Meshell Ndegeocello | News | Großartige Coverversionen einer einzigartigen Künstlerin

Großartige Coverversionen einer einzigartigen Künstlerin

Meshell Ndegeocello - Synonym
(c) Blue Note Records / Charlie Gross
01.10.2026
Was macht einen guten Song aus? Vielleicht, dass er niemals ganz abgeschlossen ist. Dass eine Melodie, die Millionen Menschen im Ohr haben, Jahrzehnte später noch einmal etwas anderes erzählen kann. Auf ihrem neuen Album beweis das Meshell Ndegeocello und kollaboriert dabei mit prominenten Gästen wie Cynthia Erivo, Chaka Khan, Brandi Carlile und Chris Thile
Die Sängerin, Bassistin und Produzentin bringt ihre Haltung auf einen denkbar einfachen Satz: „The song is just the framework.“ Das beweist sie mit ihrem grandiosen neuen Album „Synonym“. Ndegeocello fragt nicht nur, wie ein bekannter Song heute klingen könnte. Sie interessiert sich dafür, was mit seiner Bedeutung geschieht, wenn Stimmen, Rollen und musikalische Koordinaten verändert werden. Das Album durchstreift dafür sechs Jahrzehnte Musikgeschichte: von Folk, Soul und Country über Pop, R&B und Electro-Boogie bis zu Alternative Rock und Hip-Hop. 

„Don’t You Want Me“: ein anderer Blick auf dieselbe Geschichte

Das hört man beispielsweise bei „Don’t You Want Me“. Der Human-League-Hit von 1981 ist fest mit Synthesizern, Maschinenrhythmus und im Text mit dem Dialog eines ehemaligen Paars verbunden. Ndegeocello und Cat Power versetzen ihn dagegen in einen tiefen Reggae-Groove und geben ihm mit Bläsern eine völlig andere Umgebung. Die Wahl Cat Powers ist dabei keineswegs zufällig. „She taught me song styling“, sagt Ndegeocello über sie. Von ihr habe sie gelernt, die eigene Stimme zum Interpretieren eines Songs zu benutzen, ohne das Original nachzuahmen.

Von Sonny & Cher zu Jazz

Bei „I Got You Babe“ geht Meshell Ndegeocello noch einen Schritt weiter. Aus Sonny & Chers Pop-Evergreen wird zusammen mit ANOHNI eine impressionistische Jazz-Dekonstruktion. Die vertraute Melodie steht plötzlich in einem kargen Raum aus Bläsern, die Harmonien haben mit der unmittelbaren Pop-Sprache des Originals kaum noch etwas gemein. Diese Reibung gehört zum Konzept. 
Besonders weit führt diese Suche bei Bob Dylans „It Ain’t Me Babe“ mit Madison Cunningham. Melodie und Tempo werden so stark verändert, dass der Song zeitweise kaum wiederzuerkennen ist. Der Guardian hört darin eine traumartige Klangwelt aus Gitarrenarpeggien, Spieluhrklängen und Mandoline – und zählt die Bearbeitung zu den besonders gelungenen Neuerfindungen des Albums.
Bei „With God On Our Side“ mit Bill Callahan und Chris Thile steckt hinter der Transformation wiederum eine konkrete Interpretation. Ndegeocello empfand Dylans Text als aggressiver als dessen ursprüngliches Arrangement. Ihre Aufgabe bestand deshalb darin, die Musik so klingen zu lassen, wie sie den Song selbst hört. Arrangieren sei wie ein Puzzle, sagt sie, und ermögliche ihr letztlich, dem Song mehr Respekt entgegenzubringen.

Von Motown bis Grunge

Und so bekommt fast jeder Song seine eigene musikalische Perspektive. „Don’t Look Any Further“, der Motown-Hit von Dennis Edwards und Siedah Garrett, wird mit Lianne La Havas zu modernem Funk. Bei „Islands In The Stream“ mit Chaka Khan wiederum dachte Ndegeocello keineswegs nur an Dolly Parton und Kenny Rogers. In ihrer Vorstellung treffen die Bee Gees auf Roxy Music: Chaka Khan sollte gewissermaßen Brian Eno sein, sie selbst Bryan Ferry.
Auf ihrem neuen Album sind Coverversionen für Meshell Ndegeocello also weit mehr als bloße Hommagen. Sie nimmt bekannte Songs auseinander, legt ihre emotionale Substanz frei und setzt sie mit ihrer unverwechselbaren Handschrift neu zusammen. Mit ihrem dritten Album für Blue Note Records präsentiert sie fünfzehn Neuinterpretationen, die vertraute Hits in einem neuen Licht erscheinen lassen und beim aufmerksamen Hören eine ganze Vielzahl überraschender Gefühle auslösen können.

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