Sophie Hunger | News | Interview zum Album "Monday's Ghost"

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10.03.2009

Interview zum Album “Monday’s Ghost”

Seit letztem Jahr ein Geheimtipp, durchbricht die Schweizer Sängerin und Songschreiberin Sophie Hunger auf ihrem zweiten Album „Monday´s Ghost“ sämtliche Klischees. Dennoch erreichte sie damit Platz 1 der Schweizer Albumcharts. JazzEcho im Gespräch mit der unangepassten 25jährigen.

JazzEcho: Ich habe gelesen, Sie hassen Interviews, stimmt das?

Sophie Hunger: Nein, aber es gibt immer wieder Fälle, in denen aus irgendetwas, das man beiläufig sagt, eine Geschichte gemacht wird.

JazzEcho: Denken Sie viel nach, bevor Sie im Interview etwas sagen?

Sophie Hunger: Nein, ich lebe nicht in der Illusion, dass solche Interviews der Wahrheit auch nur ein Stückchen näher kommen, die Wahrheit ist etwas anderes. Das, was die Medien erzählen, ist ja auch eine künstlerische Produktion, jede Rezension ein Stück weit Literatur, die jemand auf seine Art und Weise schreibt.

JazzEcho: Die vorherrschenden Themen im heutigen, so genannten Singer-Songwriter-Pop sind: 1. gescheiterte Liebe, 2. plötzliche Liebe…

Sophie Hunger: …keine Liebe…(lacht)

JazzEcho: …genau, oder schwierige Liebe. Die Vereinsamung des lyrischen Ichs. Insgesamt alles inflationäre Themen, die Sie eigentlich vermeiden (an dieser Stelle: Danke). Ihre Songs sind uneindeutig, poetisch, etwa in „A Protest Song“ oder „Drainpipes“. Wie würden Sie selbst Ihre Songs beschreiben?

Sophie Hunger: Ich mache Lieder, entweder auf dem Klavier oder an der Gitarre und ich singe dazu.

JazzEcho: Wovon handeln die Lieder?

Sophie Hunger: Von sich selbst, im besten Fall. Sie sollten in sich vollkommen sein. Alles andere macht für mich keinen Sinn. Musik ist für mich keine Repräsentation von etwas anderem oder ein Ausdruck von etwas anderem, sondern ein Ausdruck von sich selbst – Musik steht für Musik, ist Musik. Es ist schwierig zu sagen: ich hatte einen Autounfall, und nachher habe ich ein Lied darüber geschrieben. Man kann sich natürlich vormachen, dass es so ist, aber das eine ist ein Autounfall und das andere ist ein Lied. Es hat nichts miteinander zu tun.

JazzEcho: Wie gehen Sie da ran? Formalistisch, strukturalistisch? Haben Sie eine bestimmte Technik?

Sophie Hunger: Nein, das weiß ich nicht genau. Ich spiele einfach Klavier oder Gitarre und dann kommt etwas aus meinem Mund. So Sprache, Wörter, oder ich habe einen Satz und muss den irgendwie singen. Es ist sehr unbewusst.

JazzEcho: Gibt es bestimmte Situationen, die Sie motivieren oder bestimmte Emotionen, die Sie antreiben?

Sophie Hunger: Höchstens, keine zu haben. Keine Emotionen zu haben und dann fehlt etwas und man möchte das füllen, um etwas zu empfinden.

JazzEcho: Sie haben gesagt, dass Sie kaum Ahnung von Musik haben, nicht viel von Musik verstehen. Ist das zu ehrlich für diese Welt? Eine bewusste Provokation?

Sophie Hunger: Nein, das meine ich so und ich weiß auch, dass das stimmt. Ich sehe jeden Tag Leute, die Musik studiert haben, und ich weiß, dass ich nichts darüber weiß. Das ist ein Fakt, keine Einschätzung, Interpretation. Ich habe kein Wissen, keine Ahnung, ich bin sehr beschränkt.

JazzEcho: Das sagen Sie recht selbstbewusst…

Sophie Hunger: Ich glaube, dass es ein Vorteil ist, nichts zu wissen, weil es mich frei macht. Wenn man etwas nicht sieht, ist man frei, unvoreingenommen. Es gibt keine Regeln, ich bediene mich einfach an dem, was da ist. Für die Musiker in meiner Band ist das schwieriger, denn sie erkennen sofort, was sie tun. Und die Erkennung bringt Beschränkung mit sich. Hätte ich Musik studiert, dann hätte das sicher dazu geführt, dass ich keine Musik hätte machen können, weil ich dann dauernd darüber geurteilt hätte. Ich wäre wahrscheinlich Musikjournalistin geworden, und somit habe ich mir das erspart, indem ich einfach nichts darüber weiß.

JazzEcho: Ist das nicht total schwierig…

Sophie Hunger: Nein, das ist einfach: keine Schule besuchen, keine Fragen stellen.

JazzEcho: Auch nichts gut finden und nichts schlecht finden?

Sophie Hunger: Davor kann man sich nicht retten. Aber Musik interessiert mich nicht wirklich, ich höre mir jetzt nicht dauernd neue Musik an. Ich höre eigentlich immer die gleichen paar Sachen, wo ich weiß, das etwas passiert. Ich versuche bewusst, mich nicht mit Musik auseinanderzusetzen.

JazzEcho: Was sind denn die gleichen paar Sachen?

Sophie Hunger: Bob Dylan, ein Schweizer Musiker namens George Vain, Radiohead, Cashmere, das ist eine dänische Band, das war´s eigentlich schon.

JazzEcho: Sie sind Tochter aus gutem Haus, Kosmopolitin, ihr Vater ist Diplomat. Ihre Musik klingt aber oft, sagen wir: prekär, etwa „The Tourist“ oder der Titelsong des neuen Albums „Monday´s Ghost“. Wie hängt das zusammen. Was verarbeiten Sie?

Sophie Hunger: Das Leben, das wir geführt haben, durch den Beruf meines Vaters, gesellschaftlich war es sicher bürgerlich, aber es war auch extrem. Wir haben ständig unseren Wohnort gewechselt. Keine Heimat gehabt. Mein Bruder war lange mein einziger und bester Freund. Alles andere ist ständig gekommen und gegangen. Es war unreal, das kann ich jetzt sagen, damals kannte ich ja nichts anderes. Das alles hat sicher meine Beziehung zu Dingen, die nah sind und Dingen, die fern sind geprägt.

JazzEcho: Wie meinen Sie das?

Sophie Hunger: Ich kann mich zum Beispiel darauf konzentrieren, vor vielen Leuten große Nähe zu entwickeln, aber ohne dass das Konsequenzen hat. Ich kann mich an einen Punkt bringen, an dem ich keine Biografie besitze, wo es nicht mehr um mich geht.

JazzEcho: Sie drücken sich in drei Sprachen aus. Was für Realitäten stellen die jeweils dar?

Sophie Hunger: Die Sprachen sind nicht an bestimmte Themen
gebunden, aber natürlich gibt es Unterschiede. Man kann auf Französisch Sachen sagen, die auf Deutsch irritieren würden, auf eine ungute Art irritieren würden, es wäre exaltiert. Ich habe verschiedene Beziehungen zu den drei Sprachen. Deutsch ist mir am nächsten, ich bin mir meiner selbst am meisten bewusst. Englisch liegt in der Mitte, und Französisch liegt mir so fern, dass ich da nicht so sehr mit den Worten, sondern mit dem Klang der Sprache spiele.

JazzEcho: Ihre Karriere begann ja im französischen Teil der Schweiz.

Sophie Hunger: Stimmt, ich habe auch sehr früh in Frankreich gespielt, im Vorprogramm von bekannteren Leuten.

JazzEcho: Wie war für das neue Album die Zusammenarbeit mit Marcello Giulani, der ja auch mit den französischen Chansonniers Henri Salvador, Etienne Daho (und Jane Birkin) gearbeitet hat?

Sophie Hunger: Wir hatten uns zuvor kennen gelernt, er hat bei Eric Trufa gespielt, mit dem ich aufgetreten bin. Das war alles super. Marcello ist sehr stark, wenn es darum geht, wie etwas klingen muss. Also nicht was, sondern wie. Er hat es geschafft, dass die Lieder nach sich selbst klingen, und das ist schwer.

JazzEcho: Warum?

Sophie Hunger: Die Möglichkeiten im Studio sind unendlich und es braucht so viel Wissen, da das Richtige zu machen. Mein erstes Album habe ich allein aufgenommen, zu Hause und das war gar nicht schwierig. Viele Leute denken: Oh Mann, allein zu Hause aufgenommen, Wahnsinn! Aber das ist viel leichter, weil man keine Fragen hat, aber im Studio schon. Da muss man genau wissen, wo man die Mikrofone hinstellt.

JazzEcho: Sie müssen ihm sehr vertraut haben, wenn Sie sagen, dass sie mit dem technischen Aspekt von Musik nichts zu tun haben wollen.

Sophie Hunger: Das mit dem Vertrauen war eine bewusste Entscheidung. Ich war bei ihm und wir haben zwei Titel aufgenommen und dann musste ich mich entscheiden, ob ich die ganze Platte mit ihm zusammen mache. Da wusste ich noch nicht, ob das gut wird.

JazzEcho: Jeder Produzent hat seine persönliche Handschrift, seine eigenen Vorstellungen.

Sophie Hunger: Und bei uns war ja alles da. Wir mussten keine Lieder schreiben oder Musiker finden. Wir wussten, wie die Lieder gehen, wer was spielt. Die Frage war: Wie können wir das, was da ist, richtig aufnehmen? So dass es auch das bleibt. Das ist gar nicht so einfach. Es ist schon schwierig, nur ein Klavier schön abzunehmen.

JazzEcho: So dass es klingt wie ein Klavier

Sophie Hunger: Ja, das war die Sache. Wie bleiben wir da, wo wir eigentlich schon sind. Wie bekommen wir das in eine Membran. So, dass nichts verloren geht. Wir wollten nichts hinzufügen.

JazzEcho: Das erste Album war einfacher.

Sophie Hunger: Ja, und ging viel schneller. Aber das war eine andere Zeit. Da habe ich mir nichts dabei überlegt. Ich war einfach ein Mädchen in Zürich und hatte mir einen Computer gekauft. Und hatte einen Freund, der beim Radio arbeitet und sich da Mikrofone ausleihen konnte gefragt, ob er mir hilft, mal etwas aufzunehmen. Man hört alles. Die Vögel im Garten, meinen Hund, der durch die Wohnung geht. Es war nicht für die Öffentlichkeit, für niemand, ich hab´s einfach so gemacht.

JazzEcho: Und nun kommen Verpflichtungen, Verträge, Abgabetermine…

Sophie Hunger: Das alles hat mich eher erleichtert: Abgabetermine zu haben, eine Rolle zu haben. Davor hatte ich keine Arbeit, habe keine Ausbildung gemacht, ich wusste nicht, was ich tun sollte. Das war kein Problem oder so, aber ich hatte keinen Kontext, in keinster Weise. Und dann kam das, und auf einmal wurde mir eine Aufgabe gegeben, die ich ja eigentlich selbst gestellt habe. Ich war erleichtert. Ich meine, mein Leben ist immer noch ziemlich lose. Wir sprechen hier über Popmusik. Ich schlafe jede zweite Nacht irgendwo anders. Es ist kein strukturiertes Leben, aber ich habe eine Aufgabe, das hilft mir, rein formell.

JazzEcho: Sie sind Schweizerin. Was für ein Verhältnis haben Sie zur Schweiz?

Sophie Hunger: Mein Land ist ein großes Talent, das sich nichts traut. Das immer in dieselbe Richtung schaut, sich von Gewohnheit leiten lässt. Ich glaube, mein Land hat viel mit Gewohnheit zu tun. Aber wir haben so viele Möglichkeiten, wir sind so reich, in jeder Hinsicht. Und es wäre so aufregend zu sehen, was passiert, wenn wir teilnehmen, uns zu unserem Talent bekennen würden.

JazzEcho: Sie sagen „wir“. Ich selbst würde wahrscheinlich nicht „wir“ sagen, wenn ich über Deutschland rede.

Sophie Hunger: Das liegt daran, dass ihr ein völlig gestörtes Verhältnis zu euch selbst habt. Ein Deutscher darf sich selbst nicht mögen, sonst ist er ja ein Nazi.

JazzEcho: Oh nein, bitte, ich glaube, das ist Schnee von gestern.

Sophie Hunger: Von außen sehe ich das immer noch so. Ich finde es absolut falsch, wie mit Deutschland umgegangen wird. In Italien stehen immer noch Mussolini-Statuen herum. In Deutschland hat man mit einem Wort wie „Endbahnhof“ ein Problem, habe ich mal gelesen. Der letzte Bahnhof, wo der Zug hinfährt. Deutschland bedeutet mir persönlich sehr viel. In meiner Biografie ist Deutschland wahrscheinlich der wichtigste und mir nächste Teil meines Lebens. Ich empfinde viel für dieses Land.

JazzEcho: Sie haben eine Zeit mit ihrer Familie in Bonn gelebt, was ist da passiert?

Sophie Hunger: Das war die prägendste Zeit in meinem Leben. In den zwei, drei Jahren bin ich, glaube ich, zehn Mal soviel gewachsen wie vorher oder nachher. Natürlich kann ich sagen, das hat nichts mit Deutschland zu tun. Ich gebe zu, das sind völlig irrationale romantische Gefühle, das ist meine Erinnerung. Aber ich weiß, dass ich danach und bis heute Deutschland vermisse.

JazzEcho: Was genau? Die Sprache?

Sophie Hunger: Wahrscheinlich hat die Sprache da stark mitgespielt. Aber auch: das Deutsche. Was ist das Deutsche? Was ein Franzose nicht hat. Etwas Aufrechtes. Genaues. Geistiges. Bücher. Gottfried Benn, so etwas kann man nicht übersetzen.

JazzEcho: Ich musste natürlich an Kafka denken, als ich Ihren Namen las.

Sophie Hunger: Wegen Hungerkünstler.

JazzEcho: Der überfütterte Musikjournalist dachte: Einen besseren Namen gibt es nicht.

Sophie Hunger: Das ist ja der Nachname meiner Mutter. Und schon als Kind fand ich faszinierend, das die SO HEISST (lacht). Ich habe ihr das erst auch gar nicht so richtig geglaubt und sie in Jahresabständen gefragt, ob das wirklich stimmt. Es war klar, dass ich mich irgendwann in den reinsetzen musste. Der war wie so ein kleiner Juwel, den ich so mit mir herumgetragen habe, und ich wusste, irgendwann nehme ich den raus.

JazzEcho: Beim Stichwort Hungerkünstler: Sind Sie ein Bohemien?

Sophie Hunger: Nein. Ich verabscheue jede Art von Dada, ich finde, das ist negativer Snobismus. Es gibt Leute, die sagen, Klassische Musik sei snobistisch und dann machen sie Sachen, die keiner versteht, aus Prinzip. Und das ist viel snobistischer, viel bornierter als die Leute, die sie anklagen. Das beeindruckt mich überhaupt nicht. Da beeindruckt mich jedes altbackene, hundert Mal zitierte Gedicht von Goethe mehr als so ein Schwachsinn, völlig unüberlegt, unpräzise, unvollständig aus irgend so einer x-beliebigen neuen Richtung vorgetragen.

JazzEcho: Suchen Sie danach, verstanden zu werden?

Sophie Hunger: Nein.

JazzEcho: Was raten Sie den Politikern der Industrienationen?

Sophie Hunger: Ich rate ihnen, dass sie die Sterne anschauen sollen und gleichzeitig sich selbst die Schuhe putzen.

Die Fragen stellte Felix Fast

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