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17.09.2015

Rammstein, "Rammstein in Amerika", 2015

Nach nur 20 Minuten meldet der Madison Square Garden, New York: Ausverkauft!

Am Showabend steht Till Lindemann vor 18.000 New Yorkern und singt: "Auf dem Lande, auf dem Meer lauert das Verderben / Die Kreatur muss sterben."

Worüber soll man sich mehr wundern? Darüber, dass es in der legendärsten Konzerthalle der Welt wie selbstverständlich keinen einzigen freien Platz mehr gibt an diesem Abend mit Rammstein aus Deutschland? Wann je wären auf Deutsch singende Künstler überhaupt dort aufgetreten? Und ist es nicht fast noch verwunderlicher, dass die Fans auch hier – wie in Frankreich, wie in Russland, wie in England oder Mexiko – jede Zeile auf Deutsch mitsingen?

Willkommen zu "Rammstein in Amerika" dem großen Film über Rammstein und ihrer Eroberung des Kontinents auf der anderen Seite des Atlantiks.

Hannes Rossachers Dokumentation ist sicher mehr als eine schlichte Dokumentation. Wir werden vielmehr Zeugen einer unvergleichlichen Reise, auch eines modernen Märchens. Man reibt sich die Augen: Da reisen im Jahr 1993, erst ein paar Jahre nach der Wiedervereinigung, ein paar junge Männer aus der Ex-DDR mehr oder weniger mittellos, aber erlebnishungrig durch den Süden der USA, um die neue Freiheit zu genießen; die eine Gruppe durch den Südwesten, die andere durch den Südosten. Das ist erst gefühlte fünf Minuten her, dass Paul Landers, Flake Lorenz und Christoph Schneider 1988 mit der Vorgängerband Feeling B auf Rügen am Ostseestrand aufspielten für ein paar durch den Sand pogende Punks. Am Ende reibt man sich wieder die Augen, denn das ist dann die Auflösung, eine Art realer Traum und für die Musiker der Band, wie sie unverhohlen zugeben, auch die Erfüllung eines Traums: Da stehen die Rammsteiner im tobenden Madison Square Garden, und zwar in einem Meer aus Schaum, Feuer und Rauch. Chad Smith von den Red Hot Chili Peppers – nur einer der prominenten US-Fans der Band vom Prenzlauer Berg, die hier zu Wort kommen – bringt die Sache in diesem Film lakonisch auf einen bündigen Nenner: "People in america want to be entertained!"

Chad Smith, Moby, CJ Ramone, Steven Tyler von Aerosmith, Iggy Pop, Gene Simmons von KISS, Melissa Auf der Maur, Scott Ian von Anthrax oder der Schauspieler Kiefer Sutherland, sie alle haben uns Deutschen beim Blick auf das Phänomen ""Rammstein in Amerika"" etwas Entscheidendes voraus: Sie kennen ihr Land, und sie wissen deshalb, wieso Rammstein Konzerthallen von Seattle bis Houston füllen!

Amerikaner lieben zwar Baseball, Überwachung und Handfeuerwaffen – sie lieben aber noch mehr: großes Entertainment, das große Geschichten erzählt. "Rammstein in Amerika" erzählt nun folgerichtig, wie mit Rammstein und den USA etwas zusammenwuchs, was zusammengehört: Sechs Musiker aus dem Osten, die noch hinter der Mauer von den großen Shows der Bands aus dem Westen hörten wie von Mythen aus der Sagenwelt. Und ein Publikum wie das US-amerikanische, das sich, Kindern gleich, einlässt auf die nicht minder sagenhafte und oft genug ja albtraumhafte Guckkasten-Optik einer Band, die Angst und Schrecken verbreitet, aber auch Komik und Sehnsucht. Die Musiker von Rammstein setzten schon bei ihrer Arbeit für die jeweiligen Vorgängerbands zu DDR-Zeiten auf einen einfachen, wenn auch ambitionierten Trick, um die berüchtigte DDR-Zensur hinters Licht zu führen: Abstraktion, Verfremdung, Humor – man könnte auch sagen, und zwar durchaus voller Anerkennung: Schall und Rauch!

Tatsächlich erklärt "Rammstein in Amerika" mehr als lediglich den Erfolg von "Rammstein in Amerika". Er zeigt, wie aus den sechs Musiker-Biografien in der DDR und den Erfahrungen dieser jungen Männer in den USA dann Rammstein überhaupt erst geboren wurde.

Das erste Gebot der Unterhaltungsindustrie lautet immer, immer, immer: Du sollst unterhalten. Till Lindemann sagt: "Bin ich ein Sänger? Ich weiß nicht. Bin ich ein Unterhaltungskünstler? Ja, ich denke, das trifft die Sache." Und KISS-Legende Paul Stanley sagt über seine Freunde von Rammstein: "We are brothers in pyro!"

"Geadelt ist, wer Schmerzen kennt" – heißt es in Rammsteins Song "Feuer frei". Und so erzählt "Rammstein in Amerika" eben auch, dass die Karriere der Band in den USA über Jahre dem berühmten Ritt auf der Rasierklinge glich. Nachdem erste amerikanische Bands und Agenten nach dem Auftritt auf dem deutschen Bizarre-Festival im September 1997 auf Rammstein aufmerksam werden, gibt es ab Dezember 1997 die ersten Clubkonzerte in den USA, später gemeinsame Touren mit Korn oder den Industrial-Ikonen KMFDM. Im legendären New Yorker "Bank"-Club treten Rammstein zunächst vor rund 30 Leuten auf, und zwar mit voller Inszenierung. Zeitzeugen aus New York, die dabei waren, erinnern sich an "eine Arena-Inszenierung in einer Bar!". Von da an begibt sich die Band auf diverse Reisen durch die USA und Lateinamerika, nicht zuletzt auf die berüchtigte 40-Städte-Tour im Jahr 2001. Es ist das Jahr von 9/11 – das Attentat verändert die politische Großwetterlage in den USA, dem Land der Freiheit, in dem nun Angst und Repression regieren. Es verändert auch Rammstein, die ihren Sehnsuchtsort nicht mehr wiedererkennen – darüber auch innerhalb der Band in eine tiefe Krise rutschen, aus der sie keinesfalls leiser, aber deutlich weiser wieder auferstehen: Rammstein sind nun auch eine politische Band, und ihr Song "Amerika" und das spektakuläre Video zu dem Song beweisen es.

Eine Krise ist eben keine Pointe, und wenn, dann eben nur eine besonders schlechte. Die Pointe wollen Rammstein schon selber setzen: Neun Jahre und viele Millionen verkaufte Platten später gibt es den berühmten Auftritt im New Yorker Madison Square Garden – dem 2012 eine heute schon legendäre, ausgedehnte Nordamerikatour folgen sollte. (Alexander Gorkow, der die Band damals gemeinsam mit dem Fotografen Andreas Mühe für eine Sonderedition des Magazins der Süddeutschen Zeitung begleitete, schrieb dazu: "So hell ist das, so laut, so heiß, wenn ein Planet entsteht.")

Noch mal: Worüber soll man sich also mehr wundern? Über einen ausverkauften Madison Square Garden? Oder darüber, dass die Menschen dort jede Zeile auf Deutsch mitsingen?

Kiefer Sutherland findet den Erfolg dieser deutschsprachigen Band in den USA bewundernswert, kann ihn aber aus den Gesetzen Hollywoods erklären. Sein Fazit in diesem Film, der eine große Reise beschreibt: "Du brauchst dieses Level an Authentizität, an Stil und an Kultur – dann verstehen die Menschen deine Sprache auf der ganzen Welt."