Sonny Rollins | Biografie

Sonny Rollins Biografie

Sonny Rollins war 25 Jahre alt, als er im Jahr 1956 eine kreative Phase sondergleichen erlebte. Innerhalb von nur vier Monaten nahm er für das Label Prestige Records drei Alben auf, die seinen Ruf als einer der besten jungen Tenorsaxofonisten und Improvisatoren des Jazz zementierten. Zunächst spielte er im März mit seinen Kollegen vom damals überaus populären Clifford Brown/Max Roach QuintetSonny Rollins Plus 4” ein. Im Mai entstand dann das Album “Tenor Madness”, auf dem er mit Musikern von Miles Davis’ erstem großen Quintet zusammenspielte und sich im zwölfminütigen Titelstück auf freundschaftliche Weise mit seinem Instrumentalkollegen John Coltrane maß. Der dritte und zugleich größte Geniestreich seiner noch jungen Karriere gelang ihm schließlich im Juni mit “Saxophone Colossus”. Der Albumtitel wurde damals schnell von der Jazzpresse aufgegriffen, um Rollins’ Status unter seinen Kollegen hervorzuheben, und wird ihm wohl auch bis in alle Ewigkeit als Markenzeichen erhalten bleiben. Das Album enthält mit dem unwiderstehlichen, fröhlichen Calypso “St. Thomas”, den er seiner Mutter widmete, zudem eines der populärsten Jazzstücke aller Zeiten.
Sonny Rollins, mit bürgerlichem Namen Theodore Walter Rollins, wurde am 7. September 1930 in Harlem, New York, geboren und wuchs in  der stimulierenden Zeit der Harlem Renaissance auf. Seine Eltern, die beide von den heutigen Amerikanischen Jungferninseln stammten, vermittelten ihm bereits in jungen Jahren ein musikalisches Talent sowie eine Vorliebe für Musik und Rhythmen aus der Karibik. Mit sieben Jahren begann Sonny, wie er von seiner Großmutter genannt wurde, Altsaxofon zu spielen und übte wie besessen. In der Highschool spielte er in einer Band mit anderen angehenden Jazzgrößen wie Jackie McLean, Kenny Drew und Art Taylor und wechselte schließlich 1946 zum Tenorsaxofon. Bereits drei Jahre später machte der junge Musiker seine ersten professionellen Aufnahmen mit einigen Stars der New Yorker Bebop-Szene, darunter der Sänger Babs Gonzales, der Posaunist J. J. Johnson, der Pianist Bud Powell, der Trompeter Fats Navarro und der Schlagzeuger Art Blakey.
Der kometenhafte Aufstieg des Tenoristen wurde in den frühen 1950er Jahren allerdings durch zwei Gefängnisaufenthalte und eine Drogenentzugstherapie zwischenzeitlich abgebremst. Bevor er 1956 bei Prestige Records die ersten Aufnahmen unter eigenem Namen veröffentlichen konnte, wirkte er auf bahnbrechenden Alben von Miles Davis, Thelonious Monk und dem Clifford Brown/Max Roach Quintet mit. Vor allem die enge Zusammenarbeit mit Miles, zu dessen Alben er zu Jazzstandards gewordene Kompositionen wie “Oleo”, “Airegin” und “Doxy” beisteuerte, eröffnete ihm neue musikalische Horizonte und gab ihm Impulse für eigene Experimente. Dokumentiert wurden diese beispielsweise 1957 auf dem faszinierenden Album “Way Out West”, für das er auf raffinierte Weise einige Country- und Western-Songs interpretierte, sowie auf “A Night at the ‘Village Vanguard’”, einem fulminanten Live-Album für Blue Note. Beide Aufnahmen machte er in der damals ungewöhnlichen Besetzung eines pianolosen Trios. Das Format ermöglichte ihm, lange, improvisierte, geradezu epische Soli, in denen er seinen melodischen Ideenreichtum zeigen konnte.
Die Konstanz, mit der Rollins über zwei Jahrzehnte hinweg ein hochkarätiges Album nach dem anderen veröffentlichte, war schier atemberaubend. Dabei präsentierte er sich in den unterschiedlichsten Konstellationen – vom klavierlosen Trio, dessen Pionier er war, bis zur blechbläserlastigen Big Band – und setzte sich mit der gesamten Palette moderner Jazzstile auseinander. Unterbrochen wurde dieser kreative Output nur durch zwei zweijährige Sabbaticals zu Beginn und am Ende der 1960er Jahre, in denen er weder Platten aufnahm noch Auftritte absolvierte.  Nach einer kurzen Phase Anfang der 1970er Jahre, in der er einige kommerziellere Experimente unternahm, die nicht so recht zündeten, fand er schnell wieder zu seiner Form und tat das, was er besser als fast jeder andere konnte: Er nahm Alben auf, auf denen er sich als unermüdlicher, fantasievoller Interpret von Jazzstandards, Broadway-Melodien und Tin-Pan-Alley-Schlagern sowie als Meisterimprovisator mit langem Atem präsentierte. Kurzum: Seinem früh erworbenen Ruf als „Saxofon-Koloss“ wurde er auf nahezu jeder Sprosse seiner bis in die 2010er Jahre hineinreichenden Karriereleiter gerecht.
Selbst als er 1986 bei einem Open-Air-Konzert in Upstate New York von der Bühne sprang und sich bei der unsanften Landung eine Ferse brach, spielte er nach ein paar Schrecksekunden einfach auf dem Rücken liegend weiter, als wäre nichts geschehen. Erst eine Lungenfibrose setzte den Saxofon-Koloss im Jahr 2014 außer Gefecht und zwang den damals 84-Jährigen dazu, sich aus dem Musikgeschäft zurückzuziehen. Am 25. Mai 2026 ist Sonny Rollins im hohen Alter von 95 Jahren in seinem Haus in Woodstock, New York, gestorben.
Stand: Juni 2026