Jóhann Jóhannsson | News | Bild und Klang im Dialog - Jóhannssons "12 Conversations with Thilo Heinzmann"

Bild und Klang im Dialog — Jóhannssons “12 Conversations with Thilo Heinzmann”

Jóhann Jóhannsson
© Jónatan Grétarsson / DG
19.09.2019
Jóhann Jóhannsson war ein mutiger Freigeist und Grenzüberschreiter, der sich den starren Kategorien und Genres systematisch entzog. Vielmehr suchte er in seiner Musik stets nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten durch die Verbindung von klassischer und elektronischer Stilistik und schuf dabei betörende Werke von hypnotischer Tiefe und Sinnlichkeit. Am 20. September wird mit “12 Conversations with Thilo Heinzmann” bei Deutsche Grammophon posthum ein ganz besonderes Werk des isländischen Klangdichters veröffentlicht, das virtuos die Brücke schlägt zwischen Musik und Malerei.

Europäisches Projekt und Spiegel einer Künstlerfreundschaft

Ist der kreative Schaffens- und Entstehungsprozess eines Musikstückes mit jenem vergleichbar, der sich abspielt, wenn ein Künstler ein Bild malt – diese Frage stand am Beginn eines intensiven künstlerischen Dialogs zwischen dem Komponisten Jóhann Jóhannsson und dem Maler Thilo Heinzmann. Ideengeber für diese kreative Auseinandersetzung war der britische Philanthrop Richard Thomas, der ein Projekt anstoßen wollte, bei dem aus der intensiven Zusammenarbeit eines Malers mit einem Komponisten sowohl ein Kunstwerk als auch ein Musikstück entstehen sollte, wobei nicht nur die Ergebnisse selbst von Interesse sein sollten, sondern auch der Kommunikationsprozess auf dem Weg dorthin. Im Laufe von vier Jahren kam es so zu zahlreichen Treffen von Jóhannsson, Heinzmann und Thomas und entstand eine intensive Freundschaft zwischen den dreien, getragen von der Vision einer “europäischen Idee”. Entsprechend meinte Jóhannsson, dass sein daraus entstandenes Stück “12 Conversations with Thilo Heinzmann” gleichsam als eine Reihe grenzüberschreitender Gespräche gesehen werden könne – “als das gleichzeitige Huldigen und Ausloten eines Ideals”.

Konzentriert und klassisch: das Streichquartett als intensive musikalische Ausdrucksform

"12 Conversations with Thilo Heinzmann" ist in vielerlei Hinsicht ein außergewöhnliches Stück im Gesamtwerk von Jóhann Jóhannsson – nicht zuletzt auch deshalb, weil der Tonschöpfer das Werk für die klassische Formation des Streichquartetts komponierte und damit eine für seine Verhältnisse äußerst reduzierte und umso intensivere Tonsprache wählte und auf elektronische Ergänzungen verzichtete. Dabei verortete Jóhannsson das zwölfteilige Stück in der langen Geschichte der klassischen Musik und spielte in den einzelnen Sätzen vielgestaltig und reich an Emotionen und Farbnuancen mit den musikalischen Traditionen: Melancholisch, intim und berührend zeigt er sich etwa bei den schwelenden Geigen-Passagen im Stück “Shell” oder in “Pol”. “Danse” wiederum ist ein feinsinnig eleganter Walzer, während Jóhannsson im Satz “Manifest” melodische Expressivität und Sanglichkeit sucht. Mitunter ist es, als wandle der Komponist durch die verschiedenen Epochen – etwa wenn er im Stück „Form“ deutlich Bezug zur Musik des Mittelalters nimmt oder und das ausdrucksstarke “Lacrimosa” in seiner formalen Struktur einem barocken Kanon ähnelt.

In memoriam Jóhann Jóhannsson – intime Interpretation durch das Ensemble Echo Collective

"12 Conversations with Thilo Heinzmann" wurde erstmals im April 2016 in London aufgeführt; im Anschluss an die Uraufführung wollte Jóhannsson das Werk noch einmal überarbeiten. Durch seinen plötzlichen Tod wurde dieser Prozess jäh unterbrochen und wurde es schließlich Aufgabe des belgischen Ensembles Echo Collective, diesen im Sinne Jóhannssons zu vollenden. Es ist den Musikern zweifelsohne gelungen. So zeugt das daraus entstandene Album “12 Conversations with Thilo Heinzmann” in jedem Moment von Jóhannssons faszinierend suggestiver und kunstvoll ausgefeilter Tonsprache und werden die einzelnen Sätze vom Quartett hochsensibel und dynamisch zugleich ausgestaltet. “Als ich sie das erste Mal spielen hörte”, erinnert sich Thomas, “war es, als würde Jóhann gleich neben mir sitzen.”

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