CRUCCHI GANG
„Ombrelloni & Gru“
VÖ: 12.06.2026
Sonnenschirme und Kräne. Ferien und Alltag, Arbeit und Sonnenbrand.
Während ich diese Zeilen schreibe, sitzt Francesco Wilking im Nachtzug nach Rom. Er wird dort Clavdio treffen, um den letzten Song für das 3. Crucchi-Gang-Album fertig zu machen. Clavdio kennen wir von Faber, er war auch bereits im Dezember 2024 in der Columbiahalle beim Crucchi Gang zu Gast, was sich für Italiener und Deutsche wie zuhause anfühlt. Diesmal hat er sich gewünscht, auf dem Album mitzumachen und auch ein Lied beizusteuern. Interessanterweise hat er sich von Hannes Wader „Heute hier morgen dort“ gewünscht, eines der Sehnsuchtslieder der Generation unserer Eltern, die diese Liebe zum Polit-Chanson manchmal an ihre Kinder weitervererbt haben.
Einen weiteren italienischen Unterstützer haben wir im Laufe des letzten Jahres ganz zufällig entdeckt: Massimo Vitali. Der in Viareggio und Lucca lebende Künstler studierte Fotografie in London und arbeitete als Fotograf für Fashion z. B. in Vogue, später wandte er sich der künstlerischen Fotografie zu (seine Werke sind in Arles, Paris, London und bei der Hasselblad Foundation in Göteborg ausgestellt worden). Im Steidl Verlag erschienen „Beach and Disco“ und „Landscape and Figures“. Was ja genau die Themen der Crucchi Gang sind! In endloser Geduld und Großzügigkeit hat er uns seine Fotos für das Artwork der Crucchi Gang zur Verfügung gestellt – wir arbeiten hier ja schon immer mit denselben Brüchen, die auch auf seinen Fotos zu finden sind: Hinter dem Bagno ist die Ölraffinerie, die Strände sind restlos überfüllt, obwohl man das Gefühl hat, sie strecken sich auf seinen Fotos über ganze Küstenabschnitte hin, es gibt dort Feuer, Polizei und Motorräder ohne Kitsch. Also: unser Italien!
Für das dritte Album haben wir diesmal mit einer Reihe von österreichischen und deutschen Künstler:innen arbeiten dürfen, die alle eine starke Verbindung zu Italien haben. Bei manchen ist der Vater Italiener, sie sind hier aufgewachsen, womit wir zurück zu unserem Thema kommen: die Liebe zu Italien.
Man kann es nicht mal gendern – ein Großteil der Crucchi-Gang-Fans sind Gastarbeiter-Kinder. Sie sind aufgewachsen mit einem Vater, der in Deutschland meist in der Fabrik arbeitete, und einer Mutter, die zuhause war (70er- und 80er-Jahre). Sie singen begeistert auf unseren Konzerten mit und es geht nicht um den perfekten italienischen Akzent, sondern um Haltung, Liebe und Romantik. Und darum, dass wir uns alle ein gemeinsames Europa wünschen. Ob jemand hier den Text perfekt ausspricht oder eher nicht – das Gefühl ist und bleibt groß und ist offen für die deutsch-italienische Freundschaft.
In den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und Italien geschlossen. Es kamen viele Menschen aus dem tiefen Süden, um in Deutschland zu arbeiten – „Gastarbeiter“. Im Koffer hatten sie ihren Kaffee, ihre Pasta, das Olivenöl und den Parmesan, den es in der Nachkriegs-BRD noch nicht gab. In der Boulevardpresse waren sie „die Wilden“, „die Messermänner“, Zuschreibungen, die nach ihnen auch Menschen aus der Türkei, Syrien und Afghanistan abbekommen haben. Am Küchentisch und am Fließband haben sie ihre Lieder gesungen, von Adriano Celentano und seinen 24.000 Küssen, von Mina, die am Telefon Schluss macht, und Gino Paoli, dem der Geschmack von Meersalz eine vergangene Liebe ins Gedächtnis ruft.
Sie waren Gastarbeiter:innen und sollten/wollten bald wieder gehen. Aber manche blieben. Francesco Wilking ist mit seiner römischen Mutter und seinem Bremer Vater im Schwarzwald aufgewachsen, in Lörrach, wo das Stadtbild zu großen Teilen von Menschen aus Kalabrien, Apulien und Sizilien geprägt wurde und wird. Viele haben in den Stoff-, Zahnpasta- und Schokoladenfabriken gearbeitet, wo alle Schilder und Beschriftungen auf Deutsch und Italienisch waren und es in der Kantine mittags Riesenschüsseln mit Pasta gab. In der Grundschule hatte Francesco genauso viele italienische wie deutsche Mitschüler:innen. Er hatte zwei Freundeskreise, hat Fußballbilder der Bundesliga und der Serie A getauscht, hat Angelo Branduardi und die Erste Allgemeine Verunsicherung gehört.
Charlottes beste Freundin hatte einen sizilianischen Vater, in dessen Keller ein Fass Rotwein stand, den er sich immer mit nach München brachte. Wir haben die komplette Oberstufe nach der Schule in seinem Haus verbracht (während er malochte), den Rotwein abgezapft und dazu Lucio Dalla (und Umberto Tozzi, Toto Cutugno etc.) gehört.
Wir sind aufgewachsen mit italienischer Kultur und haben in der Musik früh diese Stereotypen kennengelernt (und lieben gelernt). Bei der Crucchi Gang haben wir uns diese angstfreie Liebe zur Musik abgeschaut: Wir suchen uns große deutsche Hits und wickeln sie in italienische Ennio-Morricone-Stoffe und behängen sie mit Disco-Lametta. Die Songs sind entweder eigene und geschrieben von Buntspecht, Fettes Brot, Dilla oder Salo oder wir covern die Hits von Ideal, Hildegard Knef oder Franz Josef Degenhardt (mit Fil Bo Riva und Alli Neumann, Clavdio, Sven Regener).
Diesmal wollten wir noch mehr Italien: Nicht lange mussten wir Francesco überreden, „Ragazzo Solo, Ragazza Sola“ von David Bowie (man kennt es als „Space Oddity“) zu singen. Die Version lief damals recht erfolglos auf dem Festival in Sanremo und es gibt – zugegeben – von David Bowie eine sehr schöne Version, die aber außer uns und Sven Regener quasi niemand kennt. In der Version von Francesco ist sie sehr eigen und perfekt für die Crucchi Gang und muss sich vor dem italienischen Geschwister nicht verstecken.
Crucchi heißt „Scheiß-Deutsche“, ein Schimpfwort. Crucchi hat aber seit 2020, seit dem ersten Album der Crucchi Gang, noch weitere Bedeutungen, nämlich: deutsche Lieder im italienischen Abendkleid, musikalischer Alpenpass, Freundschaft … Wir wünschen viel Vergnügen, eure Crucchi Gang.