Charles Lloyd | News | Energievoll in den Achtzigsten - Charles Lloyds Geburtstagsaktivitäten

Energievoll in den Achtzigsten — Charles Lloyds Geburtstagsaktivitäten

Charles Lloyd
D. Darr
02.02.2018
Wenn man Charles Lloyd auf der Bühne erlebt, fragt man sich unwillkürlich, woher der Saxophonist und Flötist seine beeindruckende Vitalität und Leidenschaft nimmt. Manchmal scheint es, als habe er die Musik gerade eben erst entdeckt, so neugierig lotet er sie in all ihren Schattierungen aus.
Dabei hatte sich Lloyd am Anfang seiner Karriere gar nicht vorstellen können, in fortgeschrittenem Alter überhaupt noch zu spielen. Als er Anfang der 1960er Jahre sein großes Vorbild Coleman Hawkins, damals in seinen Mittfünfzigern, im New Yorker Village Vanguard hörte, dachte er sich nach eigener Aussage: “Ich hoffe, dass ich in dem Alter kein Saxophon mehr im Mund habe.” Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Im Gegensatz zu vielen Kollegen seiner Generation muss und möchte Lloyd heute gar nicht mehr kürzertreten. Der einstige Saxophonkoloss Sonny Rollins (87) hängte sein Instrument wegen Atemproblemen schon 2012 an den Nagel. Gary Burton (75) legte seine Vibraphonschlägel letztes Jahr für immer aus den Händen. Und Gitarrist John McLaughlin (76) teilte Ende 2017 mit, dass er ab sofort nur noch vereinzelte Auftritte absolviert, aber keine großen Tourneen mehr unternimmt. Lloyd aber, der am 15. März seinen 80. Geburtstag begeht, ist ungebrochen aktiv und möchte es auch noch lange sein.
Tatsächlich befindet er sich, wie das US-Blatt The Atlantic meinte, gerade in seinem “zweiten goldenen Alter”. “Wir sind nur auf der Durchreise”, sagt der zum Mystischen neigende Lloyd gerne lakonisch. “Wir singen unser Lied, niemand kennt uns, und dann sind wir weg. Darauf muss ich vorbereitet sein. Aber es scheint, als ob der Schöpfer mir eine Karotte vor die Nase hält, die an einem Stock baumelt. Und jedes Mal, wenn ich ihr näher komme, sagt er: ‘Noch nicht, Charles.’” Und so stürzt sich Lloyd unverdrossen in immer wieder andere musikalische Abenteuer, für die er sich oft neue Partner sucht.
So wie 2015, als er mit den beiden Ausnahmegitarristen Bill Frisell und Greg Leisz, Bassist Reuben Rogers und Schlagzeuger Eric Harland eine neue Band namens The Marvels gründete. Mit ihr legte er wenig später bei Blue Note Records das wunderbare Album "I Long To See You" vor, auf dem er seine spirituellen Jazzimprovisationen äußerst originell mit Americana-, Folk- und Blues-Elementen verknüpfte. Angesichts der komplizierten All-Star-Besetzung erwartete damals kaum jemand ein zweites Album dieser Band. Doch genau das kündigt Lloyd nun für Mitte des Jahres an. Mehr noch: zu den fünf brillanten Musikern wird sich diesmal noch die Roots-Rockerin Lucinda Williams gesellen.
Von welchem Elan Charles Lloyd nach wie vor beseelt ist, unterstreicht auch ein Blick in seinen Tournee-Kalender. Das ganze Jubiläumsjahr hindurch wird man ihn — sicher auch in Europa — mit verschiedenen Ensembles live erleben können: zum einen natürlich mit den Marvels, aber auch mit seinem New Quartet (feat. Jason Moran, Reuben Rogers und Eric Harland), dem Trio Sangam (feat. Zakir Hussain und Harland) oder unter dem Namen Charles Lloyd & Friends (feat. Rogers, Harland, Gerald Clayton, Julian Lage und Booker T. Jones).

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