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Hozier

(Special Edition)

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09.07.2014

Hozier, 2014

Erst wenn man zufällig auf einen Songwriter stößt, dessen Texte sich wie Poesie anhören und lesen, wird einem bewusst, was einem sonst entgeht. Wenn diese Texte obendrein noch von Musik untermalt werden, die zwischen rasender Empörung und singender Zärtlichkeit balanciert, und von einer Stimme intoniert werden, die von der spirituellen Leidenschaft und der Sehnsucht von Gospel und Blues erfüllt ist, dann versteht man, dass einem da etwas ziemlich Besonderes untergekommen ist. So ist es auch bei Andrew Hozier-Byrne, einem Singer-Songwriter und Multiinstrumentalisten aus dem irischen County Wicklow, der unter dem Namen Hozier auftritt. Seine Sprachgewandtheit ist ein Segen (für uns), doch seine Empfänglichkeit für Romantik und romantische Schwärmereien klingt wie ein Fluch (für ihn). Seine lebendige Bildsprache erzählt von einer Seele, die von starken und manchmal nicht beherrschbaren Emotionen gefesselt und heimgesucht wird. Das kann man nur begrüßen, wenn dabei derart tief gehend gefühlvolle Musik herauskommt wie die Songs des 23-Jährigen.

 

Hozier wuchs in einer musikalischen Familie auf und studierte auch eine Weile lang Musik am Trinity College (bevor sein Drang, Musik zu schreiben und sie mit der Welt zu teilen, ihm keine Zeit mehr für das Studium ließ). Seine Hörgewohnheiten in Kindheit und Jugend seien, so sagt er, von der Plattensammlung seines Vaters geprägt worden, jedoch vor allem „vom Chicago Blues, texanischem Blues, Chess Records, Motown, dann entdeckte ich Jazz, und, was noch wichtiger war, Delta Blues. Dieser ungewöhnlich bewegende Sound, Skip James, Blind Willie Johnson, solche Leute. Später kamen Pink Floyd, Nina Simone und Billie Holiday dazu. Tom Waits war auch ein Rieseneinfluss. Mich haben schon immer Sänger mit etwas Unvergesslichem in der Stimme angezogen. Das gilt auch für Schriftsteller wie James Joyce und Oscar Wilde. Man kann nicht genau bestimmen, was es ist, aber es gräbt sich tief in deine Seele.“

 

Da überrascht es kaum, dass die Texte Hozier extrem wichtig sind. „Für mich sind sie ein wichtiger, wenn nicht der wichtigste Faktor eines Songs. Dort offenbart sich die Geschichte, und dort offenbart sich auch der Autor, oder sollte es zumindest. Die Texte sind immer noch das, wofür ich bei meinen Songs am längsten brauche und woran ich auch am härtesten arbeite. Sie sind mir am wichtigsten. Gleichzeitig bereiten sie mir die größten Selbstzweifel, so in der Art: ‚Habe ich überhaupt was Interessantes zu sagen?‘“

 

Die Reaktionen auf seine im letzten Herbst veröffentliche Debüt-EP Take Me To Church (Platz 1 der irischen iTunes-Charts, Platz 2 in den offiziellen Single-Charts) lieferten eine eindeutige Antwort auf diese Frage – ja! Der Gift und Galle spuckende Titeltrack der EP wurde von einem aufrührerischen Video begleitet, bei dem Brendan Canty Regie führte und in dem ein Handlungsstrang, in dem zwei homosexuelle Männer von einem schwulenfeindlichen Lynchmob gejagt werden, mit Aufnahmen von Protesten in Russland gegen Präsident Putins aktuelle homophobe Regierung verflochten werden. Der Song trifft eine Aussage, die nicht nur interessant ist, sondern für Hozier auch essenziell. „Dem Ganzen liegt die Idee zugrunde, dass ein Kind, wenn es geboren wird, sogleich in Sünde hineingeboren wird. Man wird also schon, bevor man eine Frau oder ein schwuler Mann wird, einfach als Mensch, von der katholischen Kirche zum Sünder degradiert, zu jemandem, der sich schämen und um Vergebung beten sollte. Ich wollte Sex als etwas Lebensbejahendes darstellen; es gibt kaum etwas Menschlicheres als den Liebesakt.“

 

Obwohl seine Eltern katholisch sind, wurde Hozier nicht religiös erzogen. „Meine Mutter wuchs mit dieser Kultur auf, war aber schon immer dagegen. Ich habe eine klare Meinung zur Lehre der Kirche; in Irland hat es ein wahnsinniges Maß an Missbrauch gegeben – Missbrauch von Macht, von Frauen und Kindern. Es ist eine giftige Institution. Als Kind habe ich davon nichts mitbekommen, aber wenn man älter wird, wird einem die Heuchelei und die Haltung gegenüber Frauen und Homosexuellen immer deutlicher bewusst.“

 

„Take Me To Church“ ist Hoziers Antwort, ein Song über Sexualität, Freiheit und Menschlichkeit, dessen Text die betörende Mischung aus Überzeugung und Verschmitztheit widerspiegelt, die seinen Schreibstil kennzeichnet. An anderer Stelle der EP blickt er auf seine erste, niederschmetternde Liebesbeziehung zurück, und das als detailverliebter, nostalgischer Chronist und gleichzeitig so, als stecke er gerade in der Situation. Die Methode verfehlt ihre Wirkung nicht: Der Hörer erlebt seinen Schmerz, seine Eifersucht im Nachhinein und seine immer noch vorhandene Hingerissenheit – all das in einem einzigen Song. Im pastoralen, im Fingerstyle gespielten „Like Real People Do“ singt er „Warum hast du gegraben? Was hast du beerdigt, bevor diese Hände mich aus der Erde zogen?“ und erinnert damit an die Qualen, die es mit sich bringen kann, über die Vergangenheit eines Geliebten zu spekulieren. „Cherry Wine“, das bei Sonnenaufgang auf dem Dach eines leer stehenden Hotels in der Nähe von Hoziers Zuhause aufgenommen wurde, ist ähnlich hin- und hergerissen: „ ‚Schuldig!‘-Rufe hallen mir entgegen, während sie die Laken eines anderen befleckt“ ist eine Zeile voller Schmerz, und doch bleibt der Song in musikalischer Hinsicht leicht und beruhigend wie ein warmer Sommerwind – eine Brise, die im Morgengesang des Refrains zu hören ist und unwissentlich als Backgroundsängerin auftritt.

 

Dieser ständige Kontrast zwischen den in den Texten zum Ausdruck gebrachten Empfindungen und der Musik macht Hoziers Werk so außergewöhnlich. Liebenswerterweise scheint ihm die Macht dessen, was er schreibt, kaum bewusst zu sein. Vielmehr schlägt er sich ununterbrochen mit Zweifeln und Dilemmas herum. Eine Verschnaufpause sei ihm nur gegönnt, wenn er gerade einen neuen Song geschrieben habe, erklärt er. „Ich versuche immer noch, zu verstehen, was die Liebe und ihren Verlust ausmacht, was das für die eigene Identität bedeutet, was es heißt, wenn es vorbei ist. Da drängt sich doch die Frage auf: ‚Wer bin ich?‘, wenn es vorbei ist. Ist man der Mensch, der man währenddessen zu sein glaubte, oder derjenige, der man davor war? Aber wenigstens bin ich in der Lage, mich von so etwas zu befreien, wenn es passiert. Außerdem, wenn man einen Song geschrieben hat, ist es viel einfacher, den nächsten zu schreiben, weil man sich erst von etwas lösen kann, wenn man es jemand anderem aufgehalst hat, falls das Sinn ergibt. Dann ist auf einmal der Weg frei.“

 

„From Eden“, der Titeltrack der neuesten EP von Hozier (seiner ersten in Großbritannien), entstand in genau einem solchen Moment. „Ich schlängele mich aus dem Garten Eden“ singt er, „nur um vor deiner Tür zu sitzen“, später beschreibt er das Objekt seiner Begierde „mit einem Seil in der Hand, an dem dein anderer Mann von einem Baum hängen soll“. Wieder hat man das Gefühl, da könne sich jemand nicht entscheiden, der sich der Gefahr durchaus bewusst ist und dennoch hilflos auf die Klippen zusteuert. Und wieder zeichnet die Musik ein anderes Bild, keine Qualen sind zu hören, wenn sich entfernter Gospelgesang mit stakkatoartigen Jazzgitarren, klangvollem Klavier und brummenden Bässen zu einer feierlichen Stimmung vereinen, die eine Seite des Textes reflektiert, die andere jedoch völlig außer Acht lässt. Die Wirkung dieser Zweischneidigkeit ist berauschend.

 

Die Aufnahmen zu beiden EPs begannen auf dem laut Hozier „grauen, ziemlich langweiligen Dachboden“ in seinem Wohnhaus, bevor sich in Dublin Produzent Rob Kirwan (U2, Depeche Mode, Glasvegas, Ray Lamontage) an die Regler setzte und sich um das Abmischen und die Overdubs kümmerte. Mittlerweile ist die Arbeit an Hoziers erstem Album in vollem Gange. Er sitze auf dem Dachboden, sagt er, schreibe unentwegt, grabe in seinen Gefühlen, bekämpfe seine Dämonen, spiele mit dem Feuer und zerbreche sich über die Widersprüchlichkeiten des Lebens den Kopf. Könnte er nur die Stimme in seinem Kopf zum Schweigen bringen, die in einer Minute zur Vorsicht rät und im nächsten Augenblick zu wilder Hemmungslosigkeit, Hozier würde vermutlich etwas Frieden finden. Doch dann würde er aufhören, Songs zu schreiben – und wir könnten sie uns nicht mehr anhören. Es scheint ein ziemlich grausamer Wunsch zu sein, doch für uns ist es ein Gewinn, wenn auch nicht für ihn, wenn das Feuer noch lange tobt.