Dan Croll | Biografie

Dan Croll, “Sweet Disarray”, 2014

Dan Croll ist zwar ein Solokünstler, aber sein Ansatz als Musiker hat so viele Facetten, dass sich davon sogar manch eine Band noch eine Scheibe abschneiden könnte. Croll steht auf Electro-Sachen, ist mit einem Bein in den Clubs zu Hause, hat aber auch beste Kontakte in die Folk-Szene (das Label Communion Records entdeckte ihn schließlich und packte eines seiner Stücke auf die letzte „New Faces“-Compilation), und er ist ein Multiinstrumentalist, bei dessen Songwriting-Skills schon echte Ikonen hellhörig geworden sind – so zum Beispiel ein Ex-Beatle und die eine oder andere Legende aus den Bereichen Mode und Design. Los ging’s für ihn im Jahr 2012, als eine seiner Demoaufnahmen („Marion“) als Q Essential Download in UK die Runde machte, woraufhin schon bald der nächste Demo-Track („Home“) im Programm von Steve Lamacq beim Sender 6 Music lief, bis schließlich „From Nowhere“, seine offizielle Debütsingle, vom britischen Radio 1 abgefeiert wurde…
Auch seine an Buddy Holly erinnernde Brille sollte einen nicht täuschen: Dieser junge Mann war früher ein echtes Rugby-Wunderkind, dessen Profi-Karriere nur durch einen Beinbruch verhindert werden konnte. Was die z.T. sehr gefühlvollen Akustikklänge auch nicht unbedingt erwarten lassen: Der 23-Jährige hat früher als Türsteher für einen Night-Club gearbeitet, und er wohnte direkt über einen Strip-Lokal in Liverpool…
Dan kam im Jahr 1990 in Trentham zur Welt, einem Vorort von Stoke-On-Trent, dort also, wo einst auch Robbie und Slash aufwuchsen: Sein Vater war ein Consultant, seine Mutter Krankenschwester, und es sah tatsächlich nach einer Rugby-Karriere aus – er spielte erst für sein Schulteam, dann für die Regionalmannschaft, dann für das Midlands-Team… –, bis ein unschöner Schienbein-trifft-Schienbein-Zwischenfall ihm mit 17 einen Strich durch die Rechnung machte: Ein Jahr Gips war angesagt, und sein Wunsch, irgendwann einmal fürs englische Nationalteam zu spielen, lag genauso in Trümmern wie sein Bein, das da über seinem Bett baumelte.
Doch Dan hatte als Teenager zum Glück noch ein zweites Hobby, die Musik, was größtenteils an seiner Mutter gelegen haben mag, die auf Jazz, Blues und Folk stand und früher selbst gesanglich in diversen Brass-Bands mitgemischt hatte. Seine erste eigene musikalische Entdeckung war der Nu-Metal-Sound von Blink 182 und Sum 41, bis ihn seine ältere Schwester mit Bands wie The Strokes und The Libertines bekanntmachte. Danach ging’s Schlag auf Schlag: Alles von den Beach Boys bis Beirut, von den Dirty Projectors bis Grizzly Bear lief bei ihm rauf und runter.
In der Schule fühlte sich Dan gleichermaßen mit den Hardcore-Rugby-Jungs verbunden wie mit den lässigen Skater-Cliquen. Und auch die Instrumente nahm er gleich reihenweise in Angriff: Schon als Teenager beherrschte er Gitarre, dann auch Bass, dann Klavier und Schlagzeug, ja selbst vor der Trompete machte er nicht Halt. Seine Wochenenden verbrachte er während dieser Zeit in der Regel in Liverpool, wo zahlreiche Verwandte von ihm lebten, und so war es vielleicht absehbar, dass er sich irgendwann auch dort am Institute for Performing Arts einschreiben würde: Dan studierte also Musik, wobei zu seinen Dozenten unter anderem Eddie Lundon (vom Achtziger-Synthpop-Duo China Crisis) und Keith Mullin zählten – letzteres Ex-Mitglied von The Farm hatte laut Dan auch stets die besten und amüsantesten Anekdoten über sein eigenes verpfuschtes Leben parat.
Wenig später gewann er den Preis als „Songwriter of the Year“ vom Musicians Benevolent Fund und durfte daraufhin unter vier Augen Zeit mit Sir Paul McCartney verbringen, immerhin einer der Gründer des Liverpooler Instituts: Die 40-minütige Session mit dem Ex-Beatle lief so gut, dass Dan nur Lob kassierte und Sir Paul das Wort „groovy“ offensichtlich gleich häufiger in den Mund genommen haben soll. Und natürlich war Dan sehr dankbar für die einzigartige Gelegenheit, sich mit einem der größten Pop-Helden des 20. Jahrhunderts über die eigene Musik austauschen zu können – obwohl ihm insgeheim Paul Simon und Burt Bacharach noch mehr bedeuten.
„In Liverpool kann sich das schon so anfühlen, dass das Erbe der Beatles einen erdrückt, und deshalb versucht man dann halt, in eine andere Richtung zu gehen und über andere Leute zu reden“, meint Dan und fügt hinzu, dass er zwar die Produktion von Stücken wie „Come Together“ unglaublich gut findet, „Liverpool aber einfach zu sehr an den Beatles hängt – ich würde da stattdessen eher mal wieder ein junges Talent anschieben.“
Seine eigenen Kompositionen sind mit der Zeit (und mit den immer neuen Gadgets, die ihm zur Verfügung stehen) immer elektronischer geworden, so dass sein Sound inzwischen die perfekte Balance zwischen Akustischem/Organischem – z.B. die Tracks „Home“ und „Marion“ – und computergenerierten Stücken darstellt, wovon er gerade in letzter Zeit eine ganze Reihe aufgenommen hat.
So oder so, sind es allesamt intelligente, eingängige, unbedingt auf den Punkt gebrachte Popsongs: „From Nowhere“ hieß die überschwängliche erste Single, mit der sich Dan eindrucksvoll „aus dem Nichts“ zu Wort meldete und auf Anhieb für Furore sorgte: Bei den UK-Sendern Radio 1, XFM und 6 Music lief der Song rauf und runter, dazu verzeichnete „From Nowhere“ schon nach zwei Wochen satte 100.000 Plays bei SoundCloud, und dank etlicher Blog-Posts in aller Welt ging der Song zwischenzeitlich sogar auf Platz 1 der Hype Machine-Charts. Das an den Funk-Entwurf eines Prince anknüpfende „Wanna Know“ ist, wie Dan meint, „ein echt schräger Song, der aus der Perspektive eines Stalkers geschrieben ist. Nur ist die Person, die da zum Control-Freak mutiert, gar nicht mal nur negativ gezeichnet; man kann das Ganze zwar als echt schräg und unheimlich interpretieren, aber letztlich will ich, dass die Zuhörer sich dazu selbst eine Meinung bilden.“ Und dann wäre da noch das mit Afro-Elementen spielende „Always Like This“, das von den Höhen und Tiefen einer früheren Beziehung von Dan erzählt…
Halb Troubadour, halb Electro-Wizard, ist Dan Croll wohl eine Art Update zu Beck, das bislang fehlende Bindeglied zwischen Jake Bugg und Joe Mount. Kein Wunder, dass er längst als Speerspitze der aktuellen Liverpooler Musikszene gilt, die dieser Tage, lange nach der Ära von The Coral und The Zutons, eine ganze Reihe von frischen Talenten hervorbringt – dazu gezählt werden unter anderem auch gefeierte Acts wie Stealing Sheep, Outfit, Kankouran, Jethro Fox, The Staves, Eye Emma Jedi, Mikhael Paskalev, Vasco Da Gama, Ninetails, Neon Lights und viele, viele andere, die allesamt drauf und dran sind, ganz UK und den Rest der Welt zu erobern.
Dabei ist die Musik keineswegs sein einziges Talent, denn Dan hätte auch in ganz anderen Bereichen das Zeug für eine Karriere gehabt: Er hätte zum Beispiel als Türsteher weitermachen können (er hatte zuletzt einen Nebenjob beim Le Bateau in Liverpool, wo er häufiger Drogen konfiszieren musste – „um sie dann unter meinem Tisch aufzubewahren“, wie er sagt), oder auch als Nebendarsteller beim Film: Für „Shameless“ vom UK-Sender Channel 4 musste er Frank Gallaghers Junggesellenabschied in einem Strip-Club beiwohnen (für ihn natürlich ein Spaziergang, diese Rolle, wo er doch über einem Bordell in der Broad Street gelebt hatte), und in einer anderen TV-Rolle spielte er einen feinen Herren nach viktorianischem Vorbild, der ebenfalls mit Prostitution zu tun hatte.
Nun ist damit jedoch erst mal Schluss, denn er hat sich endgültig für die Musik entschieden: Momentan arbeitet Dan in einer verlassenen Grundschulturnhalle in Toxteth – bei den Docks rechter Hand, dann noch an den Crackheads vorbei – an seinen Aufnahmen, und so gibt’s in seinem Studio nicht nur ein altes Badminton-Feld, sondern auch Seile zum Klettern – wer braucht da schon ein schickes Profi-Studio für 1000 Pfund pro Tag?! Trotzdem kann man sagen, dass dieser Mann zwar „From Nowhere“ kam, es aber binnen weniger Monate unfassbar weit gebracht hat! Denn genau genommen ist die Zahl der Plays auf seinem SoundCloud-Profil längst im Millionenbereich – Tendenz weiterhin (rapide) steigend.
Dans Debütalbum „Sweet Disarray“ wird in Deutschland am 18. Juli erscheinen und auf Deram Records veröffentlicht – jenem soeben wiederbelebten britischen Kult-Label, das einst schon Ikonen wie David Bowie und Cat Stevens unter Vertrag und Welt-Hits wie „Nights in White Satin“ oder auch „Whiter Shade of Pale“ veröffentlicht hatte.
Von Dan selbst und ein paar befreundeten Musikern produziert, ist auf dem Album unter anderem der Ladysmith Black Mambazo-Chor zu hören, bekannt von Paul Simons „Graceland“-Album, wofür Dan extra nach Südafrika geflogen ist. Ansonsten darf man jetzt schon Wetten darauf abschließen, dass „Sweet Disarray“ zu den wichtigsten Debütalben des Jahres zählen wird.
Kein Wunder, dass er mit seinem Auftritt beim CMJ im Herbst 2013 für Furore gesorgt hat, und dass ihn der NME zu einem der „20 must-see acts“ erklärte, während viele andere große Blätter ihn auf ihre „Artists to Watch“-Listen für 2014 setzten. Kein Wunder, dass Acts wie Haim, Bombay Bicycle Club und Chvrches ihn für Konzerte dies- und jenseits des Atlantiks ins Vorprogramm holten, und kein Wunder, dass Bastille, die ultimativen Senkrechtstarter des Jahres 2013, und auch die US-Band Imagine Dragons ihn auf Tour durch UK und Europa mitnahmen.
„Ich will dafür sorgen, dass Musik, in der wirklich Leben steckt, die Geschichten erzählt, die ehrlich ist, endlich zum Mainstream wird“, meint Dan abschließend. „Dass also eben nicht bloß irgendwelche Songs laufen, die irgendwelche anonymen Songschreiber, die das Label ausgewählt hat, auf die Schnelle zusammengeschustert haben. Es geht mir um Musik, die wirklich von Herzen kommt, die etwas bedeutet, die mir etwas bedeutet – und hoffentlich auch den Zuhörern etwas bedeuten kann.“
 
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