Pronto | Biografie

Pronto

Volta
 
Afro ist der Hype der Stunde. Für Pronto aber ist es weit mehr als das. Mit “Volta” zelebriert der Solothurner Rapper mit ghanaischen Wurzeln seine Herkunft und seine globale Vision von guter Musik –und liefert dabei Hymen für eine neue Generation.
Vibes. Feeling. Moment. Wer sich mit Pronto unterhält, hört diese Worte oft. Der Solothurner ist ein Mann des Instinkts. Einen konkreten Plan für seine Karriere hatte er nie. Und doch ist sie sehr ansehnlich verlaufen, vermutlich sogar einzigartig. Ein Schweizer Rapper aus der Provinz, der auf Mundart-Folklore verzichtet und dennoch Platin holt, bei Festivals abräumt, auf Songs mit Trettmann oder Mr. Eazi springt. Das war bis vor kurzem unvorstellbar. Aber Pronto hat es immer so gehalten: Was passiert, das passiert, aus gutem Grund, safe. Nachdem er 2019 viel Zeit in L.A. verbrachte, wollte er eigentlich neue Trap-Banger aufnehmen, im Stile seines letzten Projekts “Europe”. Eigentlich. Aber dann: Vibes. Feeling. Moment. Herausgekommen ist “Volta” –ein Tape zwischen Afrobeats, Dancehall und globalem Yardcore für das Streaming-Zeitalter.
Afro ist Hype. In den Playlisten, Charts, Clubs: überall Afrobeats. Sänger wie Burna Boy oder Wizkid sind globale Superstars, arbeiten mit Jorja Smith und Ed Sheeran, Drake und Beyoncé. Das hat Spuren hinterlassen, überall auf der Welt. Wer als Rapper*in heute auf Playlist-Platzierungen schielt, guckt mit mindestens einem Auge auch nach Lagos, Accra und Soweto. Bei Pronto, dem Schweizer mit ghanaischen Wurzeln und globalem Herzen,verhält sich das ein bisschen anders. Er lebt den Scheiß. Er hat ihn immer gelebt. Und zelebriert ihn nun mit einem ganzen Release.
“Ich hätte nie gedacht, dass ich mal so ein Projekt machen kann. Ich dachte immer, die Leute verstehen das nicht. Aber ich bin stolz, dass ich auf mein Gefühl gehört und das durchgezogen habe.” In diesem Sinne ist “Volta” mehr als ein Release und definitiv mehr als ein Tribut an den Zeitgeist. Es ist eine persönliche Angelegenheit. Pronto ist mit afrikanischer Musik aufgewachsen, genauso wie er mit 50 Cent oder Future aufgewachsen. Die Rhythmik, das Melodische, die leise Melancholie sind Teil seiner künstlerischen Identität. Sie findet sich auch in seinen Rapsongs wie “Clean” oder “Side Walk”. Mit “Volta” stellt er sie nun noch expliziter heraus. “Für mich persönlich ist das das Highlight der letzten Jahre.”
“Volta” ist benannt nach einer Region im Südosten Ghanas. Unter anderem stammen von dort die Ewe, das Volk von Prontos Vaters. Wer den Titel also mit Energy (oder einer Runde FIFA im Street Mode) assoziiert, liegt zwar nicht ganz falsch, greift aber auch zu kurz. Das ist typisch für Pronto. Er ist keiner, der seine Kunst mit Theorie unterfüttert –obwohl viel mehr dahinter steckt, als einen die vermeintlich leichten Songs glauben machen. Wer will, kann “Volta” einfach laut aufdrehen, die Energie aufsaugen, den Vodka in den Pineapple Juice kippen und eine gute Zeit haben. Man kann die Songs aber auch als Ermächtigung lesen, als Superhelden-Mucke für das Streaming-Zeitalter. “When I was young being African was a diss” hat der Londoner Grime-König Skepta einmal gerappt. Diese Zeit, in denen in der sogenannten westlichen Welt ein ganzer Kontinent auf Safaris und Hungerkatastrophen reduziert wurde und afrikanische Codes in der Popkultur als uncool galten, ist vorbei. Dank Künstlern wie Pronto, die dieses post-kolonialistische Narrativ brechen und ein anderes Bild von Afrika zeichnen: als Ort der Gegenwart und Idee der Zukunft.
Die sechsSongs von “Volta” sind damit persönlich perDefinition. Gleichzeitig sind sie Hymnen für eine ganze, eine neue Generation. “Crazy” zum Beispiel, aufgenommen in Paris mit den Alexis Pereira und Adrien Rodrigues, ist nicht weniger als ein potenzieller Welthit: zuckersüß und Hood zugleich, leise melancholisch und voller Euphorie. Auch die anderen Songs strahlen diese Energie aus. Neben dem Afro-Vibe lebt Pronto, der den Großteil desTapesselbst produziert hat, dabei auch seine Liebe zu Dancehall und Yardie-Trap aus. “Drunk” würde auf jedem jamaikanischen Streetdance umgehend Alarm auslösen, während “Sello” wieder ein lupenreiner Afro-Uptempo-Banger ist. Die erste Single “Sorry” dagegen –deren catchy Gitarrenlick das “Volta”-Projekts einst auslöste –ist ein (Post-)-Lovesong mit vollends universellem Appeal. Wer Pronto hört, fühlt ihn –egal ob man jedes seiner Worte versteht oder nicht.Auch das zeichnet Pronto aus: dass er zwar maximal loyal zu seiner Heimatstadt Solo di Nero steht, dort eisern alte Freundschaften und langjährige Gewohnheiten pflegt,ihm letztlich aber sogar die Welt zu klein ist. Seine Musik ist gleichzeitig lokal und global im besten Sinne. Sie ist Solothurn, aber sie ist auch Accra, London, Kingston, Berlin und überall sonst, wo Menschen ein Herz haben und das Leben feiern. Vibes, Feeling, Moment eben. Für gute Musik gab es selten einen besseren. -Davide Bortot