fabelhaftes zweites Album vor.
Ob Sweet Pea Atkinson immer das erhielt, was er verdient hätte, darf man getrost bezweifeln. Denn wie kann es sein, dass einer der wahrlich großartigsten Rhythm’n‘Blues-Sänger bis heute niemals einen Plattenvertrag als Solokünstler erhalten hat? Ein Mann, der in den letzten rund 40 Jahren mit unzähligen Musiklegenden im Studio und auf der Bühne zusammengearbeitet hat. Kaum zu glauben: aber es ist tatsächlich schon geschlagene 35 Jahre her, seit Atkinson mit Don’t Walk Away“ überhaupt ein Album unter eigenem Namen einsingen konnte. Von dem notorisch scharfzüngigen Village-Voice-Kritiker Robert Christgau erhielt das Erstlingswerk damals die Note A-, die er nur ”sehr guten Platten“ vergab. Jetzt konnte der mittlerweile 72-jährige Sweet Pea Atkinson unter der Regie von Keb’ Mo‘ und Don Was endlich sein zweites Album einsingen. Sinniger Titel: ”Get What You Deserve“. Und er hat es sich wirklich verdient!
Als Atkinson 1978 bei einer Gewerkschaftsversammlung in der Autostadt Detroit ”entdeckte“, dass er singen konnte, hatte er bereits ein bewegtes Leben hinter sich. Als Bodyguard, Fließbandarbeiter und so einiges anderes, das man besser verschweigt, um ihn nicht zu inkriminieren. Er war noch jung genug, um die Ära der großen Soul-Shouter und seiner Vorbilder Bobby Blue Bland und Marvin Junior von den Dells, gerade verpasst zu haben, aber ironischerweise auch schon zu alt, um mit den geschmeidigeren, heller klingenden Soul-Stylisten wie Prince und Rick James, die in den frühen 1980ern aufkamen, in einen Topf geworfen zu werden.
Glücklicherweise fand er eine eigene Nische und erlangte als Leadsänger der unorthodoxen Detroiter Soul-/Funk-/Disco-Band Was (Not Was) eine etwas zweifelhafte Berühmtheit. Wahre Fans der Band werden sich daran erinnern, dass Sweet Pea sein Songwriting-Debüt 1988 mit dem Track ”What Up, Dog?“ ablieferte, für den er die folgenden besinnlichen und autobiographischen Zeilen schrieb: ”Exuse me for pimpin’ / I didn’t mean no harm / Was just tryin‘ to get some money / So I could buy a farm“.
In den frühen 1990er zog Sweet Pea nach Los Angeles und startete eine illustre Studiokarriere – zu hören ist er u.a. auf Aufnahmen von Lyle Lovett, Brian Wilson, Bonnie Raitt, Bob Dylan, Willie Nelson, Bob Seger, Iggy Pop, Michael McDonald, Kris Kristofferson, Jackson Browne, Solomon Burke, Walter Becker, Keb’ Mo‘, Jimmy Smith, Mitch Ryder, Marc Cohn, Ivan Neville, Richie Sambora, Taj Mahal, Cheb Khaled und den beiden Georges – Jones und Clinton. Muss man nach dieser Liste noch extra auf die erstaunliche Vielseitigkeit von Atkinson hinweisen? Die letzten beiden Jahrzehnte verbrachte er damit, als Leadsänger mit Randy Jacobs und dessen Boneshakers zu touren. Seit 1998 ist er auch ein vom Publikum heißgeliebtes Mitglied von Lyle Lovetts Tour-Band. Und in jüngster Zeit kann man ihn zudem des Öfteren mit der Saxophonistin und Sängerin Mindi Abair auf der Bühne erwischen.
Jetzt, 35 Jahre nach seinem einzigen anderen Soloalbum, hat sich Sweet Pea mit der Blues-Legende Keb’ Mo‘ zusammengetan, um mit ”Get What You Deserve“ ein zeitloses Rhythm’n’Blues-Album aufzunehmen, das ihn in die höchsten Sphären des Chitlin‘ Circuit (so bezeichnet man die Clubs, die bis in die 1960er Jahre hinein schwarzen Künstlern als Karrieresprungbretter dienten) katapultieren könnte – wenn es diesen im Jahr 2017 noch gäbe. ”Sweet Pea ist ein Mann mit Charisma und Stil“, sagt Keb’ Mo‘, der sieben der zehn Nummern von ”Get What You Deserve“ produzierte (die restlichen drei gingen auf das Konto von Sweet Peas altem Was (Not Was)-Kumpel Don Was). ”Er ist einer der letzten großen Rhythm’n’Blues-Sänger. Solche werden heute nicht mehr gebaut.“
Letztes Jahr war Atkinson übrigens auch einer der bejubelten Stars von Don Was’ ”Detroit All-Star Revue", die in der Orchestra Hall von Detroit alljährlich die größten Songs präsentiert, mit der Söhne und Töchter der Stadt die ganze Musikwelt beglückt haben.