Shania Twain | Biografie

Biografie 2017

Shania Twain, “Now”, 2017

An Vergangenes denken wir gerne zurück, freuen uns auf die Zukunft – und doch leben wir stets im Hier und Jetzt, in genau diesem Moment.
Längst im dritten Jahrzehnt ihrer Ausnahmekarriere als “meistverkaufte weibliche Country-Sängerin aller Zeiten” angekommen, zelebriert Shania Twain genau dieses Jetzt, diesen Moment mit ihrem fünften Studioalbum, das aus diesem Grund den Titel “Now” trägt. Zugleich ihr erster Longplayer mit neuem Material seit 2002 (!), hat sie nicht nur erstmals die Songs komplett im Alleingang geschrieben, sondern trat auch selbst als Co-Produzentin in Aktion – und klingt schon deshalb so umwerfend und unmissverständlich wie nie zuvor.
Shania Twain, das ist diejenige Sängerin, die im kanadischen Ontario in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs, um schließlich gleich fünf Grammys zu gewinnen und weltweit über 75 Millionen Alben zu verkaufen; die längst als “Queen Of Country Pop” gilt, mit ihren Memoiren “From This Moment On” einen Bestseller vorgelegt hat und als erste Frau überhaupt gleich drei Diamant-Auszeichnungen verliehen bekam: Für die Alben “The Woman In Me” (von 1995; 12x US–Platin), “Come On Over” (seit Soundscan-Einführung das genreübergreifend erfolgreichste Album einer Künstlerin; 1997 erschienen und 20x US–Platin!) sowie für das zuletzt veröffentlichte “Up” aus dem Jahr 2002 (11x US–Platin).
Ihre Stimme ist für unvergessene Hits wie “You’re Still The One”, “From This Moment On”, “That Don’t Impress Me Much”, “Honey, I’m Home”, “Man! I Feel Like A Woman!” oder auch “Come On Over” verantwortlich, um nur eine kleine Auswahl zu nennen. Und sie ist nicht zuletzt jene Kämpferin, die nach achtjährigem Ringen gegen ihre Lyme-Borreliose-Erkrankung zurückkam, um eine gefeierte, zweijährige Residency in Las Vegas anzutreten, woraufhin sie 2015 ihre “Rock This Country”-Tour folgen ließ und nach diesem Comeback zuletzt sogar den Icon Award bei den 2016er Billboard Women In Music-Awards abräumte.
Ein sehr langer Weg also, der zu “Now” geführt hat, wie sie auch selbst berichtet: “Ich habe in meinem Leben vieles durchmachen müssen, um an den Punkt zu gelangen, an dem ich heute stehe”, so die Sängerin. “Doch jetzt kann ich sagen, dass ich angekommen bin, ein Zuhause habe. Und diesen Optimismus hört man auch auf dem neuen Album.”
Diese Grundhaltung ist zentral für den Sound von “Now”. Entstanden sind die insgesamt 16 Tracks in den Jahren 2015 und 2016 in diversen Aufnahme-Sessions, die in der Schweiz, den USA, England und auf den Bahamas stattfanden. Sie selbst übernahm dafür die Rolle des Executive Producers und produzierte sämtliche Tracks gemeinsam mit einem handverlesenen Dreamteam: Ron Aniello, Matthew Koma, Jacquire King und Jake Gosling. Indem sie auf viele Akustikinstrumente wie z.B. Mandoline, Banjo, Percussions und Gitarren setzt, zeichnet den satten, in Soul getränkten Sound der LP letztlich das aus, was sie selbst als “organischen Faden” bezeichnet, “versehen mit einem Hauch Retro-Sound”, wie sie sagt.
Das perfekte Fundament also für ihren einzigartigen Ansatz als Songwriterin: “In erster Linie bin ich genau das: Songwriterin”, sagt sie auch selbst. “Darauf basiert alles, das ist immer der Ausgangspunkt. Für mich war das so gesehen ein großer Schritt in Richtung Unabhängigkeit: Mir war schon klar, dass mich diese Rolle als einzige Songschreiberin auch einschüchtern würde – schließlich bin ich dadurch auch ganz alleine dafür verantwortlich, wie das Resultat hinterher ausfällt. Ich liebe es, mit anderen Musikern zu arbeiten, aber ich wollte dieses Mal keine anderen Einflüsse – weder emotional, noch psychologisch, auch keine anderen musikalischen Einflüsse. Sobald du die Tür aufmachst und einen Gast hereinbittest, wird er das Ergebnis beeinflussen. Was auch bedeutet: Es wäre nicht mehr 100% ich. Es wäre nicht mehr wirklich rein. Vielleicht ist es so das reinste, essenziellste Album, das ich jemals machen werde.”
Und sie nimmt wirklich kein Blatt vor den Mund: Über den sonnigen Country-Gitarren und mit Gospel flirtenden Harmonien der ersten Single “Life’s About To Get Good” spricht Twain ganz offen von ihrer 2008 vollzogenen Scheidung, wenn sie erhobenen Hauptes und mit einem Augenzwinkern singt, “I wasn’t just broken; I was shattered”, um dann zu ergänzen: “I’m ready to be loved, and loved the way I should, life’s about to get good.”
“Zunächst handelte der Song einfach nur von dem Gefühl der Enttäuschung”, gibt sie zu. “Ich schrieb ihn bei mir zu Hause, schaute raus auf den Ozean und dachte dann: ‘Da sitze ich also: stecke fest in diesen negativen Erinnerungen an die Vergangenheit, obwohl’s da draußen vor mir so wunderschön ist. Ich bin einfach nicht in der Stimmung, einen Ich-hab-so-viel-Selbstmitleid-Song zu schreiben’’ Denn neben dem ganzen Mist, gibt’s schließlich noch die ganzen tollen Sachen – und so handelt auch der Song nun genau davon. Du kannst das Gute nicht haben, wenn du nicht auch das Schlechte akzeptierst.”
Diese Einsicht zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Tracklist der LP: Die Handclaps und die heulende Gitarre des Eröffnungstracks “Swinging With My Eyes Closed” klingen eher nach Sommeridylle, wobei hier zugleich genau der Kampfgeist aufflackert, den man von ihr kennt: “I follow like a season not afraid of what I’m feeling.”
“Ganz egal, ob es nun Freude oder Schmerz ist: Wenn wir ein intensives Gefühl haben, schließen wir immer als erstes automatisch die Augen”, so Twain. “Und wenn man sich Neugeborene anschaut, dann sind ihre Augen noch gar nicht offen, aber sie wedeln schon ihre Fäuste vor der Brust in der Luft herum. Das ist das Bild, worauf sich der Titel ‘Swinging With My Eyes Closed’ bezieht. Und das beschreibt letztlich auch unser eigentliches Wesen: Wie oft bin ich schon in irgendwelche Situationen mit ausgestreckten Fäusten reingegangen, frei nach dem Motto, ‘Keine Ahnung, ob da nun etwas Gutes oder Schlechtes bei rauskommt, aber egal, ich bin auf alle Fälle bereit.’”
Die Akustik- und Dobro-Gitarren von “Light of My Life” erinnern an die Spätsechziger und beginnenden Siebziger im Laurel Canyon, wenn Twain über potenzielles Liebesglück singt: “Today to you, I’m invisible. Tomorrow, you’ll still be out of reach. Someday, you and I will be possible. We’ll be alone making love on the beach.” Der Schmerz hingegen, der damit einhergeht, “wenn man erkennt, dass man nicht die oberste Priorität im Leben eines anderen ist”, ist das Thema des Songs “Who’s Going to Be Your Girl”. All diese Fäden kommen schließlich im epischen Finale “All In All” zusammen, wenn sie ganz zum Schluss feststellt: “I’m still myself but I’ve changed. Things I always thought were strange aren’t that strange at all, all in all.” Trotz all der Veränderungen ist diese Sängerin immer noch sie selbst – ist sie, hier und jetzt, “Now”
“Ich habe das Glück, über diese Gabe zu verfügen, durch die Musik eine Verbindung zu anderen Menschen herstellen zu können. Wenn ich das kann, geht’s mir gut, dann bin ich in der Komfortzone. Es gibt Menschen, die fühlen sich nur gut, wenn sie bei der Arbeit oder in einer Bar unter Leuten sind. Aber wenn die Musik dieses Bindeglied ist, ist das eine echt besondere Erfahrung. Ich wünsche mir, dass dieses Album Menschen emotional bewegt. Denn eigentlich geht’s nur darum: Um einen Austausch von Emotionen. Ich hoffe, ich kann genau das damit auslösen bei den Zuhörern.”
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