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Sonny Rollins
30.06.2017

Sonny Rollins – eine Brücke für Sonny

1961 veröffentlichte der Journalist Ralph Berton in dem Jazzmagazin Metronome eine kleine unscheinbare Geschichte, die mit dem schlichten Titel “The Bridge” überschrieben war. In ihr schilderte er seine ungewöhnliche Begegnung mit einem gewissen “Buster Jones” auf der Brooklyn Bridge in New York: “Als ich den Ton das erste Mal hörte, dachte ich, dass ich ihn mir nur eingebildet hatte. Es war ein Ton, wie man ihn in der Mitte dieser Brücke nicht erwartete, der Klang eines Tenorsaxophons, dessen leise, immer wiederkehrende Fragmente durch die helle, leere Luft zu mir schwebten, wie Fußnoten zu dem entfernten sporadischen Geblöke der Schlepperschiffe weit unten auf dem Fluss… Tenorsax. Jazz-Tenorsax. Ein erfahrenes, erstklassiges Jazz-Tenorsax, der Ton eines Meisters… Er durchlief seltsame Changes und Kurven, übersprang Oktaven mit den geschmeidigen Schritten eines olympischen Hürdenläufers.” Dieser “Buster Jones” war natürlich Sonny Rollins und die Brücke war in Wirklichkeit nicht die Brooklyn Bridge, sondern die Williamsburg Bridge gewesen. Um Rollins’ Refugium nicht dem Ansturm von Jazzfans auszusetzen, hatte der Autor dem Protagonisten ein Pseudonym verpasst und den Ort der Begegnung einfach verlegt.
Sonny Rollins hatte sich 1959 aus der Szene zurückgezogen, um in sich zu gehen und auf seinem Saxophon neue Spielweisen auszuloten. Da er seine schwangere Nachbarin – die Frau des Schlagzeugers Frankie Dunlop – nicht mit seinem lauten Instrument belästigen wollte und keinen anderen Raum zum Proben hatte, ging er mit seinem Tenorsax rund drei Jahre beinahe täglich auf die nahegelegene Williamsburg Bridge, um dort bis zu sechzehn Stunden zu spielen. Ganz in sich versunken und unbeeindruckt von den vorbeirauschenden Subway-Zügen, Autos und Fußgängern. Erst 1962 beendete Rollins seine Auszeit und meldete sich auf der Szene mit einem neuen Album zurück, das natürlich den vielsagenden Titel “The Bridge” trug (das Album wurde 2015 in die Grammy Hall of Fame aufgenommen). Die Williamsburg Bridge erlangte dadurch bei Jazzfans in der ganzen Welt Berühmtheit.
Wie unter anderem der NEW YORKER berichtet, hat nun Jeff Caltabiano , einer dieser Jazzfans, Anfang des Jahres eine Kampagne gestartet, die darauf abzielt, die Williamsburg Bridge in Sonny Rollins Bridge umzutaufen. Der Vorschlag soll noch dieses Jahr Bürgermeister Bill de Blasio vorgelegt werden. Zu den prominenten Unterstützern der Initiative gehören u.a. die Pianisten Robert Glasper und Vijay Iyer, Trompeter Dave Douglas und Schlagzeuger Matt Wilson. Es ist zu hoffen, dass eine Entscheidung noch zu Lebzeiten von Rollins fällt. Denn der mittlerweile 86-jährige Saxophon-Koloss ist aus gesundheitlichen Gründen nun schon seit vier Jahren nicht mehr aufgetreten. “Die Umbenennung hat höchste Priorität, aber wir würden letztendlich auf der Brücke liebend gerne auch eine Statue von Sonny haben, wie er in den ‘offenen Himmel’ spielt”, sagt Caltabiano. “Es ist ein langer Prozess und bedeutet eine Menge Arbeit, aber wenn uns Sonny etwas gelehrt hat, dann ist es, dass es harte Arbeit erfordert, um dort hinzugelangen, wo man hinmöchte.”