Backstage
Grigory Sokolov BACKSTAGE EXCLUSIV

Aktuelles Album

Biografie

23.02.2015

Biografie

Der einzigartige, unwiederholbare Charakter von live gespielter Musik ist ein entscheidender Aspekt, um die Ausdrucksschönheit und die bezwingende Ehrlichkeit von Grigory Sokolovs Kunst zu verstehen. Die poetischen Interpretationen des russischen Pianisten, die mit mystischer Intensität im Konzertsaal lebendig werden, basieren auf seiner fundierten Kenntnis des umfangreichen Repertoires, das er spielt. Seine Recital-Programme umfassen die gesamte Musikgeschichte, von Transkriptionen geistlicher Polyfonie des Mittelalters und Werken für ein Tasteninstrument von Byrd und Froberger über die Musik von Bach, Beethoven und Chopin bis zu Schlüsselkompositionen des 20. Jahrhunderts von Skrjabin, Schönberg und Strawinsky. Bei Klavierliebhabern gilt er weithin als der größte Pianist der Gegenwart und er wird als Künstler bewundert wegen seiner visionären Kräfte, einer faszinierenden Spontaneität und seiner uneingeschränkten Hingabe an die Musik.

Die Humanität und das Mitgefühl, die sich in Sokolovs Arbeit mitteilen, finden bei Kritikern wie auch dem Publikum großen Anklang und in Rezensionen wird von seinem "Genie" und seinem Status als "lebende Legende" gesprochen. "Viele Menschen sind überzeugt, dass nach dem Tod von Musikern wie Arturo Benedetti Michelangeli, Glenn Gould und Sviatoslav Richter jetzt Sokolov der größte lebende Pianist ist", bemerkte der vielfach ausgezeichnete Dokumentarfilmer Bruno Monsaingeon, der das Wesen von Sokolovs Künstlertum bei einem Recital 2002 im Théâtre des Champs-Elysées in Paris mit der Kamera erfasste.

2014 unterzeichnete Sokolov einen Exklusivvertrag mit Deutsche Grammophon – eine Partnerschaft, die ihm einen größeren Zuhörerkreis erschließen und seinen Rang unter den großen Musikern unserer Zeit bekräftigen wird. Das gelbe Label veröffentlichte Sokolovs erstes Album seit fast zwei Jahrzehnten im Januar 2015, ein sensationelles Recital, das live bei den Salzburger Festspielen 2008 aufgenommen worden war. Das zwei CDs umfassende Programm spiegelt die Breite und Tiefe seines Repertoires wider: zwei Mozart-Sonaten, Chopins 24 Préludes op. 28 sowie als Zugaben Stücke von J. S. Bach, Chopin, Rameau und Skrjabin.

Grigory Sokolov wurde am 18. April 1950 in Leningrad (dem heutigen St. Petersburg) geboren. Als Fünfjähriger begann er mit dem Klavierspiel, zwei Jahre danach nahm er sein Studium bei Liya Zelikhman an der Zentralen Musikschule des Leningrader Konservatoriums auf. Später erhielt er Unterricht bei Moisey Khalfin am Leningrader Konservatorium und 1962 gab er sein erstes Recital in seiner Heimatstadt. Sein überragendes Talent fand 1965 Anerkennung, als er den ersten Preis im Russischen Nationalwettbewerb gewann. Im Jahr darauf machte er Schlagzeilen über die Sowjetunion hinaus, als der 16-Jährige als jüngster Musiker überhaupt die begehrte Goldmedaille des Internationalen Tschaikowsky-Wettbewerbs in Moskau erhielt. Emil Gilels, der Vorsitzende der Jury, wurde anschließend zu einem Förderer des jungen Sokolov.

Während Grigory Sokolov in den 1970er-Jahren ausgedehnte Konzertreisen in die USA und nach Japan unternahm, entwickelten sich, fernab vom internationalen Scheinwerferlicht, seine künstlerischen Fähigkeiten weiter und wurden reifer. Seine Live-Aufnahmen aus der Sowjetära gewannen im Westen fast mythischen Status. Sie waren Zeugnis eines Künstlers, der so eigenständig war wie kein anderer, zugleich aber von der reichen russischen Klaviertradition genährt wurde. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion begann Sokolov in den großen internationalen Konzertsälen und bei Festivals aufzutreten. Als Konzertsolist arbeitete er häufig mit den besten Orchestern, beispielsweise den New Yorker Philharmonikern, dem Royal Concertgebouw Orchestra in Amsterdam, dem Philharmonia Orchestra in London, dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und den Münchner Philharmonikern, bevor er sich letztlich entschloss, nur noch Solo-Recitals zu spielen. Sokolov gibt etwa 70 Konzerte pro Spielzeit; dabei widmet er sich jeweils ganz einem einzigen Programm, mit dem er große Tourneen durch Europa und auch darüber hinaus absolviert.

Im Gegensatz zu vielen anderen Pianisten hat Sokolov großes Interesse an der Mechanik und Einrichtung der Instrumente, auf denen er spielt. Stundenlang erforscht er deren technische Merkmale und berät sich mit Klaviertechnikern, um seinen Idealvorstellungen nahezukommen. "Man braucht Stunden, um ein Klavier zu verstehen, denn jedes hat seine eigene Persönlichkeit, und wir spielen zusammen", erklärt er. Die Beziehung von Künstler und Instrument ist von entscheidender Bedeutung für die Verwirklichung von Sokolovs musikalischen Vorstellungen. Bei sparsamer Verwendung des Haltepedals erreicht er allein durch seine brillante Fingerarbeit sämtliche Wirkungen von subtilsten klanglichen und strukturellen Schattierungen bis zu den kühnsten Kontrasten. Die Kritiker weisen regelmäßig auf seine erstaunliche Fähigkeit hin, einzelne Stimmen innerhalb einer komplexen polyfonen Struktur hervorzuheben und bruchlose melodische Linien zu Gehör zu bringen.

Grigory Sokolovs charismatisches Künstlertum hat die Kraft, die Konzentration zu erzeugen, die das Publikum braucht, um selbst die vertrautesten Werke aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Während eines Recitals bringt er die Zuhörer in engen Kontakt mit der Musik, um jenseits aller Affektiertheit und Theatralik eine tiefere spirituelle Bedeutung zu enthüllen. Sokolovs Kunst ruht auf dem festen Fundament seiner einzigartigen Persönlichkeit und individuellen Vision. Er sieht viele der heutzutage mit einer Musikerlaufbahn verbundenen Konventionen – nicht zuletzt, was die Medienarbeit und Public Relations angeht – als Ablenkung von den eigentlichen Aufgaben, nämlich zu studieren und zu musizieren. Der bemerkenswert ungewöhnliche Charakter und die außerordentlichen Qualitäten seines Spiels wurden in einer Rezension kürzlich zusammengefasst: "Sokolov verblüffte die Zuhörer mit einer Art des Klavierspiels, der musikalischen Kompetenz und des Künstlertums, die man für immer verloren glaubte."

2/2015