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29.01.2013

Abby

Abby haben es geschafft. Die Unterscheidung zwischen Studio- und Live-Band – in langer musikjournalistischer Tradition wurde sie zum Bandcharakteristikum herangezüchtet – Dank dieser Band ist sie nun endlich als billiger Trick entlarvt. Denn wenn einen diese Unterscheidung bei einer Band kein bisschen weiter bringt, dann bei Abby.

 

Sie sind einfach beides und das geradezu vollkommen. Seit 2008 hat diese Berliner Band, haben es Filou (Vox, Guitars), Lorenzo (Keys), Tilly (Guitars, Strings) und Henne (Drums) erfolgreich vermieden, sich für eine Seite entscheiden zu müssen, sei es diese Live-Studio-Sache oder sei es die Entscheidung, sich von irgendeiner Genre-Etikette einschränken zu lassen.

 

Wenn Abby auf einer Bühne stehen, werden sie sich zunächst mal einen Spaß daraus machen, sämtliche Erwartungen des Publikums geschickt zu unterlaufen. Man sieht sie spielen und denkt sich: "Alle Achtung, die deutschen Snow Patrol, Coldplay, The National etc. pp." Wenige Minuten später aber würden sie jede einzelne dieser Bands elegant an die Wand spielen. Abby schaffen es tatsächlich beispiellos, aus herzwärmendem Indie-Pop, Floor-gerechte, einen Club bis in den letzten Winkel euphorisierende, spielend leicht improvisierte und wirklich jedes Publikum in einen Rave-Mob verwandelnde four-to-the-floor-Jams abzuleiten. Und das sowohl national wie auch international. Abby spielten bereits Shows in New York, Los Angeles, London, tourten in Frankreich, Österreich, Litauen, Luxemburg und der Schweiz und elektrisierten soon-to-be-Fans beim Iceland Airwaves und auf dem SXSW. Im Rave, so sagen sie selbst, verwandeln sich ihre Songs in den idealtypischen Aggregatzustand. Sie sind eine Live-Band, mit ganzem Herzen. Das dürften all die Leute bestätigen, die zuletzt Festivals wie das Dockville, Apple Tree Garden, Modular oder das Eurosonic besuchten oder die ihnen während Supportshows für u.a. Bodi Bill, Get Well Soon, Trail of Dead, The Virgins oder Everything Everything begegneten.

 

Und sie wissen genau, wo sie hinwollen, sobald sie ein Studio betreten. Das beweist nun endlich "Friends And Enemies", das erste große Kapitel ihres Tagebuchs, ihr Debüt, das sie zusammen mit Andreas Olsson in Londons Kensaltown Studios aufgenommen haben und das schließlich in den altehrwürdigen Hallen der Abbey Road-Studios mit dem Mastering-Ritterschlag veredelt wurde. Es sind die Geschichten von Abby, der Protagonistin und Erzählstimme der Band. Wenn man so will, der Bewusstseins- und Erinnerungsstrom eines ganzen Lebens, der sich in den Händen der Band zu Songs materialisiert. Da geht es um Coming of Age-Nöte, um Gewissenskonflikte, enttäuschte Freundschaft, die Liebe, natürlich, um Spaß, Sehnsucht und den Schritt in die Freiheit.

 

Immergültige Themen, für deren musikalische Umsetzung die vier Multiinstrumentalisten den Vorhang zur Breitwandinszenierung aufziehen. Der Spannungsbogen beginnt auf diesem Album bei kleinteiligen Arrangements, die beinahe unbemerkt die Erinnerungen und Projektionen des Hörers triggern und er endet in vielschichtiger Klangeuphorie. Es ist schwer abzuschätzen, wie lange dieses Album rotieren muss, um all seine kompositorischen Finessen, all seine kleinen und großen Ideen, all die weiterentwickelten Anregungen aus Pop, aus Indie, elektronischer und klassischer Musik erfassen zu können.

 

Jeder Song ein kleiner Kosmos. Der Opener "Monsters" zum Beispiel, dessen Lyrics die Konflikte und das wiederkehrende Thema der "Friends & Enemies" einführen, der einem außerdem über Synth-Miniaturen und Loop-Aufbau den Weg ins Album hinein weist, um sich gemächlich in ein Hook-Crescendo zu steigern und in geisterhafter Stimmung abzuklingen. Oder "Streets", eine String-unterlegte, sehnende Fernwehhymne, deren Chorus augenblicklich im Lieblingsliedzentrum andockt. Das wie ein Aquarell getupfte, nach der Strophe aufblühende "3", der paneuropäische Überhit "Wings & Feathers", den man zu jeder Croissantpause auf der Champs-Élysées reichen sollte oder einfach jedes andere Stück auf diesem Album.

 

Es sind ganze Welten in all diesen Texturen, Harmonien und kleinen Ideenexplosionen zu entdecken, es passiert so viel, dass andere Bands den Stoff von "Friends and Enemies" zu mindestens drei Alben verarbeitet hätten. Zum Glück aber sind Abby nicht wie andere Bands. Zum Glück ist das hier ganz schön einzigartig.