Azure Ryder | Biografie

Biografie Azure Ryder

Manchmal sind es die ganz kleinen, unscheinbaren Momente, die alles verändern. Augenblicke und Entscheidungen, die man womöglich selbst kaum wahrnimmt. Im Leben von Azure Ryder wäre das beispielsweise jener Tag, an dem sie als Fünfjährige ihrem Grundschulchor beitrat. Oder auch jener Tag, als sie eher zufällig in einer Instagram-Story auftauchte, die ihr wenig später den ersten Plattenvertrag bescheren sollte. Momente, die rückblickend betrachtet wahnsinnig wichtig für ihr heutiges Leben sind, weil jedes Mal Weichen gestellt wurden. Weil sie nach jahrelanger Arbeit, nach vielen, vielen Experimenten und Abstechern in andere Ecken der Welt endlich an einen Punkt kam, an dem für sie alles stimmte. Schicksal, Bestimmung, Vorsehung – wie man das nennt, tut eigentlich nichts zur Sache. Irgendeine Kraft muss da am Werk gewesen sein.
Für ihre Songs setzt Azure in der Regel auf ein Fundament aus Akustikgitarre und unaufdringlichen, aber absolut wichtigen Beats. Im Mittelpunkt der Stücke, die extrem geerdet und zeitlos wirken, steht dabei stets ihre packende Stimme. Auch lässt sie immer wieder durchschimmern, mit welchen Einflüssen sie schon frühzeitig in Kontakt gekommen ist: Aufgewachsen in einer großen Familie an der australischen Küste nördlich von Sydney, lernte die Sängerin mit australischen und libanesischen Wurzeln durch ihre Eltern sehr früh die Klassiker von Elvis Presley, Dusty Springfield und Sam Cooke kennen. Ihr großer Bruder habe es sich derweil „zur wichtigsten Aufgabe gemacht, aus mir einen Hip-Hop-Fan zu machen“, wie sie sagt. Sicher spielen Freestyles und Rap-Punchlines keine Rolle in ihrem Sound, aber gewisse, davon inspirierte Erzählmuster und poetische Wortspiele klingen durchaus an in ihrem zeitgenössischen Folk-Entwurf. Ihre Gesangsstimme, die sie schon früh im Chor entdeckte, um sie danach im Rahmen von langen, einsamen Strandspaziergängen weiter zu verfeinern, hat die Kraft einer Stevie Nicks, die Wärme einer Norah Jones, die Körnung einer Dusty Springfield.
Obwohl sie eine enge Beziehung zu ihrer Familie und zu ihren Freunden hatte, stellte Azure irgendwann fest, dass ihr die Natur sogar fast noch mehr bedeutete. „Ich fand es immer sehr schwierig, Leute zu finden, die wirklich auf derselben Wellenlänge sind wie ich“, berichtet die Australierin im Büro ihrer Management-Firma in London, wo sie neuerdings ihre Zelte aufgeschlagen hat. „Gerade was die Musik angeht, hatte ich lange Zeit niemanden an der Seite.“ Unter anderem habe die Nähe zum Ozean ihren Hang zur Natur geprägt; ihr Interesse an den Lektionen, die man von ihr lernen kann. So finden sich auch Bezüge zur Natur auf allen Tracks ihrer Debüt-EP – mal sind es Wölfe („Wolves“), aber auch in der ersten Single „Dizzy“ tauchen sie auf. „Mich fasziniert eher die Art von Musik, bei der man sofort spüren kann, dass sie diesen Tiefgang hat. Mit
meinen eigenen Songs will ich es letztlich schaffen, dass sie bei den Leuten ein Gefühl auslösen. Für mich entsteht so eine Verbindung erst, wenn es wirklich unter die Haut geht.“
Abgesehen von ihrer Familie, die Azure von Anfang an unterstützt hat, konnte so gut wie niemand in ihrem kleinen Küstenort verstehen, welche Anziehungskraft die Musik auf sie hatte – und was sie damit eigentlich erreichen wollte. Dabei ließ die heute 23-Jährige nichts unversucht: Andauernd spielte sie kleine Shows in ihrem Heimatort, trat sogar auf Hochzeiten auf, aber als sie dann ihre Schullaufbahn beendet hatte, blieb ihr doch nur eine Option, nämlich der Job als Verkäuferin. „Darin war ich echt gefangen“, erzählt sie, „und der Job hat mir auch meine ganze kreative Energie geraubt. Wenn ich wieder eine Schicht hinter mich gebracht hatte, wollte ich einfach nur meine Ruhe, nichts als Stille. Und so kam ich an einen Punkt, an dem ich mir sagte: Wenn das mit der Musik etwas werden soll, dann muss ich da raus. Ich muss einen Sprung wagen und dafür sorgen, dass etwas passiert. Es musste Schluss sein mit den ewigen Ausreden. Einfach machen.“
Also legte sie los, und zwar auf eigene Faust: Azure flog nach Boston und absolvierte einen Sommerkurs am Berklee College of Music. „Wir Menschen wurden ja nicht geschaffen, um bequem zu sein“, kommentiert sie rückblickend jenen Entschluss – und verweist damit auch auf die vielen anderen Herausforderungen, denen sie sich seither gestellt hat. An der US-Ostküste fand sie denn auch endlich Gleichgesinnte. „In die Staaten zu gehen und dort endlich dieses Feuer in anderen Leuten zu finden, das war echt spannend. Ich will lieber mein ganzes Leben lang wachsen und kontinuierlich lernen, anstatt mir einen Platz zu suchen, der zwar bequem ist, aber auch Stillstand bedeutet.“ Nach dem Boston-Trip kehrte sie nach Australien zurück und jobbte nebenher ein wenig als Model, während sie in Byron Bay in einem Studio anheuerte und verschiedene Aufgaben im Musikbereich kennenlernte. Ihr Netzwerk wurde immer größer, weil sie durch das Studio mit vielen Musiker*innen und Produzent*innen zusammenkam. Das Problem: Jede Idee und jeder Ansatz versandete doch wieder… bis sie eines Tages zufällig in einer Instagram-Story landete: Auf dem Weg zum jährlichen „Bluesfest“ entstand das Video, in dem sie getaggt wurde mit der Caption „a singer with the most beautiful voice“ – was wiederum der Manager Tim Manton zu sehen bekam. „Schon am nächsten Tag nahm Tim mit mir Kontakt auf. Wir trafen uns… und die Chemie hat einfach sofort gepasst.“
Überhaupt habe die naturverbundene Sängerin, die auf viele Konventionen pfeift, mit der Zeit erkannt, dass manche Dinge im Universum einfach ein Weilchen länger brauchen. „Wenn sich das alles schon mit 17 so ergeben hätte, da wäre ich doch noch gar nicht bereit dazu gewesen“, meint sie und lacht. „Heute bin ich 23. Und jetzt fühlt es sich wie der richtige Zeitpunkt an.“ Ihr größtes Ziel sei es, andere mit ihren Songs zu inspirieren, weshalb sie mehrfach betont, wie wichtig es für sie ist, dass alles auf echten Gefühlen basiert. „Alles, was ich mache, soll ganz natürlich passieren; diese Mühelosigkeit ist wichtig“, sagt sie weiter. „Ganz egal, was für eine Geschichte ich gerade erzähle: Der
Zuhörer und die Zuhörerin sollen diese Gefühle ganz einfach aufnehmen können – als ob sie geradewegs von meinem in ihren Körper fließen würden. Wie eine warme Umarmung… für die Seele.“
Dieselbe Wärme zeichnet schon den ersten Vorboten ihrer Running with the Wolves-EP aus: „Dizzy“ ist halb aufmunterndes Selbstgespräch, halb Hymne auf die Möglichkeiten des Lebens und der Liebe. Der eingängige Refrain, die packenden Harmonien, dieses Dezente, Glänzende – purer Optimismus und Lebensfreude. Der perfekte Soundtrack für den ersten Schritt einer langen Reise, die alles verändern wird. Ein weiteres großes Thema ist innere Stärke – siehe z.B. auch „Stir the Dust“, ein Stück über Genügsamkeit und Unabhängigkeit, über den Mut aufzubrechen und das eigene Leben in die Hand zu nehmen, wofür Azure auf Vergleiche und Metaphern aus der Natur setzt. „Rising up, I’m not the girl you tore apart“, singt sie und weiter: „I’m turning my scars into art.“ Auch der oberflächlich ganz ruhige Song „Wolves“ hat diese Kraft: Hier ist ihre Liebe zur wilden, ungebändigten Natur und zu den Instinkten der titelgebenden Spezies das Thema: „Could we run with the wolves if this love is the one we choose – are you ready to release me now? And let the sky fall to the ground? Could we run with the wolves.“
Besonders Wölfe haben es Azure schon immer angetan, weshalb sie neuerdings auch die Konturen eines kleinen Exemplars als Tattoo auf der Haut trägt. „Ich mag dieses Wilde an ihnen, und ich glaube, bei ihnen basiert alles auf Intuition“, so Azure. „Sie setzen voll aufs Bauchgefühl, auf das, was ihr Herz im jeweiligen Moment sagt, und genau das hab ich auch schon immer gemacht: Mich aufs Bauchgefühl verlassen. Das gemacht, was mein Herz sagt. Ich glaube, wenn man das tut, eröffnen sich einem ganz neue Freiheiten. Eine Chance, wirklich zu leben.“
„… ist schon seltsam, alle denken irgendwie immer über die ganz großen Dinge nach, aber ich beschäftige mich eher mit den ganz kleinen Sachen. Allein der Gedanke, ich wäre damals nicht zu diesem Festival in Byron Bay gegangen. So eine klitzekleine Entscheidung kann alles verändern und dein ganzes Leben auf den Kopf stellen.“ Mit ihrem Bauchgefühl lag sie bisher jedenfalls absolut richtig. Wohin es sie als nächstes führen wird? Das kann sie selbst noch nicht so genau sagen, aber fest steht, dass sie uns mitnehmen will, wenn das nächste Kapitel beginnt. „Die Leute, die sich meine Songs anhören, ich will sie mitnehmen auf diese Reise“, sagt sie abschließend und lächelt. „Ich will auch gar nicht die Bühne betreten und schon irgendwo angekommen sein. Ich will von diesem Punkt aus starten und dann einfach schauen, wohin es uns gemeinsam verschlägt.“
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