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Yannick Nézet-Séguin BACKSTAGE EXCLUSIV

Biografie

18.07.2013

Biografie - Yannick Nézet-Sèguin

Nicht viele Menschen haben bereits als Zehnjährige einen fertigen Lebensplan, aber das war der Zeitpunkt, als Yannick Nézet-Séguin entschied, Dirigent zu werden. 28 Jahre später ist er im Begriff, seinen Traum mit spektakulären Ergebnissen zu verwirklichen. Mit zehn Jahren war er vermutlich nicht einmal zu jung – immerhin spielte er schon seit seinem fünften Lebensjahr Klavier und gewann viele Preise am Conservatoire de musique et d’art dramatique du Québec in seiner Heimatstadt Montreal. Doch der Wendepunkt in seinem musikalischen Leben kam, er als 19 war und dem großen italienischen Dirigenten Carlo Maria Giulini begegnete, der sein Mentor wurde. Während er ohne viel Aufsehen die Weisheit des erfahrenen Maestro in sich aufnahm, entwickelte er seine Karriere in der festen Überzeugung, dass der Dirigent da sei, um der Musik zu dienen, und nicht umgekehrt. Diese unprätentiöse Auffassung machte ihn bald bei Zuhörern und Orchestern gleichmaßen beliebt.

Als er 2004 erstmals in Europa auftrat, war er schon als Dirigent örtlicher Chöre hervorgetreten und hatte sein eigenes professionelles Orchester und Vokalensemble gegründet, La Chapelle de Montréal. Im Jahr 2000 wurde er künstlerischer Direktor und Chefdirigent des Orchestre Métropolitain und dirigierte dann alle großen kanadischen Ensembles. Aber es war klar, dass die internationale Musikszene rief. Es folgten Einladungen bedeutender europäischer Orchester: Staatskapelle Dresden, Berliner Philharmoniker, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Wiener Philharmoniker (in Salzburg, Luzern und Wien), Accademia Nazionale di Santa Cecilia, Royal Stockholm Philharmonic und Chamber Orchestra of Europe. Sein Debüt bei den BBC Proms gab er 2009 mit dem Scottish Chamber Orchestra. Im Jahr darauf kehrte er mit dem Philharmonischen Orchester Rotterdam zurück, dessen Musikdirektor er seit 2008 ist, dem Jahr, in dem er auch Erster Gastdirigent des London Philharmonic Orchestra wurde.

Im Sommer 2012 gab er Konzerte mit dem Orchestre Métropolitain in Kanada, dem Philadelphia Orchestra in Vail und Saratoga sowie mit dem Chamber Orchestra of Europe und dem Mostly Mozart Festival Orchestra beim Mostly Mozart Festival im Lincoln Center in New York. Im selben Sommer begann er auch eine neue, langfristige Partnerschaft mit Deutsche Grammophon. Ein großer neuer Zyklus mit Aufnahmen von Mozarts sieben Opern der Reifezeit, der im vorigen Jahr mit Don Giovanni begann (»nachdrücklich empfohlen« – BBC Music Magazine), wird mit Così fan tutte fortgesetzt – die Aufnahme mit Startenor Rolando Villazón erscheint im August 2013. Es folgen Idomeneo, Die Entführung aus dem Serail, Le nozze di Figaro, La clemenza di Tito und Die Zauberflöte, jeweils mit Rolando Villazón in den führenden Tenorpartien.

In seiner ersten Orchesteraufnahme für Deutsche Grammophon dirigiert Yannick Nézet-Séguin das Philadelphia Orchestra, dessen Musikdirektor er seit 2012 ist; das Album erscheint im September 2013. Es ist das erste Studio-Album des Orchesters bei einem führenden Label seit einer Aufnahme für Deutsche Grammophon im Jahr 1997. Auf dem Programm stehen Strawinskys Le Sacre du printemps, dessen 100-jähriges Jubiläum der Uraufführung 2013 gefeiert wird (die USA-Erstaufführung spielte das Philadelphia Orchestra 1922 unter Leopold Stokowski), sowie Werke von Bach und Strawinsky in Arrangements von Stokowski. Nézet-Séguins Eröffnungskonzerte mit dem Philadelphia Orchestra, zu denen auch sein Debüt in der Carnegie Hall mit Verdis Requiem gehörte, erhielten begeistertes Lob der Kritik. Neben den regelmäßigen Abonnements- und Tourneekonzerten wird er in jeder Spielzeit drei Aufführungen in der Carnegie Hall leiten. Anlässlich seiner ersten Rückkehr nach dem triumphalen Verdi-Requiem schrieb Anthony Tommasini in der New York Times: »Das Konzert, das auf Nézet-Séguins gefeiertes Debüt in der Carnegie Hall mit dem Orchester im Oktober folgte, war phänomenal. Das für seinen üppigen Streicherklang und seine homogene Fülle berühmte Ensemble klang nie besser.«

Yannick Nézet-Séguin ist gleichermaßen im Konzertsaal wie im Opernhaus zu Hause. Sein Debüt bei den Salzburger Festspielen gab er 2008 mit einer Neuproduktion von Roméo et Juliette, und er kehrte für die Mozartwoche 2010 und für Don Giovanni bei den Sommerfestspielen 2010 und 2011 nach Salzburg zurück. An der Metropolitan Opera, wo er in jeder Spielzeit auftritt, hat er Carmen, Don Carlo, Faust und im März 2013 La traviata geleitet. Er dirigierte an der Mailänder Scala erstmals 2011, trat auch am Royal Opera House, Covent Garden und der Nederlandse Opera auf und leitet eine bedeutende Serie von Opernaufführungen im Festspielhaus Baden-Baden. Im August 2013 beendet er das Festival de Lanaudière in Kanada mit einer konzertanten Aufführung von Lohengrin, bevor er beim Edinburgh International Festival, im Amsterdamer Concertgebouw und bei den BBC Proms in London dirigiert.

Zu seinen Auszeichnungen gehören der angesehene Royal Philharmonic Society Award, Kanadas viel begehrter National Arts Centre Award sowie der Prix Denise-Pelletier, die von der Regierung verliehene höchste kulturelle Auszeichnung in Quebec. 2011 erhielt er die Ehrendoktorwürde der University of Quebec in Montreal, 2012 wurde  er zum »Companion of the Order of Canada« ernannt.

Es war ein langer Weg vom zielstrebigen Zehnjährigen bis zu einem der brillantesten jungen Stardirigenten unserer Zeit. In einem Interview mit dem Guardian erklärte Yannick Nézet-Séguin: »Das Komische ist, wenn man jung ist, träumt man von etwas, ohne zu wissen, was alles dazugehört. Aber ich habe auf meinem Werdegang als Dirigent nicht viele Überraschungen erlebt. Ich hatte einen Traum, und dieser Traum wurde Wirklichkeit.«

Yannick Nézet-Séguin ist ein moderner Dirigent mit viel Respekt vor der Vergangenheit. Seine Begegnung mit Carlo Maria Giulini, die zustande kam, nachdem er dem berühmten Dirigenten begeistert über dessen Bruckner-Aufführung geschrieben hatte, war ein wichtiger Markstein. Aber er hat auch eine besondere Vorliebe für Charles Dutoit, der immer ein großes Vorbild für ihn war. Seine einzigartige, enthusiastische Art des Musizierens unterscheidet ihn von anderen Dirigenten und verspricht noch große Dinge für die Zukunft.

7/2013