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Biografie

09.02.2016

Tüsn, "Schuld", 2016

Um sich in Zeiten der Aufmerksamkeits-Ökonomie als junge Band wirkungsvoll zu präsentieren, bedarf es vielleicht doch mehr als kommunikativer Hyperaktivität.

Mehr - und gleichzeitig weniger.

Weniger Geklingel und Geschnatter.

Mehr Substanz.

Weniger Glitter, mehr Gehalt.

Dem nicht versiegen wollenden Strom von Neuigkeiten, Nettigkeiten und Nichtigkeiten begegnen TÜSN mit einer bewussten Reduktion. Die drei Berliner machen sich rar.  Ihr Netzwerk ist ein engmaschig gestricktes Bezugssystem, ein hermetisches Haus der Liebe ohne Spion. TÜSN sprechen nicht viel über sich, um so mehr sprechen andere über sie. Das soll ihnen recht sein.

Die Band besteht aus Snöt, Tomas und Daniel. Ihre Instrumente sind Synthesizer, Bass und Schlagzeug. Für den ehemaligen Gitarristen Snöt liegt der Instrumentierung keine Entscheidung gegen sein altes Instrument zugrunde, vielmehr bot der Synthesizer und die Entdeckung neuer kreativer Spielräume eine Gelegenheit zur Weiterentwicklung als Band. Zudem begab sich der heutige Fan analoger Synthesizer auf eine dieser mythologischen Reisen ins Innere, die man bestenfalls aus der Weltliteratur kennt. Sein prägender, expressiver und manchmal auch exaltierter Gesang ist das Ergebnis von schonungslosen Experimenten mit der eigenen Körperspannung. Mehr gibt er nicht Preis.

In einer Mischung aus angeborener Scheu und nahezu klassischer Wahrung von Distanz vermeiden es TÜSN generell, sich und ihre Musik im Detail zu erklären. Als kämen sie aus einer Hollywood-Ära, in der Stars noch keine Sternchen waren. Oder aus einem Utopia, in dem sich Kunst noch in ihrer vollen Rätselhaftigkeit präsentieren darf. So etwas gibt es natürlich nicht, nicht mehr. Aber etwas mehr Geheimnis, etwas mehr Fantasie, etwas mehr Freiraum wäre sicherlich für alle - für Künstler, Publikum und Medien - eine lohnenswerte Erfahrung. Wer das als Aufforderung verstehen möchte, findet in der Musik von TÜSN einen Zugang zum inneren Showroom. Die Musik schreit förmlich danach, für eigene Zwecke benutzt zu werden: Interpretieren Sie bitte jetzt!

"Mach dich reich an mir, reich an mir / Verglüh mich grell bis der Raum zerfällt"

Während sich ihre erste Single "Schwarzmarkt" noch mit der Eröffnung "Reden ist Silber, Tanzen ist Gold !" einen selbst­re­fe­ren­ti­ellen Scherz erlaubt, sendet das Video zum zitierten Song "Zwang" schon deutlich ambivalentere  Signale. In Szene gesetzt von Zoran Bihac (Rammstein, Grönemeyer, Die Fantastischen Vier), wird der Clip von den rauchigen Bildern eines bizarren Spektakels dominiert, halb Bondage-Performance, halb (Ent)Fesselungs-Ritual - die stoische Erscheinung der kraftvoll und höchst effizient aufspielenden Rhythmusgruppe, passend mit dem Schlagzeuger im Anzug, wird von Snöt als eine Art "Yellow King" konterkariert. Hier deutet sich Ungeheuerliches an ... Um nur einen Blog von vielen zu zitieren: "Wir erahnen Großes und tanzen mit Tüsn an den Abgründen des menschlichen Seins."

TÜSN haben die Arbeit an ihrem ersten Album "Schuld" abgeschlossen. Mit "Schwarzmarkt" und "Zwang" haben sie die Tore weit aufgestossen, mit "Schuld" werden sie die Ernte einholen. Wollte man angesichts ihrer ersten Lebenszeichen noch fragen, von welchen exotischen Nachtmahren die Band heimgesucht wurde, verdeutlicht sich mit der Länge des Albums (und ihrer Auftritte), dass TÜSN nur von einer Art Dämon besessen sein können: den eigenen. Ihre Songs werden von gleichsam realen wie sagenumwobenen Gestalten der Geschichte beseelt ("Humboldt", "Hannibal"), sie beschwören elementare Naturgewalten ("Sturm", "Wasser") und verlangen lautstark nach noch mehr Drama ("Zehntausend", "Duschen"), manchmal lassen gezielt fadenscheinige Worte das schillernde Nervenkostüm ihres Vaters erahnen ("Ewig allein", "Ihr liebt mich jetzt"). Am Ende mündet alles in einem imposanten Gebilde aus elegant verzahnten Versatzstücken einer Kultur, in der das Abseitige und die Überschreitung einen Ehrenplatz inmitten all der Herrlichkeit finden. Genre-Transzendenz für die Suchenden, die Verlorenen, die Anderen, für die Brut der Nacht. Hier gibt es viel zu entdecken, wir stehen erst am Anfang.