L’aupaire | Biografie

L’Aupaire, “Reframing”, 2019

L’aupaire
Reframing
Fast drei Jahre vergingen, in denen man sich fragen konnte: Was macht er wohl, dieser verträumte Typ mit den dunklen Locken und der dreckigen Stimme, der in seinen Songs mal traurig, mal sehnsuchtsvoll, manchmal auch ein wenig gequält klingt, wie einer, der gerade verlassen wurde? Und jetzt, endlich, ist es da: „Reframing“, das zweite Album von L‘aupaire, auf dem er sich häutet wie eine Zwiebel und uns erzählt, wie es ihm ergangen ist in der Zwischenzeit. Die Kurzversion lautet: L‘aupaire, inzwischen 30 und Vater einer Tochter, ist erwachsen geworden. Die Langversion? Ist sehr viel spannender.
Was heißt es zum Beispiel, wenn er in dem Song „Whole Wide World“, einer ruhigen, nur von Klavier begleiteten Ballade, die er zusammen mit der irischen Songwriterin Wallis Bird geschrieben hat, singt: 
I’ve known pain
I’ve known sorrow
and I know what it’s like to fail
out of the blue – there came you
and something changed?
Für mich ist das der persönlichste Song“, bekennt L‘aupaire freimütig, „ich beschreibe da eine Zeit in meinem Leben, in der ich an einem Tiefpunkt angekommen war. An dem es nicht mehr weiter ging“. Zeit für einen Perspektivwechsel.
So ist auch der Titel seines Albums zu verstehen: ‚Reframing‘, das bedeutet Umgestaltung, „aus etwas Schlechtem etwas Gutes machen“. „Das geht wirklich“, findet er, „weil wir vieles selbst beeinflussen und Dinge verändern können, wenn wir das nur wollen“. So hat er den Rausch der Jahre, in denen er aus dem Koffer lebte und mit seinem ersten Album „Flowers“ von Auftritt zu Auftritt zog, hinter sich gelassen. Vorbei die Zeit, in der er auf der Bühne den ekstatischen Entertainer gab, aber nach der Show zu nichts mehr zu gebrauchen war und ins Bett ging, während seine Band um die Häuser zog.
In den vergangenen drei Jahren, in denen er kein einziges Mal aufgetreten ist, hat er die für ihn persönlich „krasseste Entwicklung“ vollzogen, indem er gelernt hat, „bei mir selbst zu bleiben und mich von Meinungen abzuschotten“.
Die Songs nahm er nicht nur in Berlin auf, sondern auch in Mannheim, Heidelberg und sogar auf Island, wo er mit seinem dort lebenden Freund, dem Gitarristen Omár Gudjonsson, die Gitarrenmusik für den Song „Truth“ aufgenommen hat – einem kunstvollen, elegischen Stück. Wie auch schon auf dem 2016 erschienenen „Flowers“, arbeitet er auch auf „Reframing“ mit verschiedenen Musikern zusammen, zum Beispiel bei dem eher ruhigen und sehnsuchtsvollen „Whoever You Are“, das er mit dem schwedischen Indie-Sänger und Gitarristen Petter Ericson Stakee aufgenommen und seiner einjährigen Tochter gewidmet hat:
Wherever I go
I just wanna hold you
I just wanna be with you
nothing – nothing is as it used to be
everything changes
Der Song ist entstanden, kurz bevor sie zur Welt kam“, erzählt er, „und das hat mich auf eine neue Ebene geholt. Ich habe gemerkt, dass da eine Liebe entsteht, die ich vorher nicht kannte“. Musikalisch klingt „Reframing“ nach einer Mischung aus Folkpop und Americana, auch sehr tanzbare Stücke wie „Cinderella“ sind darunter. Produziert hat er es wieder mit dem Mannheimer Jules Kalmbacher, der einer seiner besten Freunde ist. Und in allen Songs ist sein über hundert Jahre altes Klavier zu hören, das er in einem Laden in Berlin entdeckt hat. „Ich habe es gesehen, eine Note angeschlagen und gewusst: das ist der Klang, den ich haben will“. Und als es dann in seiner Wohnung stand, dieses alte Klavier, da war ihm klar, „dass es das Hauptelement meines neuen Albums sein wird“.
Dass das Leben nicht nur schwarz und weiß, sondern sehr komplex ist. Und dass Tiefe manchmal nur durch den Gegensatz zwischen Freude und Trauer entsteht. Das sind zentrale Themen, die sich durch „Reframing“ ziehen. Und so hat L‘aupaire sich mit „Reframing“ tatsächlich eine eigene Welt erschaffen, nicht nur inhaltlich, sondern auch musikalisch und visuell, weil er fast alles selbst gemacht hat: so hat er beispielsweise das Cover selbst gestaltet und auch die Song zum großen Teil selbst geschrieben und co-produziert. „Man kann durch das Album in meine Welt reinschlüpfen“, sagt er, und das ist ein Angebot, das man nun wirklich nicht ablehnen sollte.