Sido | Biografie

Sido — Kronjuwelen — Bio 2018

Sido hat Deutschrap verändert. Mehr noch: Er hat Deutschland verändert – indem er nämlich neu definiert hat, was ein großer Entertainer in diesem Land sein und tun, was er bewegen, wie er Menschen quer durch alle Gesellschaftsschichten einen kann. Sido, der Außenseiter aus der Platte, hat die Mitte der Popkultur annektiert. Nun blickt er zurück auf die letzten zehn Jahre seines Schaffens.
Die Fakten vorneweg: “Kronjuwelen” ist eine Sammlung der wichtigsten Songs aus Sidos letzten vier Studioalben – jenen Alben also, die seinen Ruch als Rap-Revoluzzer und bevorzugten Buhmann des Boulevard in unfickbaren Legendenstatus verkehrten. Darunter sind Superdupermegahits wie “Astronaut” oder “Bilder im Kopf”, aber auch leise Klassiker wie das identitätsstiftende “Geuner” oder “30–11–80”, der wohl größte Possetrack der deutschen HipHop-Geschichte. Hinzu kommen zwei brandneue, bislang unveröffentlichte Songs sowie eine umfassende Sammlung von Sidos Gastparts der letzten Dekade, für Künstler von Falco bis Capital Bra. Zusätzlich gibt es, soviel zum Thema Weihnachtswunschzettel, einen aufwändigen Bildband des Fotografen Murat Aslan, der Sido seit der Frühphase seiner Karriere begleitet.
Diese Frühphase ist inzwischen historisch. Mit seinem Label Aggro Berlin mischte Sido zu Beginn der Nullerjahre die deutsche HipHop-Szene auf. Der Mann mit der Maske verpasste einer satten, sich selbst genügenden Generation den Arschtritt ihres Lebens – und räumte damit den Weg frei für Deutschrap, wie wir ihn heute kennen. Sido machte neu, nach eigenen Regeln. So wurde er zum ersten Popstar seines Genres. Was damals niemand ahnen konnte (oder ahnen wollte): Er sollte auch der größte Popstar werden, den dieses Genre je gesehen hat. Auf den Rausch folgte kein Kater, sondern eine neue Zeitrechnung. Sido blieb auf seinem Thron einfach sitzen.
Im Herbst 2018 blickt Sido auf eine beispiellose Karriere zurück. Diese Karriere erzählt nur vordergründig die Geschichte vom Straßenrap, der sich in den Charts breitgemacht hat. Vor allem erzählt sie eine Geschichte über Deutschland und darüber, wie sich dieses Land verändert hat. Als der junge Paul Würdig auf einer Playstation seine ersten Beats baute, regierte in Bonn Helmut Kohl und in den Charts Wolfgang Petry. HipHop, das waren die mit den komischen Handbewegungen. Yoyoyo und so. “Seht es ein, Deutschland ist HipHop”, hat Sido einmal gerappt. Damals war das Wunschdenken. Heute ist es Realität, und das liegt auch daran, dass Sido sich getraut hat zu träumen. Von einem besseren Leben. Von besserer Mucke im Radio. Von einer besseren Welt, in der nicht das Jahresgehalt von Papa zählt, sondern das, was du kannst und auf die Beine stellst.
Im Fall von Sido sind das unter anderem sieben Soloalben, spektakuläre Kollabos, diverse Firmen, zwei Kinofilme, Gold und Platin. Vor allem aber ist ihm gleich mehrmals gelungen, was im Millionengeschäft Deutschrap noch immer eine Seltenheit ist: Er hat echte Hits geschrieben. Nicht anonyme Streaming-Schlager oder flüchtige Szene-Phänomene, sondern Lieder, die die Zeit überdauern. “Astronaut” stand fast ein ganzes Jahr in den Charts, schaffte es bis auf Platz 1 und, wichtiger noch, in die Herzen sehr, sehr vieler Leute quer durch alle Generationen und Gesellschaftsschichten. Sido hat die Menschen geeint mit diesen Liedern. Weil er immer schon verstanden hat, dass wir unterm berühmten Strich so unterschiedlich gar nicht sind, dass wir, wenn keiner hinguckt, alle vom selben träumen: von Anerkennung, vom guten Leben, von Liebe. In Zeiten von Polarisierung und Zuspitzung ist das kein kleiner Verdienst.
In der deutschen Entertainment-Elite ist Sido damit eine echte Ausnahmeerscheinung. Er hat mit Westernhagen gesungen und mit den härtesten Gangster-Rappern des Landes. Er ist der Lieblingsrapper deines kleinen Bruders, aber auch der Lieblingsrapper deiner Mutter. Zu allem Überfluss ist er auch der Lieblingsrapper deines Lieblingsrappers. Er hat sich leidenschaftlich mit Presse und Politik angelegt und trotzdem alles erreicht, was man als Musiker erreichen kann, darunter ein “MTV Unplugged”, was früher Altrockern vorbehalten war und vielleicht noch den Fantastischen Vier. Er kann in einem Moment Faxen mit Kurt Krömer und Helge Schneider machen, nur um im nächsten Moment für die Bundestagswahl zu trommeln – oder halt die beste Battle-Line der Welt aus dem Ärmel zu schütteln, wie er es nun seit zwei Jahrzehnten mit beeindruckender Verlässlichkeit tut, zuletzt auf dem Drei-Königs-Treffen “4 Uhr Nachts” mit Haftbefehl und Kool Savas, einem der beiden neuen Songs auf “Kronjuwelen”.
Wenn Bushido der deutsche Tupac ist, dann ist Sido so etwas wie der deutsche Snoop Dogg: ein Typ, der von ganz unten kommt, der in seinem Leben jede Menge Scheiße gebaut hat, dem man immer noch besser nicht doof kommt – den man aber einfach mögen muss, weil er diesen ganzen Irrsinn mit Gelassenheit und einem dicken fetten Grinsen nimmt. Was soll man auch sonst tun, wenn man aufgewachsen ist in der Gewissheit, dass es keine Gewissheit gibt? Sido ist ein Superstar gegen jede Wahrscheinlichkeit, ein Außenseiter vom Rande der Gesellschaft, der die Mitte der Gesellschaft neu definiert.
“Tausend Tattoos”, der andere neuen Song auf “Kronjuwelen”, bringt diesen Status perfekt auf den Punkt. Sido beschreibt darauf die Tinte auf seiner Haut als eine Art unauslöslischen Lebenslauf, mit allen Stationen seiner bewegten Vita: “Alles, was ich gut finde, habe ich tätowiert – der Rest entzieht sich leider meinem Interesse.”. Da sind die Totenkopfmaske und der Astronaut, die kleinen Eskapaden und die großen Geniestreiche, das ganz Unten und das ganz Oben. Sido ist stets ein offenes Buch gewesen, ob als Junge aus’m Block, als Ghettojunge im Goldrausch oder als Familienvater mit Vorbildfunktion. Auch das macht ihn so besonders: dass er immer einer wie wir geblieben ist, einer von uns, einer für uns. “Alles voll und auch du hast ‘nen Platz”, heißt es auf “Tausend Tattoos”. “Damit ich nicht vergess’, für wen ich’s mach’.”
Alle weiteren Erinnerungsstützen liefert “Kronjuwelen” – und dabei jede Menge Vorfreude auf die nächsten zehn Jahre.
 
Ansprechpartnerin Print: Jördis Lüdke (joerdis.luedke@umusic.com)
Ansprechpartnerin Online: Marina Buzunashvilli (marina@diemarina.com
 
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