Frank Sinatra: Fünf Nächte, die Las Vegas zum Swingen brachten
(c) Capitol Records
26.08.2026
Es gibt Livealben, die einen Konzertabend dokumentieren. Und es gibt solche, die im Nachhinein eine ganze Epoche zu verkörpern scheinen. „Sinatra at the Sands“ gehört zweifellos zur zweiten Kategorie. Frank Sinatra vor der Count Basie Band, Quincy Jones am Dirigentenpult, aufgenommen im Copa Room des Sands Hotel in Las Vegas: Mehr Swing, mehr Rat-Pack-Aura und mehr amerikanisches Showbusiness der alten Schule lassen sich auf den vier Seiten einer Doppel-LP kaum verdichten.
Dabei war das 1966 veröffentlichte Album selbst bereits eine Verdichtung. Während Sinatras Engagement wurden zahlreiche Shows mitgeschnitten; aus diesem Material entstand sein erstes kommerziell veröffentlichtes Livealbum. Die am 23. Oktober 2026 erscheinende 5-CD-Box „Sinatra at the Sands: 60th Anniversary“ dreht das Prinzip nun gewissermaßen um: Statt des kanonisierten Best-of-Konzertabends gibt es fünf vollständige Shows aus Sinatras Vegas-Residency zwischen dem 26. Januar und dem 1. Februar 1966 zu hören – allesamt in dieser Form bislang unveröffentlicht.
Sinatra im Copa Room: Las Vegas als musikalischer Schauplatz
Die Aufnahmen entstanden in einer Phase, in der Frank Sinatra auf einem bemerkenswerten Karrierehoch angekommen war. Er war längst nicht mehr nur Sänger, sondern Schauspieler, Labelchef, Entertainer und eine der prägenden Figuren des amerikanischen Showbusiness. Gleichzeitig hatte er mit „September of My Years“ 1965 eines seiner künstlerisch stärksten Alben vorgelegt; wenige Monate später sollte der Welthit „Strangers in the Night“ folgen.
Im Copa Room begegnete dieser Sinatra einer Band, mit der er bereits bestens vertraut war. Mit Count Basie hatte er zuvor die beiden Alben „Sinatra-Basie“ und „It Might as Well Be Swing“ aufgenommen. Für Las Vegas kam erneut ein dritter entscheidender Kopf hinzu: Quincy Jones arrangierte und dirigierte.
Und was für ein Orchester Jones da zur Verfügung stand: Unter anderem Harry „Sweets“ Edison, Al Aarons und Sonny Cohn in der Trompetensektion, Al Grey und Grover Mitchell an den Posaunen, Marshall Royal, Eddie „Lockjaw“ Davis, Eric Dixon und Charlie Fowlkes bei den Holzbläsern sowie Freddie Green an der Gitarre, Norman Keenan am Bass und Sonny Payne am Schlagzeug. Im Zentrum saß Count Basie – jener Meister der Ökonomie, bei dem ein einzelner Klavierakkord manchmal mehr Gewicht besitzt als anderswo ein ganzes Arrangement.
Fünf Konzerte, fünfmal derselbe Sinatra – und doch nie dieselbe Show
Gerade hier liegt der Reiz der kommenden Edition. Die Programme ähneln sich naturgemäß stark. „Come Fly With Me“ eröffnet sämtliche fünf CDs, danach kehren Stücke wie „I’ve Got A Crush On You“, „I’ve Got You Under My Skin“, „Fly Me To The Moon“, „You Make Me Feel So Young“, „The Shadow Of Your Smile“, „It Was A Very Good Year“ und „My Kind Of Town“ Abend für Abend wieder. Doch eine Reihe von Live-Konzerten ist kein Studiotermin. Tempi, Akzente, Ansagen und Stimmungen verschieben sich, und aus der Wiederholung wird spannend unterschiedliches Beobachtungsmaterial.
Schon die Laufzeiten verraten, wie wenig Sinatra seine Shows als festgeschriebenes Programm verstand. Seine berühmte „Tea Break“-Plauderei dauert am 27. Januar knapp fünf Minuten, am 28. Januar gut elf, am 26. Januar dagegen mehr als eine Viertelstunde. Das gesprochene Wort ist bei Sinatra keine bloße Unterbrechung der Musik. Es gehört zur Rolle des Entertainers: Witze, Timing, Selbstinszenierung, spontane Reaktionen auf Publikum und Umgebung. Die fünf CDs erlauben deshalb etwas, was das Originalalbum nur andeuten konnte – Sinatra nicht lediglich als Sänger, sondern als Nacht für Nacht neu agierenden Bühnenmenschen zu erleben.
„Sinatra at the Sands: 60th Anniversary“: Neu gemischt von Larry Walsh
Auch klanglich wird das Archivmaterial neu aufbereitet. Larry Walsh, seit Jahrzehnten mit Sinatras Katalog vertraut, hat das Material auf Grundlage der originalen Vierspur-Livebänder neu gemischt; die Edition erhält zudem ein neues Mastering. Die 5-CD-Ausgabe kommt als sechsfach ausklappbares Digipak mit einem 48-seitigen Booklet. Charles Pignone, Präsident von Frank Sinatra Enterprises, steuert neue Liner Notes bei; hinzu kommen Erinnerungen von Zeitzeugen, detaillierte Trackinformationen, die vollständige Bandbesetzung und seltene Fotografien aus dem Umfeld der Konzerte.
Dass ausgerechnet diese Konzerte eine solch luxuriöse Behandlung erfahren, ist kaum überraschend. Das ursprüngliche „Sinatra at the Sands“-Doppelalbum erreichte Platz neun der US-Albumcharts und wurde mit Gold ausgezeichnet. Vor allem aber wurde es über die Jahrzehnte zu einem Referenzpunkt dafür, wie Sinatra live funktionierte: weniger als Interpret, der Studioversionen reproduzierte, denn als Sänger, der Songs im Augenblick formte.