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11.02.2016

X Ambassadors, "VHS", 2016

Die Art von Rock & Roll-Sound, die sich als wirklich bahnbrechend erweist und nicht gleich wieder in Vergessenheit gerät, basiert häufig auf einer recht simplen Einsicht: Um die eigenen Wurzeln zu finden, muss man sich manchmal erst an einen anderen Ort verpflanzen. Vor knapp zehn Jahren verließen drei der vier Mitglieder von X Ambassadors ihre Heimatstadt Ithaca im Staat New York: Sie hatten große Ziele, wollten alles geben, alles versuchen, nur nicht zurückschauen. Wie so viele Kleinstadt-Kids es vor ihnen getan hatten, zogen sie los in die große Stadt, um dort ihren Traum von Reichtum und Berühmtheit wahr zu machen. Ihr erklärtes Ziel lautete "to go big", die nächste große Nummer zu werden, wie sie in einem ihrer neuen Songs ganz offen gestehen. Und nach einigen Jahren, in denen sie hart dafür gekämpft hatten, schien der gewünschte Erfolg in greifbare Nähe gerückt zu sein – nur fehlte da trotzdem noch irgendetwas. Es gibt Bands, die dieses fehlende Etwas für immer verlieren, weil sie dieses ungute Gefühl schließlich doch ignorieren und einfach weitermachen, aber die wirklich grandiosen Bands lassen nicht locker und setzen alles daran, es wiederzufinden. Und häufig ist es so, dass diese Suche sie schließlich doch wieder zurück führt zu ihren Wurzeln. "VHS", das ultradruckvolle Debütalbum von X Ambassadors, handelt von genau dieser Odyssee. Die Ironie besteht darin, dass diese Suche – wie im Retro-Albumtitel bereits angedeutet – wirklich weit zurück in die eigene Vergangenheit führen sollte.

Mit Imagine Dragons und Jamie N Commons sind zwar auch zwei hochkarätige Label-Kollegen von X Ambassadors auf "VHS" zu hören – alle drei Acts sind bei KIDinaKORNER unter Vertrag; erstere unterstützen sie auf "Fear" und "Low Life", letztere auf "Jungle" –, doch sind die überraschendsten Albumgäste letztlich die noch sehr viel jüngeren, sehr viel rastloseren Bandmitglieder selbst, denen man hier auch begegnet: Zwischen den Songs präsentieren X Ambassadors nämlich eine ganze Serie von "Interludes", kleine Audioschnipsel von alten Videotapes aus der Familiensammlung. "Moving Day" und "First Show" erzählen beispielsweise eine zusammenhängende Geschichte, was zugleich verrät, wie wichtig HipHop diesen vier Jungs einst war, schließlich waren auf den Klassiker-Alben von De La Soul, Dr. Dre, Fugees oder Eminem auch stets derartig verknüpfte "Interlude"-Anekdoten zu hören. "Mir war wichtig, dass sich das Album insgesamt wie ein Film anfühlt", sagt Sam Harris, der Sänger und Gitarrist der Band. Und wie in einem Film, geht es in den Songs von "VHS" auch um Bewegung, um Geschwindigkeit, um den Wunsch, irgendein heilloses Beziehungschaos und die Enge des Kleinstadtdaseins hinter sich zu lassen. "Run away with me / Lost souls and revelry", singt Sam, fast schon wie ein junger Springsteen, auf der ersten Single "Renegades", die in den USA bereits die Top-5 der Alternative-Airplay-Charts erobert hat. "Running wild and running free / Two kids, you and me", heißt es weiterhin auf dem Folk-Rock-Stück, mit dem sich X Ambassadors zugleich vor allen Außenseitern und Abenteurern dieser Welt verneigen.

Für Sam und seinen älteren Bruder Casey Harris, heute Keyboarder der Band, war die Musik schon immer ein wichtiger und treuer Wegbegleiter – besonders in Phasen, in denen sie kaum andere Freunde hatten. Die beiden wuchsen mit diversen Instrumenten, mit viel Musikunterricht und vermachten Beatles-, Stones-, Billy Joel- und Joni Mitchell-Scheiben auf. Anhand der Alben von Johnny Cash und Woody Guthrie hingegen, auf die ihr Vater so stand, lernte Sam, wie man in Songtexten richtige Geschichten erzählen kann. Keine schlechte Basis – nur war irgendwann der Punkt gekommen, an dem alles andere um sie herum nur eine einzige Message zu kommunizieren schien: Hier, in diesem Kaff, habt ihr keine Zukunft. Keine Chance.   

Im HipHop fand Sam schließlich seine Stimme, ohne dafür seinen Hang zu massivem, überdimensionalem Rock-Sound aufgeben zu müssen: "Ich war vom ersten Moment an regelrecht besessen", berichtet er. "Das war so krass, ich hatte endlich das Gefühl, meine Musik gefunden zu haben." Und HipHop war schließlich auch das Bindeglied zwischen der Band und Alex Da Kid, dem Gründer von KIDinaKORNER, auf dessen Konto schon etliche Hits gehen und der unter anderem bereits mit Dr. Dre und Nicki Minaj gearbeitet hat. Die wichtigsten Zutaten von "VHS" mögen zwar knallharter, druckvoller Rock – wie z.B. im Fall von "Superpower" – und der leidenschaftliche Pop-Einschlag von Tracks wie "Renegades" und "Unsteady" sein; allerdings basiert vieles davon zugleich auf einem rhythmischen Fundament, das so nur von echten HipHop-Fans stammen kann. Dieses Fundament ist es auch, das selbst die introspektivsten Momente ihres Erstlings vollkommen neu und einzigartig klingen lässt.

Seinen zukünftigen Gitarristen, Noah Feldshuh, lernte Sam bereits am ersten Tag im Kindergarten kennen: "Fünf Jahre alt waren wir – und sofort die besten Freunde", erinnert er sich zurück. Ein paar Jahre später waren beide Fans von den Red Hot Chili Peppers, von Coldplay und Kings of Leon, woraufhin sie schließlich den Entschluss fassten, ihre eigene Band zu gründen. Auch die ersten Demo-Aufnahmen ließen nicht lange auf sich warten, und zwar klangen diese Songs zugegebenermaßen noch ziemlich ungeschliffen, aber das Gefühl, zusammen in einer Band zu sein und wie Brüder an einem Strang zu ziehen, war einfach viel zu wichtig, viel zu gut...

Casey Harris ist von Geburt an blind, doch am Klavier war er dermaßen begnadet, dass er das Stimmen von Klavieren schließlich sogar zu seinem Beruf machen konnte. Parallel dazu spielte er zunächst in unterschiedlichen Bands aus der Gegend, um schließlich das dritte offizielle Mitglied von X Ambassadors zu werden. Als sich Sam und Noah dann im Jahr 2006 an der New School in New York City einschrieben, führte ihre Suche nach einem vierten Mann schnell zum Erfolg: Im Studentenwohnheim lernten sie den Schlagzeuger Adam Levin kennen, der gebürtig aus Los Angeles stammt. Eine Sache fehlte jedoch immer noch: die nötigen Fans, weshalb die Harris-Brüder das Gefühl nicht loswurden, dass sich ihre Kleinstadt-Herkunft wohl nie ganz abschütteln lassen würde. "Ja, wir haben uns nie wie eine richtige New-York-Band gefühlt", meint Sam. "Man denkt doch, dass man in die Stadt zieht und sich dort irgendeiner Szene anschließt, aber irgendwie ist das nie passiert. Wir mussten echt hart darum kämpfen, überhaupt irgendwelche Auftritte zu ergattern."

Im Jahr 2012 jedoch landete ihre Ballade "Litost" auf einer Spotify-Playlist, die sich schließlich auch der Programmchef des Rocksenders 96X aus Virginia anhören sollte. Kurze Zeit später war der Song bereits ein regionaler Hit, um am Ende des Jahres sogar die Liste der Hörerwünsche beim Sender zu dominieren. Dann schlug "Litost" noch größere Wellen und die Jungs unterzeichneten ihren ersten Management-Deal. Auch der nächste Song, "Unconsolable", markierte einen Durchbruch, dieses Mal jedoch in kreativer Hinsicht, denn erstmals thematisierte Sam ganz offen seine Beziehungsprobleme. Plötzlich war das Schreiben von Songs nicht mehr nur ein möglicher Ausweg aus dem Kleinstadt-Mief, sondern auch eine Möglichkeit, sich mit den eigenen Gefühlen sehr viel intensiver zu befassen – mit Themen wie Eifersucht, mit Schmerzen, mit Wünschen und Verlangen. Die Musik hatte plötzlich heilende Kräfte bekommen, und das fiel auch anderen auf. "‘Unconsolable’ war der erste Song, auf dem wir etwas wirklich Einzigartiges eingefangen haben", meint er rückblickend. Und genau in diesem Moment trat der beeindruckte Alex Da Kid auf den Plan, der zu der Zeit gerade mit Imagine Dragons arbeitete. Das Resultat: Alex, Dan Reynolds, der Frontmann von Imagine Dragons, und Dan Stringer, ein Freund von X Ambassadors, produzierten ihre EP "Love Songs Drug Songs", die 2013 bei KIDinaKORNER/Interscope Records erschien.

Ihr Songwriting wurde sogar noch ausgefeilter, als Sam erst mal herausgefunden hatte, wie man selbst die schmerzvollsten Erfahrungen und die persönlichsten Dinge in Songs verwandelt – so geschehen auf "The Business" oder auch "Free and Lonely" von ihrer "The Reason"-EP (2014), zwei Songs, in denen er sich universellen Themen wie der Flucht vor der eigenen Vergangenheit und dem Erreichen persönlicher Ziele widmete. Auf "VHS" geht er sogar noch einen Schritt weiter, wenn selbst die Scheidung der eigenen Eltern ("Unsteady") zum Thema wird – ein harter Schlag für die einst so perfekte Familienidylle, in der er und Casey aufgewachsen waren...

Parallel zu den EP-Veröffentlichungen sammelten die vier Jungs aus der Kleinstadt jede Menge Tour-Erfahrung, indem sie sich die Bühne ab sofort mit Bands wie Imagine Dragons, The Lumineers und Panic! At The Disco teilten. Angenehmer Nebeneffekt: Mit jeder Show verwandelte sich der einstige Fan-Mangel in das Gegenteil davon. 

Mit der Veröffentlichung von "VHS" schließt sich nun also der Kreis für X Ambassadors – allerdings mit einem Unterschied: Inzwischen haben sie genügend Selbstbewusstsein, um dieses Kapitel in Angriff zu nehmen. "Dieses Album vereint letztlich all das, woran wir seit der 7. Klasse gearbeitet haben", meint Sam. "Ich wollte den Leuten zeigen, wer wir sind: Eine Band aus Brüdern, aus besten Freunden, eine kleine Familie, die schon wahnsinnig viel zusammen durchlebt hat."

In einem der Interludes ("Y2K Time Capsule") stellt der Vater den beiden Harris-Brüdern die Frage, wo sie sich in 15 Jahren sehen würden. Die Antwort: "Ganz weit weg." Das war 1999, und jetzt, gut anderthalb Jahrzehnte später, haben Sam & Co ihre Stimme und ihren Sound gefunden, indem sie sich mit genau dieser Vergangenheit auseinandergesetzt haben. Er habe seinen Frieden gemacht mit Ithaca, sein Blick auf seine Heimat sei heute ein ganz anderer: "Ist schön da", sagt der Sänger abschließend über die Gegend, die bislang nur für ihre Schluchten, ihre Seen und ihr buntes Herbstlaub bekannt war – und nun auch dafür, dass sie X Ambassadors hervorgebracht hat. Anscheinend ist es doch ganz okay, ja sogar empfehlenswert, wieder nach Hause zurückzukehren.