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29.08.2011

White Lies - Biografie 2010

White Lies -„Ritual“(VÖ: 28.01.2011)

Nach dem Release ihres gefeierten Debüts

 sie treten vor Millionen von Menschen in aller Welt auf, und zwar an der Seite von einem der berühmtesten Männer überhaupt. Das erleben zu dürfen war einfach der Hammer. Wir fühlten uns wie kleine Jungs, rannten im Studio rum und probierten aus, wie es sich anfühlt, auf seinem Stuhl zu sitzen. Das war wohl der größte ‘Superstar-Moment’ in unserer bisherigen Karriere.“

Bassist Charles Cave wiederum hatte seinen größten Glücksmoment, als er gerade am Rand irgendeiner Autobahn in Polen festsaß: „Wir waren noch nie zuvor in Polen aufgetreten, und dann blieb unser Tourbus vier Autostunden von einem Festival entfernt einfach stehen. Wir saßen schließlich für geschlagene 10 Stunden dort fest und konnten nicht weiter. Die Verantwortlichen vom Festival schickten irgendwann ein paar Autos los, mit denen wir abgeholt werden sollten, und wir dachten nur: Wir sollen um neun Uhr abends in irgendeinem Zelt in einem Land auftreten, in dem wir noch nie gespielt haben. Lohnt sich der ganze Aufwand oder sollen wir das einfach absagen? Wozu der ganze Stress? Aber wir kamen schließlich doch noch am Ziel an, zogen uns um, und als wir die Bühne im randvollen Zelt betraten, standen wir vor dem besten und wildesten Publikum, das wir je gesehen hatten. Da müssen wohl so um die 20.000 Menschen in diesem Zelt gewesen sein. Schon als wir den ersten Song spielten war klar, dass jeder von ihnen jedes Wort mitsingen konnte.“

„Ich fühlte mich an dem Abend ein wenig krank, um ehrlich zu sein“, berichtet der überaus redselige Texter der Band weiterhin. „Rein emotional hat mich kein anderer Auftritt so erschlagen wie dieser Gig in Polen – und jetzt zählt Polen zu den Ländern, in denen wir am liebsten auftreten. Der besagte Auftritt zeigt ganz gut, wie viel wir auch außerhalb Englands geackert und erreicht haben. Viele Bands, die man vielleicht als unsere Konkurrenz bezeichnen muss, sind in Großbritannien rein statistisch gesehen noch viel erfolgreicher als wir. Doch dafür haben wir uns eine internationale Fanbase erspielt: Polen, Russland, Japan, Mexiko...“

„Die beiden Auftritte in der Brixton Academy waren für mich absolute Highlights“, sagt Harry McVeigh, der Sänger der dreiköpfigen Band, die 2006 in Westlondon zusammenfand. „Eine Art Heimspiel, und es fühlte sich einfach nur grandios an, in einer Konzerthalle zu stehen, in die wir früher schon immer gepilgert sind, um uns irgendwelche Bands anzuschauen. Dazu kommt, dass die Produktion der beiden Shows einfach gewaltig war: Wir fühlten uns plötzlich wie eine richtig professionelle Band“, erzählt er. „Mit einem Mal waren wir ein richtig ‘großes Ding’.“

„Großes Ding“ trifft es in der Tat ganz gut: „To Lose My Life“ stieg im Januar 2009 auf Anhieb auf Platz #1 in die UK-Charts ein und sollte sich weltweit 750.000 Mal verkaufen. White Lies waren daraufhin nicht nur die „New Band of the Year“ bei den Q- und den Mojo-Awards, sie landeten auch auf dem Cover des NME und wurden Ende letzten Jahres von den Lesern des Blatts auf Platz #2 der Leser-Jahrescharts gewählt. Kein schlechtes Jahr also.

Was also passiert Anfang 2011 bei den White Lies? Nun, die Akkus sind wieder voll aufgeladen, ihr Glaube an die eigenen Fähigkeiten ist gestärkt, und sie melden sich mit „Ritual“ zurück, ihrem zweiten Album und einem wahrhaftigen Rock/Electro-Rundumschlag, auf dem sie sämtliche Erfahrungen und Lektionen der 18-monatigen Welttournee verarbeitet haben.

Ihr Selbstvertrauen, ihre Entschlossenheit und nicht zuletzt ihr Ehrgeiz sind schon auf dem eindringlichen Electronica-Track „Peace And Quiet“, übrigens das Lieblingsstück von Lawrence-Brown, nicht zu überhören: „Der Song bedeutet mir extrem viel. Das war die letzte Nummer, die wir aufgenommen haben, insofern hat der Track viel von einem klanglichen Schlusspunkt. Trotzdem würde ich das Stück sogar als den Höhepunkt der neuen LP bezeichnen. Allein die Arbeit im Studio fühlte sich in diesem Fall ganz anders an – irgendwie unbeschwerter und viel lockerer. Der Track selbst fühlt sich daher organischer als alle anderen an, obwohl da am Anfang und am Ende dieser elektronische Beat zu hören ist.“

Nicht unwichtig war auch die Wahl des Produzenten: White Lies holten mit Alan Moulder eine Legende ins Boot, die schon für zeitlose Aufnahmen von Bands wie Them Crooked Vultures oder auch My Bloody Valentine hinter den Reglern stand. Gemeinsam mit Max Dingel, den die Jungs schon für die Aufnahmen von „To Lose My Life“ engagiert hatten, half Moulder der Band dabei, ihre Ideen in seinem eigenen Assault And Battery Studio in London in die endgültige Form zu bringen. „Alan war genau der richtige Mann für uns“, meint Cave. „Er ist etwas älter, etwas weiser, ein absolutes Genie in Technikfragen, und er hat uns letztlich ermöglicht, haargenau den Sound zu kreieren, der uns vorschwebte – nur wären wir ohne ihn niemals in der Lage gewesen, diese Vision auch nur ansatzweise so umzusetzen.“

Das perfekte Zusammenspiel aus kollektiver Vision der Band und Know-how des Produzenten ist gewissermaßen das Fundament von „Ritual“, einem Album, das in nur fünf Wochen geschrieben und innerhalb von sechs Wochen eingespielt wurde. Kein Herumgewurschtel, kein Rumgemurkse und keine hektische Suche nach „einer neuen Richtung“ oder „todsicheren Hits“. Stattdessen: Einfach nur ein Haufen Freunde, die als Teenager angefangen haben und inzwischen zu einem kreativen Dreigespann herangereift sind, das stets fokussiert bei der Sache ist, sich gegenseitig den Rücken stärkt und keine Angst vor Experimenten hat.

„Ursprünglich hatten wir viel größere Pläne: Wir flogen nach Paris und schauten uns ein echt schickes Luxusstudio an“, erinnert sich Cave. „Aber zu dem Zeitpunkt hatten wir schon drei Wochen lang an den Songideen herumgefeilt, und das alles lief einfach zu gut für einen Ortswechsel. Zwei Wochen später hatten wir sämtliche Songs auch schon geschrieben. Ganz neu und anders im Vergleich zum Vorgänger war dieses Mal, dass Harry und ich das gesamte Material zu Hause auf seinem Rechner geschrieben haben. Während die Songs beim letzten Mal zunächst am Keyboard entstanden sind, haben wir sie dieses Mal sofort so umgeändert, dass wir sie als Band einspielen konnten; dann haben wir diese Versionen aufgenommen und dabei noch ein paar Dinge hinzugefügt.“

Damit meint er jedoch nur ein paar kleinere Details, denn ein Großteil jener Elemente, die auf den Demoversionen für „Ritual“ zu finden waren, hat es auch auf das fertige Album geschafft. Auch das zeigt, wie mutig und selbstbewusst White Lies waren, als sie ihre neue Platte in Angriff nahmen. Eine Entwicklung übrigens, die zum Teil darauf zurückzuführen ist, dass ihre Plattensammlungen seit den Aufnahmen zu ihrem Erstling „um den Faktor 20“ gewachsen sind, wie sie auch selbst einräumen.

„Auf Tour haben wir überall neue Einflüsse entdeckt, diverse Songs und Künstler, die uns extrem gut gefallen haben“, berichtet McVeigh. „Und da wir zum ersten Mal ein bisschen Geld in den Taschen hatten, haben wir das gleich mal in ganz viel neue Musik investiert. Das wiederum hat unseren ganzen Ansatz sehr stark beeinflusst, immerhin haben wir all diese Sounds förmlich in uns aufgesogen.“

Ihre neuen Hörgewohnheiten – in diesem Fall Leute wie Richie Hawtin bzw. seine Aufnahmen als Plastikman und andere Bleep-Größen, die schwedische Metalband Opeth oder auch der dänische Produzent Trentemøller – äußern sich beispielsweise im Techno-Einschlag von „The Power & The Glory“. „Mit dem Beat und diesen Glitch-Elementen beziehen wir uns auf genau diese Leute“, so Cave.

Als erste Single erscheint der überdimensionale und ultradruckvolle Track „Bigger Than Us“. Der Titel sagt eigentlich schon alles...

„Der Song hat einen ganz schön massiven Refrain“, meint McVeigh und grinst bis über beide Ohren. „Ein perfekter Song fürs Radio ist das. Mir ist schon klar, dass das jetzt so klingt, als würden wir uns einen Kopf über das Hitpotenzial einzelner Tracks machen, aber was bitte soll daran schon falsch sein?! Wir sind nun mal eine ehrgeizige Band. Wir wollen nur die besten Songs auf unserem Album haben.“

„Come Down“, mit dem die Platte ausklingt, ist noch so ein Highlight: Die satte Stimme von McVeigh gleitet über einen minimalen Electronica-Teppich, der eiskalt und überraschend warm zugleich klingt, bis sich plötzlich... eine vollkommen andere Klanglandschaft auftut: „Ursprünglich wollten wir einen Song machen, der ein wenig wie Tears For Fears klingt, aber viel, viel minimalistischer“, erzählt ein lächelnder Cave. „Zehn Minuten später war diese Idee aber schon wieder vom Tisch. Der mittlere Teil klang nämlich voll nach Gospel und R&B, und wir saßen so da, hörten uns die Aufnahme an und grinsten uns an: ‘Keine Ahnung, taugt das was? Ist das cool?’ Aber wir sind echt stolz auf diesen Part. Uns gefällt daran, dass sich viele Leute fragen werden: ‘Was zur Hölle soll das jetzt bitte sein?’“

Die Wahl des Albumtitels, so Cave, gehe darauf zurück, dass „viele der Songs mit den unterschiedlichsten Ritualen zu tun haben, mit allen möglichen Dingen, die wir Menschen immer wieder tun, auch wenn sie nicht unbedingt gut für uns sind. Ein Song wie ‘Holy Ghost’ ist zum Beispiel ganz wörtlich zu verstehen: Wir beleuchten darin ein ganz konkretes und ziemlich extremes Beispiel aus dem Bereich der Religion. ‘Strangers’ hingegen handelt von den Ritualen, die mit einer rein sexuellen und ansonsten vollkommen leidenschaftslosen Beziehung einhergehen.“

„Das Album als Ganzes fungiert daher gewissermaßen als große Klammer, in der all diese Aspekte vereint und auf ein paar zentrale Fragen heruntergekocht werden: Was davon macht man, um einfach nur die Zeit totzuschlagen, und was hilft einem auf der Suche nach dem Sinn des Lebens? Hat einer, der jeden Morgen aufsteht und erst mal drei Stunden lang betet ein vollkommen anderes Selbstbild von sich als jemand, der jede Nacht mit einer anderen ins Bett steigt oder sich permanent die Kante gibt?“

McVeighs Kommentar dazu: „Ich mag den Titel, weil er alles und nichts zugleich bedeuten kann. Man kann ihn auf die Religion oder auf die Liebe beziehen, auf Dinge, die eine zentrale Rolle im Leben einnehmen. Oder es kann einfach nur darum gehen, wie man jeden Abend von der Arbeit nach Hause kommt und dann vor der Glotze sitzt – auch das kann so ein Ritual sein.“

Was ihre kommenden Shows betrifft: Letztes Mal sind White Lies als vierköpfige Band aufgetreten. Nun haben sie noch einen weiteren Mitstreiter dazugeholt und werden ihre neuen Songs zu fünft präsentieren: „Mehr Raum, mehr Druck, mehr Rückendeckung“, meint Jack Brown.

„Ich würde mal sagen, dass sich der gesamte Ansatz seit unserer ersten LP verändert hat. Bei unserem Debüt haben wir alles darangesetzt, möglichst dick aufzutragen und möglichst bombastisch zu klingen, auch wenn wir das damals nicht unbedingt zugeben wollten“, sagt Charles Cave mit einer Offenheit und Ehrlichkeit, die absolut bezeichnend ist für diese Band. „Ganz schön pathetisch war das. Wir wollten unbedingt Streicher! Alles musste so groß wie nur möglich klingen! Ich weiß, dass ‘groß’ ein schwieriger Begriff ist, den auch andere Bands viel zu oft verwenden. Aber genau das wollten wir nun mal – und vielleicht sind wir damit sogar ein wenig über das Ziel hinausgeschossen.“

„Wir wurden immerhin auch dafür kritisiert: Man sagte uns nach, wir würden teilweise etwas steril oder gekünstelt klingen. Aber dieses Problem haben wir inzwischen behoben. Zum Beispiel wären da die Texte: Auf unserem Debüt handelten sie noch ausnahmslos von fiktionalen Themen, auch wenn sie schon damals auf wirklichen Ereignissen und Schicksalen basierten. Doch allein dadurch war es ziemlich schwer, echte Gefühle in den Songs zu transportieren. Dieses Mal haben wir jedoch wirklich alles gegeben und sind dafür auch vollkommen unkonventionelle Wege gegangen. In die andere Richtung nämlich: Wir wollten herausfinden, wie viele Brüche und Makel die endgültige Version verträgt, denn einige der Aufnahmen sind alles andere als ‘perfekt’. Harrys Stimmbänder mussten in den letzten zwei Jahren zum Beispiel ganz schön viel mitmachen, und nach 18 Monaten auf Tour mit all den Kippen und Drinks klingt sie längst nicht mehr wie die junge und klare Engelsstimme von damals. Doch genau das finde ich wiederum perfekt daran.“

Energie, Ruhm, Frieden, Ruhe, Sex, Religion, Fehler, Leidenschaft, Brüche, Makel, Herz, Seele – um all das geht es auf „Ritual“. Manchmal sogar um noch mehr. Und manchmal um einen Tick weniger.