DG120 | News | "The Shellac Project" - Schatten der Vergangenheit

“The Shellac Project” — Schatten der Vergangenheit

The Shellac Project
© DG
13.12.2018
Auch und gerade klassische Musik wurde von den Nationalsozialisten vereinnahmt und in den Dienst ihrer Ideologie gestellt. Die neuesten Veröffentlichungen des Shellac Project umfassen Aufnahmen, die von Mitläufern, Sympathisanten, Opportunisten, aber auch von Opfern des NS-Regimes gemacht wurden. Die Umstände ihres Entstehens sollten nicht dazu führen, den Aufnahmen künstlerische Qualität abzusprechen – viele sind rein ästhetisch sogar außerordentlich gelungen, müssen aber historisch eingeordnet werden. Die Neuerscheinungen reichen von Aufnahmen, die im kreativen Sog der späten Weimarer Republik entstanden, bis zu solchen aus den frühen 1940er-Jahren. Drei Dutzend digital neu abgemischte Stücke regen an zum Nachdenken über die dunkelste Epoche der jüngeren deutschen Geschichte.
Ein besonderes Werk der Reihe ist eine gekürzte Fassung von Johann Strauß' Operette “Die Fledermaus”. Sie wurde vor fast 90 Jahren von Deutsche Grammophon eingespielt und erscheint jetzt digitalisiert in unvergleichlicher Qualität. Die Aufnahme entstand in Berlin unter Leitung des Dirigenten Hermann Weigert. Dieser verließ Nazideutschland 1934 und fand nach Umwegen eine Anstellung an der Metropolitan Opera in New York. Die zehn Originalmatrizen der Fledermaus entgingen der Vernichtung von Aufnahmen jüdischer Künstler durch die Nationalsozialisten und später auch dem Bombenkrieg.
Otto Klemperer, ein weiterer Dirigent, den die Nationalsozialisten ins Exil zwangen, ist mit Beethovens Egmont-Ouvertüre zu hören. Die Aufnahme entstand 1927 mit der Staatskapelle Berlin, etwa zu der Zeit also, als Klemperer die Leitung der wegweisenden Krolloper in Berlin übernahm. Die junge, aus Österreich stammende Koloratursopranistin Hilde Gueden nahm die Arie “Einst träumte meiner sel’gen Base” aus Webers Der Freischütz im Juni 1942 auf, nur etwas mehr als ein Jahr, bevor die SS sie groteskerweise der Spionage verdächtigte. Damals lebte die Sängerin bereits in Rom, wo sie als Exfrau eines türkischen Diplomaten vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten sicher war.
Bald nachdem Joseph Goebbels im August 1944 zum “totalen Krieg” aufgerufen hatte, veröffentlichte der Propagandaminister die “Gottbegnadeten-Liste”. Über 1000 Künstler standen darauf, die dem Regime “unverzichtbar” schienen und vom Wehrdienst freigestellt waren. Zu den “Gottbegnadeten” zählten die Pianistin und fanatische Faschistin Elly Ney sowie ihre Partner im Elly-Ney-Trio, der Dirigent Carl Schuricht, der Organist und Chorleiter Günther Ramin, der berühmte 75-jährige Komponist und Dirigent Hans Pfitzner und der aus den Niederlanden stammende Schauspieler und Sänger Johannes Heesters. “The Shellac Project” bietet eine Auswahl aus ihren während des Kriegs entstandenen Aufnahmen.
Elly Ney, ein Wunderkind, wurde im Glauben an die Überlegenheit der Deutschen erzogen. Konzertreisen nach Übersee betrachtete sie als Kreuzzüge, um sich für geistige Ideale und die deutsche Musik einzusetzen. Ney erhielt das Kriegsverdienstkreuz für ihre Konzerte in Lazaretten und bei den Truppen an der Front während des Zweiten Weltkriegs. Nach der Entnazifizierung nach dem Krieg nahm sie ihre Karriere wieder auf und machte noch mit über 80 Jahren Aufnahmen. Trotz ihrer überaus problematischen Biografie war sie eine eindrucksvolle Beethoven- und Brahms-Interpretin und auch eine bemerkenswerte Kammermusikerin. The Shellac Project enthält Brahms' Klaviertrio Nr. 1 mit dem Elly-Ney-Trio sowie ihre während des Kriegs entstandene Aufnahme von Schuberts “Wanderer-Fantasie”.
Bald nachdem Hitler im Januar 1933 an die Macht gekommen war, bot die jüdische Ehefrau des Dirigenten Carl Schuricht an, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen, um seine Karriere zu retten. Die NS-Behörden hielten das für unnötig, aber die Ehe zerbrach unter dem Druck der antisemitischen Gesetze. Als Schuricht später in Ungnade fiel und um sein Leben fürchten musste, floh er 1944 in die Schweiz. Während des Krieges machte er auch Aufnahmen mit den Berliner Philharmonikern, darunter die sprühende Aufführung von Mozarts Symphonie Nr. 34 aus dem Sommer 1942, die für The Shellac Project brillant restauriert wurde.
Günther Ramin, der während der NS-Zeit unter anderem auf dem Reichsparteitag 1936 in Nürnberg spielte, nutzte das Regime, um das Ansehen der protestantischen Kirchenmusik und der Orgel zu heben. Während des Kriegs war er Kantor der Leipziger Thomaskirche, und in dieser Funktion nahm er im Mai 1940 mit dem Thomanerchor Weihnachtslieder auf, die jetzt in “The Shellac Project” erscheinen. Sein Vorgänger als Thomaskantor, Karl Straube, ist hier mit dem legendären Knabenchor in dem weihnachtlichen Wiegenlied “Joseph, lieber Joseph mein” zu hören.
Leichtere Musik bietet “The Shellac Project” mit der Digitalisierung von Liedern aus populären Filmen der Kriegszeit, mit denen die Moral an der sogenannten Heimatfront gestärkt wurde. “Mit Musik geht alles besser”, dargeboten vom Tenor Rudi Schuricke und dem Orchester des Plaza-Varietés, ruft die komplexen und oft widersprüchlichen Einstellungen der Nationalsozialisten zum Jazz in Erinnerung. Johannes Heesters' “Nun weiß ich endlich, was Liebe ist” entspricht genau der Sentimentalität so vieler deutscher Filme aus dieser Zeit. Hingegen bringt Theo Lingen mit seinem im Sprechgesang vorgetragenen Redeschwall den liebenswerten Humor von “Der Schallplattenverkäufer” zur Geltung. Der Schauspieler war in den 1930er-Jahren derart beliebt beim Publikum, dass Goebbels persönlich für die Sicherheit seiner österreichischen Frau bürgte, die von den Nationalsozialisten als “Halbjüdin” eingestuft worden war. Das Kriegsende erlebte Lingen in Strobl am Wolfgangsee, wo er im Mai 1945 kurzzeitig das Amt des Bürgermeisters übernahm, die örtlichen NS-Behörden entmachtete und für eine friedliche Übergabe des Ortes an die Amerikaner sorgte.
Verfügbar auf allen DG Kanälen sowie den Partner-Plattformen Google Play Music, YouTube Music, Spotify, Apple Music und Amazon. Mehr Informationen und weitere Inhalte finden Sie auf der Google Arts & Culture Plattform (g.co/deutschegrammophon) sowie auf der DG120-Website (www.dg120.info).