Betterov | Biografie

Betterov – 2020

Betterov BIO
“Viertel vor Irgendwas” heißt die Debüt-EP des 25-jährigen Singer-Songwriters Betterov, auf der er in sechs extrem fokussierten, zwischen Indierock und Post-Punk angesiedelten Songs die großen Themen seiner Generation verhandelt: Aufwachsen zum Beispiel. Oder wie das ist, wenn das Zuhause nicht mehr der Ort ist, an dem man bleiben kann. Oder der Druck, der aus den unendlichen Möglichkeiten und dem Zwang zur Selbstoptimierung entsteht und der so groß wird, dass man es am Ende vielleicht gar nicht aus dem eigenen Zimmer schafft. Aufgenommen und produziert wurde die EP von Tim Tautorat (Faber, AnnenMayKantereit u.a.).
Doch der Reihe nach. Ursprünglich kommt Betterov, der sich nach einer Nebenfigur der dänischen Gaunerkomödien-Reihe “Olsenbande” benannt hat, aus einem kleinen 900-Einwohner-Dorf in der Nähe des thüringischen Eisenach. Schon früh zieht ihn die Musik an, aber da, wo er lebt, fehlen Struktur, Szene und Vorbilder zum Musikmachen, wie er es sich vorstellt. Das ändert sich, als er an einem freien Theater in Eisenach landet. Eine lebensverändernde Entscheidung, wie er später urteilt: “Hier gab es Scheinwerfer und Texte, ich wusste schnell: So ein Ort kann für einen Menschen wie mich nicht schlecht sein.” Betterov übernimmt zwei Jahre die musikalische Produktion am Theater. Parallel macht er die ersten musikalischen Schritte, auf der Abschlussparty eines Festivals spielt Betterov spontan ein paar eigene Songs auf der Akustikgitarre. Das Feedback ist überwältigend, im Anschluss findet er in Berlin 2015 dann endlich das Umfeld, in dem er sich entwickeln kann und das ihm zuhause immer gefehlt hatte. Schnell spielt er die ersten Support-Slots (unter anderem für Enno Bunger) und tritt regelmäßig in Berliner Clubs und Kneipen auf. Die Songs für “Viertel vor Irgendwas” schreibt Betterov allein zuhause und in fast jeder Zeile blitzt das nahezu unverschämte Talent des 25-Jährigen auf. Für die Aufnahmen kommen befreunde Musiker im Studio zusammen und kreieren einen dichten, kompromisslosen Sound, der sehr viel mehr nach Band als nach Singer-Songwriter klingt. Gleichzeitig behält Betterov so die volle künstlerischer Kontrolle über seine Musik.
Das wird auch an der deutlichen Handschrift der Songs auf “Viertel vor Irgendwas” sichtbar: “Angst” etwa, ein Stück vom Verschanzen und Isolieren, catcht dich sofort über den energetischen Sound und das clevere Songwriting, hier und da blitzen The Smiths als Referenz auf. Inspiriert wird “Angst” jedoch auch vom japanischen Phänomen der Hikikomori, also Menschen, die sich aus Scham vor und Überforderung von den gesellschaftlichen Ansprüchen in ihren Zimmern einschließen und den Kontakt zur Außenwelt auf ein Minimum reduzieren. “Irrenanstalt” erzählt dann von Liebe in Zeiten des Kapitalismus: Brauche ich eine Partnerschaft? Und wenn ja, wann weiß ich, dass ich den perfekten Partner gefunden habe? Das Ich zerbricht an diesen Fragen, fühlt aus der Zeit gefallen und lässt sich schließlich einweisen. Ein Highlight der EP ist dann “Dynamit”, ein mit ungehörter Leichtigkeit beschworener Rausch aus der Enge der Provinz, voll von Weltraummetaphern und Sehnsucht: Ein Ereignis, das man so schnell nicht mehr vergessen wird. Das andere ist der hymnische, titelgebende Song “Viertel vor Irgendwas”, ein fast schon euphorischer, mit vollem Recht überladener Song über das Verlassenwerden: “Und jetzt ist alles vorbei, ich bin die pure Langeweile”. Indie-Gänsehaut.
Doch auch wenn viel vom Scheitern und Niederlagen die Rede ist: Auf “Viertel vor Irgendwas” ist deswegen noch lange nicht alles im Arsch. Auf wütende kapitalismuskritische Fingerzeig-Musik hat Betterov ohnehin keine Lust, ihn interessieren Stories, die auf einer hoffnungsvollen, einer positiven Note enden. Was nicht heißt, dass im Universum von “Viertel vor Irgendwas” alles eitel Sonnenschein ist. “Nein”, erklärt Betterov, “es gibt ein paar Sachen, auf die müssen wir aufpassen und um die müssen wir kämpfen.” Lange hat nichts mehr so viel Hoffnung gespendet, wie Betterov beim Kämpfen zuzuhören.