Daniil Trifonov | Biografie

Daniil Trifonov Biografie

Wenn Daniil Trifonov spielt, scheint die Zeit innezuhalten. Aus der tiefen Stille heraus kommt ein Spiel, wie man es nur selten hört: überragend und von tiefer Einsicht, nie vorhersehbar, aber immer die Intention des Komponisten im Blick habend und verwurzelt im Wesen der Musik. “Was er mit seinen Händen macht, ist technisch unglaublich”, bemerkte ein Kommentator kurz nach Trifonovs Triumph im Finale des Internationalen Tschaikowsky-Wettbewerbs in Moskau 2011. “Hinzu kommt sein Anschlag – er hat Zartheit und auch das dämonische Element. Ich habe so etwas noch nie gehört.” Diese Äußerung stammt nicht von einem professionellen Kritiker, sondern von einer der größten Pianistinnen der Welt, Martha Argerich. Sie stellte fest, ihr junger Kollege verfüge über “alles und noch mehr”, und diese Ansicht wurde seither durch eine Fülle begeisterter Rezensionen, Ovationen des Publikums und internationaler Preise bekräftigt.
Im Juli 2015 erklärte der Kritiker der Londoner Times “[Trifonov] ist fraglos der erstaunlichste Pianist unserer Zeit”. Das Urteil wurde im Januar 2017 von Alex Ross in The New Yorker unterstrichen. “Was Trifonov so besonders macht, sind zwei Merkmale, die selten in einem Pianisten zusammenkommen: überragende Technik und glanzvoller Ton.” Das abschließende Recital seiner über die ganze Saison verteilten Reihe Perspectives, das der Pianist im Mai 2018 in der Carnegie Hall gab, veranlasste den Chefkritiker der New York Times, Anthony Tommasini, seine “ungeheure Konzentration und physische Ausdauer” in einem Programm zu rühmen, das Marksteine der Musik aus jedem Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts enthielt.
Trifonovs Klavierspiel zeugt mit seiner Mischung aus Poesie und Kraft von einer einzigartigen Begabung. Seine Erfindungskraft und Originalität zeigen sich auch in seinem wachsenden Ansehen als Komponist, das im April 2014 einen neuen Höhepunkt erreichte, als er bei der Uraufführung seines Ersten Klavierkonzerts am Cleveland Institute of Music den unerhört schwierigen Solopart spielte. Er hat das Werk seither häufig aufgeführt und die Erstaufführung in der Carnegie Hall im November 2017 mit dem Mariinski-Orchester und Valery Gergiev gespielt.
Im Februar 2013 gab Deutsche Grammophon den Abschluss eines Exklusivvertrags mit Daniil Trifonov bekannt. Sein erstes Recital für das Gelblabel war eine Live-Aufnahme aus der Carnegie Hall: Liszts Sonate in h-Moll, Skrjabins Sonate-Fantaisie und Chopins 24 Préludes op. 28. Das Album wurde 2015 für einen Grammy in der Kategorie “Bestes klassisches Instrumentalsolo” nominiert und sicherte Trifonov den ECHO Klassik-Preis 2014 als “Nachwuchskünstler des Jahres (Klavier)”. Sein nächstes Album für DG mit Werken von Rachmaninow erschien im August 2015: Neben Trifonovs Interpretation der Variationen über ein Thema von Paganini, begleitet vom Philadelphia Orchestra unter Yannick Nézet-Séguin, sind die Variationen über ein Thema von Chopin und die Variationen über ein Thema von Corelli sowie Trifonovs eigene Rachmaniana, ein Bravourstück für Soloklavier, zu hören. Anlässlich des Albums wählte die Zeitschrift The Gramophone Trifonov zu ihrem “Künstler des Jahres” 2016.
2016 veröffentlichte DG sein Doppelalbum Transcendental mit sämtlichen Konzertetüden von Liszt. Es enthielt neben den für ihre Schwierigkeit berüchtigten Etudes d’exécution transcendante auch die Grandes Etudes de Paganini sowie fünf weitere Konzertetüden. Es war die erste Gesamtaufnahme dieser Werkgruppe von einem Pianisten für das gelbe Label. “Trifonov zeigt die bestmögliche Art von Virtuosität, bei der man kaum die einzelnen Töne wahrnimmt und sich einfach der Genialität von Liszts musikalischem Programm und der unübertrefflichen Ausführung durch einen begnadeten Pianisten hingeben kann”, schrieb The Gramophone. Transcendental erhielt im Januar 2018 einen Grammy in der Kategorie “Bestes klassisches Instrumentalsolo”.
2017 erweiterten zwei Alben die Diskografie des Pianisten: Preghiera mit dem Geiger Gidon Kremer und der Cellistin Giedrė Dirvanauskaitė und Evocations, das Trifonov mit Mikhail Pletnev und dem Mahler Chamber Orchestra aufnahm. Evocations enthält die beiden Klavierkonzerte von Chopin (in Pletnevs neuer Orchestrierung) und einige der frühsten und spätesten Stücke des Komponisten sowie durch Chopin inspirierte Werke von Schumann, Grieg, Tschaikowsky, Mompou und Barber. “Brauchen wir noch eine Aufnahme von Chopins Klavierkonzerten?” fragte die New York Times. “Nun, wir brauchen diese, denn Trifonov spielt sie grandios.” Und der Kulturkommentator Norman Lebrecht erklärte, Evocations sei “… ein verdammt gutes Album …”.
Trifonovs jüngste DG-Veröffentlichung ist das erste von zwei Alben, die sämtliche Klavierkonzerte Rachmaninows mit dem Philadelphia Orchestra und Nézet-Séguin bieten. In der Nachfolge von Rachmaninows eigenen legendären Aufnahmen mit dem Philadelphia Orchestra erscheint im Oktober 2018 Destination Rachmaninov – Departure, eine Kopplung des berühmten Klavierkonzerts Nr. 2 mit dem weniger bekannten Konzert Nr. 4. Das zweite Album, Destination Rachmaninov – Arrival, soll im Oktober 2019 herauskommen und den Zyklus mit den Konzerten Nr. 1 und Nr. 3 vervollständigen.
Seit er den Tschaikowsky-Wettbewerb gewann, hat Trifonov als Konzertsolist und mit Recitals die ganze Welt bereist. Seine Aufführungen von Prokofjews Klavierkonzerten Nr. 1 und Nr. 3 mit dem London Symphony Orchestra und Valery Gergiev wurden als fraglose Höhepunkte der BBC Proms 2015 gefeiert, und im darauffolgenden Sommer war er dort in Mozarts Klavierkonzert C-Dur KV 467 mit der Staatskapelle Dresden und Christian Thielemann zu hören – Anlass für den Guardian, den “außerordentlichen Elan von Trifonovs Klavierspiel” zu rühmen. Zu der Zeit war er auch schon in den Vorstand der New Yorker Philharmoniker gewählt worden, eine beachtliche Anerkennung für einen Künstler, der erst Mitte Zwanzig war.
Ein Blick auf Daniil Trifonovs Terminkalender bestätigt seinen Status unter den Superstars der heutigen Klassikszene. Er ist höchst begehrt bei den führenden internationalen Konzertsälen und Festivals und spielt regelmäßig mit Spitzenorchestern in Europa, den Vereinigten Staaten, Asien und Australien. Er begann seine Saison 2017/18 mit dem Mariinski-Orchester und Valery Gergiev beim Lucerne Festival, bevor er sein Programm von Evocations in China und den USA sowie auf einer ausgedehnten Europatournee präsentierte. Zu seinen Verpflichtungen gehörten weiterhin Schumanns Klavierkonzert mit den Berliner Philharmonikern und Mariss Jansons; eine Recital-Tournee mit dem Bariton Matthias Goerne; die siebenteilige Konzertreihe Perspectives in der Carnegie Hall; Konzerte mit dem London Philharmonic Orchestra, Royal Concertgebouw Orchestra, Cleveland Orchestra, San Francisco Symphony Orchestra und Israel Philharmonic Orchestra; und ein gefeierter Auftritt im Berliner The Venue im Rahmen der DG-Reihe Yellow Lounge – ein Ereignis, das auf Facebook von über 260 000 Abonnenten gesehen wurde.
Zu Beginn der Saison 2018/19 spielt der Pianist Klavierkonzerte von Ravel und Beethoven mit den New Yorker Philharmonikern und Jaap van Zweden, es folgt Prokofjews Klavierkonzert Nr. 3 mit dem Chicago Symphony Orchestra und Marin Alsop. Geplant sind weiterhin Recital-Tourneen in Europa und den USA; Rachmaninows Klavierkonzert Nr. 3 in Rom und China mit dem Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia und Sir Antonio Pappano sowie in Boston mit dem Boston Symphony Orchestra und Andris Nelsons; Beethovens Klavierkonzert Nr. 5 in China mit dem Cleveland Orchestra und Franz Welser-Möst; Ravels Klavierkonzert in G-Dur in London und Wien mit dem London Symphony Orchestra und Sir Simon Rattle; Skrjabins Klavierkonzert mit Nelsons und den Berliner Philharmonikern; sowie Konzerte mit Matthias Goerne in der Berliner Philharmonie und in New York.
Daniil Trifonov kam am 5. März 1991 in Nischni Nowgorod zur Welt als Kind zweier Berufsmusiker. “Mit fünf Jahren hatte ich ersten Klavierunterricht, ich komponierte auch und gab ständig Konzerte”, berichtet er. Als Achtjähriger trat er erstmals mit Orchester auf – ein Ereignis, das für ihn unvergesslich bleibt, weil er mitten im Konzert einen Milchzahn verlor. Als Student an der Gnessin-Musikschule in Moskau lieh er bei seiner Lehrerin Tatiana Zelikman historische Aufnahmen großer Pianisten aus und zog seine Lehren aus den Einspielungen von Rachmaninow, Cortot, Horowitz, Friedman, Sofronizki und anderen Vertretern eines goldenen Zeitalters des Klaviers. “Zu den heutigen Pianisten, die mich inspirieren, zählen Martha Argerich, Grigory Sokolov und Radu Lupu”, fügt er hinzu.
2008 gewann der 17-Jährige den fünften Preis beim Vierten Internationen Skrjabin-Wettbewerb in Moskau. Im Jahr darauf begann er auf Tatiana Zelikmans Empfehlung ein Klavierstudium bei Sergei Babayan am Cleveland Institute of Music, wo er auch Kom­positionsunterricht erhielt. 2011 gewann Trifonov den 13. Internationalen Rubinstein-Klavierwettbewerb in Tel Aviv, dann sicherte er sich den ersten Preis und den Grand Prix beim 14. Internationalen Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau. Er gewann dort zudem den Publikumspreis und den Preis für die beste Aufführung eines Mozart-Konzerts. Die Financial Times sprach später vom unaufhaltsamen Fortgang seiner Laufbahn und rühmte seine grenzenlose Vorstellungskraft: “Was Trifonov zu einem solchen Phänomen macht, ist das ekstatische Moment in seinen Aufführungen – eine alles durchdringende Intensität selbstverständlicher Bühnenpräsenz, die seine Auftritte mitreißend, faszinierend und inspirierend macht. Kein Wunder, dass alle westlichen Hauptstädte ihm zu Füßen liegen.”
8/2018
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