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Biografie

12.09.2011

Barry White

Welche Musik bringt einen besser durch den Winter als der wärmende, samtweiche, üppige Soul von Barry White? Gemeinsam mit Marvin Gaye und Isaac Hayes bildet er das Triumvirat der großen Soul-Lover der 1970er. Kein anderer personifizierte den Glamour im Aufstreben der Afro-Amerikaner mehr. Auch wenn Gaye der bessere Sänger war und Hayes technisch ausgefeilter – Whites Musik wurde zur größten Hormon-Schleuder der Popgeschichte. Den barocken Prototypen von Disco schuf er, und es gab nur ein Thema in seinen Songs. Über gedämpfte Schlagzeugbeats, dicke Streicherteppiche, verhallende Gitarrenriffs sang-sprach das XXL-Sexsymbol in seinem bodenlosen Bass davon, dass es nie genug bekommen konnte, von deiner Liebe, Baby. White hatte Masse und war für die Masse. Frauen legten seine Platten auf, wenn sie von ihren Männern mehr wollten als die schnelle Nummer. Männer legten seine Platten auf, um ihre Frauen in die Stimmung zu bekommen. So sehr sie die Wände vibrieren lassen – Whites  Emo-Bomben halten die Balance von Liebe und Sex, sie sind eskapistisch und dick aufgetragen wie Bollywood-Filme – dabei nie explizit oder krude, sondern im Gegenteil: familienfreundlich und wertkonservativ.

All seine sanft-süßen, lasziven Schlafzimmer-Balladen standen der Biografie des Sängers und Pianisten, der im finsteren Ghetto von Watts in Los Angeles aufwuchs, diametral gegenüber. 2000 besuchte die Journalistin Lulu Le Vay ihn in seinem Anwesen in San Diego. „Das piekfeine Wohnzimmer versprüht eine Aura von Ghetto-Berühmtheit“, schreibt Le Vay in der Septemberausgabe 2000 von „Sleazenation“. „Schwarze Möbel, schwarzer Marmor, ein schwarzer Flügel, der majestätisch am Fenster steht, durch all das zieht sich ein schaurig-schönes Design aus goldenen Patterns. Ein Bild von Malcolm X hängt an der Wand, Malcolm X schaut auf 45 gerahmte Goldene Schallplatten an den Wänden, gruppiert um ein großes Porträt des sanften Mannes selbst – sein Gewinner-Grinsen penetriert die Dunkelheit des Raums. Pure Dekadenz, pure Klasse, pure Klasse...“
„Auch wenn seine Manieren tadellos sind, sein Benehmen höflich und respektvoll – die scharfen zwinkernden Augen erzählen eine andere Geschichte“, schreibt Le Vay weiter, „die von harten Zeiten, Enttäuschung und Kampf. Vom unumstößlichen Glauben an sich selbst und seine Fähigkeiten, die ihn aus dem Ghetto heraus brachten.“ „Ich bin sehr sensibel“, sagte White später über sich selbst. „Ich weiß, wie ein Mann aussieht, der total verliebt und verletzt ist. Ich weiß, wie eine Frau aussieht, die sehr glücklich mit ihrem Mann ist. Ich kann das sehen und genau darüber schreiben, was sie in diesen Momenten fühlen. Das ist mein Talent.“

Die Rockpresse, die Jazzpresse, sie hatten zu Lebzeiten des Bandleaders keine andere Wahl als über White die Nase zu rümpfen und ihn kitschig zu finden. Die Soulpresse lag dem „Walross der Liebe“ dafür zu Füßen. Die Studiomusiker, mit denen er arbeitete, (darunter die Über-Gitarristen Ray Parker Jr. und Lee Ritenour oder Bassist Wilton Felder von den Crusaders) verehrten ihn als „Maestro“. „Die Leute sagen mir immer wieder, wie sehr sie meine Licks und Turnarounds lieben“, schreibt Drummer Ed Greene im Buchteil der fabelhaften, im Februar 2010 auch in Deutschland erschienen Retrospektive „Barry White – Unlimited“, bestehend aus 4 Audio-CDs und einer DVD (alles in allem umfasst sie 72 Tracks). Greene hat mit Jazzstars wie Donald Byrd und Dizzy Gillespie gearbeitet, später mit Steely Dan.
„Aber bitte, lasst gesagt sein: es ist alles von Barry White, kein Akzent stammt von mir. Ich spielte sie, aber Barry diktierte.“ Die Dynamik, Tempos, Licks, was und wann und wie, alles, alles komponierte DER MANN minutiös aus. „In Barrys besten Zeiten waren wir Musiker immer total aufgeregt, wenn wir ins Studio mit ihm gingen“, erinnert sich Greene. „Wir fuhren so darauf ab, Teil seiner Magie zu werden und wir sogen uns richtig voll vom Kick, diese großartigen Platten mit ihm zu machen. Er war ein begnadeter Bandleader, und wir wollten, dass er Erfolg hatte, damit die Magie weiter fließen konnte.“

1956, mit 11, gibt er sein Aufnahmedebüt auf dem Doo-Wop-Song „Goodnight My Love“ von Jesse Belvin. 1960, mit 16, hat Barrence Eugene Carter (später bekannt als Barry White) bereits zwei Kinder gezeugt, die Schule abgebrochen und sitzt im Jugendknast von Watts. In späteren Interviews hat er immer wieder erzählt, dass ihn damals der Elvis-Song „It´s Now Or Never“, als er ihn im Gefängnis hörte, von der schiefen Bahn wegbrachte – seinen Bruder Darryl wird man später auf der Straße wegen einer Lappalie erschießen. Auf Knien fleht ihn seine Mutter, eine allein erziehenden Klavierlehrerin an, nicht nach Hollywood zu gehen: „Du kennst dort niemand. Du hast nichts. Du wirst getötet, wenn Du in Hollywood herumrennst.“ Er tut es trotzdem. Durch die 1960er verdingt sich White als Begleitmusiker, Songwriter und Arrangeur. Unter dem Künstlernamen Lee Barry nimmt er diverse eigene Singles auf, von denen keine erfolgreich ist. Verheiratet mit seiner Highschool-Liebe Mary, muss er eine sechsköpfige Familie ernähren und wird immer wieder zum Fall fürs Sozialamt. 1963 schreibt White am „Harlem Shuffle“ des R&B-Duos Bob & Earl mit (bekannter in der späteren Version der Rolling Stones). 1966 stellt ihn der kalifornische Entrepreneur Bob Keene als A&R-Manager an, für 40 Dollar wöchentlich. Keene hat Richie Valens entdeckt und ist Besitzer der Plattenlabels Keen, Mustang-Bronco und Del-Fi. 1967 schließt White sich dann mit dem legendären Gene Page zusammen, einem Autoren des Motown-Labels, und er schreibt später mit Page den Hit „I Feel Love Coming On“ für Felice Taylor. Eines schönen Tages nimmt Page den jungen Songschreiber mit zu einer Aufnahmesession mit den Supremes: der von „Forever Came Today“, zu der Page ihn ins Studio vom Hitsville U.S.A. in Detroit schmuggelt. Fasziniert beobachtet White das kolossale Songwriterteam um Holland-Dozier-Holland beim Produzieren. „Sie öffneten die Tür und ließen sie offen, damit ich durchgehen konnte“, beschreibt White später das Erlebnis in seiner Autobiographie „Love Unlimited“. Als er 1969 drei Mädels aus San Pedro trifft: Diane Taylor und die Schwestern Linda und Glodean James, da hat White seine eigene Version der Supremes gefunden. Jahrelang poliert er an ihrem Sound herum. 1972 schlägt die Single „Walking In The Rain With The One I Love“ auf beiden Seiten des Atlantiks durch. Die herzerweichende Geschichte, der clevere Einsatz von Geräuschen und Effekten, um sie zu untermalen: der Regen, die Telefonwählscheibe und Barrys Bassstimme am anderen Ende der Leitung – die Radio-DJs fressen ihm die Single aus der Hand. Zunächst sperrt sich die Geschäftsleitung seiner Plattenfirma Uni Records aber gegen die Veröffentlichung von Whites Debütalbum „I´ve Got So Much To Give“ – der Bariton hat dort nämlich nur 5 Songs zu geben, und die haben Überlänge. Ausgerechnet Elton John, der ein Weißmuster des Albums besitzt, setzt sich für White ein – und soll Recht behalten: White erreicht die US-Top-20 und die #1 der US-R&B-Charts. Als nächstes stellt er das 40köpfige Love Unlimited Orchestra zusammen und nimmt 1974 mit „Love´s Theme“ eine Jet Set-Funk-Symphonie auf, komplett mit Streicherkaskaden, romantischen Gitarren und Breitband-Vocals. Auch „Love´s Theme“ wird ein internationaler Top-10-Hit, zum endgültigen Sprungbrett seiner Karriere.
Zwischen 1973 und ´77 veröffentlicht White jährlich zwei bis drei Alben – solo, instrumental und mit Love Unlimited. Der Bartträger wird zum Soul-Phänomen, regiert die Charts mit der Single „You´re The First, The Last, My Everything“.
Der Maestro mit der Samtstimme kauft zwei Häuser im San Fernando Valley, heiratet Glodean James von Love Unlimited.  Über ein gutes Dutzend Alben verlässt er nie seine bewährte stilistische Spur – anders als Marvin Gaye und Isaac Hayes. Irgendwann wird´s zur Formel, hat sich sein Sound erschöpft. 1978, kurz nach dem letzten Hit „Your Sweetness Is My Weakness“, pünktlich zum 8-Millionen-Dollar-Plattenvertrag mit CBS, ist White schöpferisch am Ende. Jüngere Clubgänger präferieren den Sound von EW&F und Chic und dem jungen Michael Jackson. In den 1980ern geht es mit Barry White rapide bergab. Der Mord an seinem jüngeren Bruder Darryl stürzt den Kalifornier 1983 in eine Depression. Um sich finanziell über Wasser zu halten, muss er auf Tour gehen. Die 1990er bringen eine Renaissance. White wird zum Paten des New Jack Swing. Diverse Compilations brechen in die britischen Charts. Seine in den 90ern aufgenommen Singles „Put Me In Your Mix“ und die Anti-Aids-Hymne „Practise What You Preach“ erreichen die R&B-Top-5. White kollaboriert mit Tina Turner, auf Quincy Jones´ “Back On The Block“-Album und mit Lisa Stansfield. Simply Red und Robbie Williams covern ihn. Daft Punk und Fun Lovin´ Criminals samplen ihn. White ist im Fernsehen bei Ally McBeal und den Simpsons zu sehen. Sein 41. Album „Staying Power“ gewinnt zwei Grammys. 2002 unterschreibt White bei Def Jam. Wegen gesundheitlicher Probleme betritt er aber nie wieder ein Studio. Am 4. Juli 2003 stirbt er mit 58 in Los Angeles an Nierenversagen. Zu Lebzeiten verkaufte White knapp 300 Millionen Schallplatten. Um sein Millionenerbe stritten sich jahrelang zwei Ex-Ehefrauen, seine letzte Freundin, seine acht, beziehungsweise neun Kinder plus Enkeln und Urenkeln.