Charles Lloyd | Biografie

Charles Lloyd Biografie

Mit seinen nunmehr 80 Jahren gehört Charles Lloyd heute zu den “elder statesmen” unter den modernen Jazzsaxophonisten. Obwohl er auf eine mehr als sechs Jahrzehnte umspannende professionelle Karriere zurückblicken kann, scheint Lloyd immer noch von einer fast schon jugendlich wirkenden Leidenschaft und Experimentierfreude befeuert zu sein. Tatsächlich befindet er sich, wie das US-Blatt The Atlantic im Dezember 2016 meinte, gerade in seinem “zweiten goldenen Alter”: “Der Jazzsaxophonist, der in den 1960ern Popstar-Status erlangte und sich dann für Jahre ins selbst auferlegte Exil zurückzog, bringt heute einige der besten Alben seiner Karriere heraus”, hieß es in dem Atlantic-Feature. Und “Vanished Gardens”, Lloyds jüngstes Album mit seiner aufregenden All-Star-Band The Marvels (feat. Bill Frisell, Greg Leisz, Reuben Rogers & Eric Harland), gehört zweifellos in diese Kategorie und dürfte dem Saxophonisten auch in der Pop-Presse hymnische Kritiken bescheren. Denn das neue Meisterwerk ist das Resultat einer wunderbaren, intensiven Zusammenarbeit mit der einzigartigen Sängerin, Gitarristin, Songschreiberin und Poetin Lucinda Williams. Lloyd gelingt es hier auf schillernde Weise all die Spielerfahrungen einzubringen, die er in seiner langen und abwechslungsreichen Karriere sammeln konnte. Und in Lucinda Williams fand der Saxophonist eine neue Partnerin, die aus ihm das Beste herauszukitzelt.
Charles Lloyd wurde am 15. März 1938 in Memphis, Tennessee, geboren und wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Schon früh entdeckte er die Musik als Ausdrucksform für sich und begann als Zehnjähriger Saxophon zu spielen. Die Grundlagen brachte er sich selbst bei, wobei die Heroen des ausklingenden Bebops und zeitgenössischen Hardbops großen Eindruck auf ihn machten. Erste professionelle Erfahrungen sammelte er als Altsaxophonist Mitte der Fünfziger zunächst in lokalen Rhythm & Blues-Formationen, dann in den Bands von Bluesgrößen wie B.B. King, Howlin’ Wolf und Bobby Blue. 1956 zog er nach Los Angeles, um Musik zu studieren, und freundete sich dort in einer Epoche, als die Blaupausen für musikalische Freiheit neu entworfen wurden, mit den Free-Jazz-Pionieren Ornette Coleman, Don Cherry, Charlie Haden und Billy Higgins an. 1960 übernahm er als 22-Jähriger von Eric Dolphy die musikalische Leitung der angesagten Band des Schlagzeugers Chico Hamilton, in der er sich auch als ungemein origineller Komponist profilierte. Nach einer Zwischenstation im Sextett von Cannonball Adderley gründete Lloyd Mitte der 1960er sein bahnbrechendes Quartett mit Keith Jarrett, Jack DeJohnette und Cecil McBee, mit dem er 1967 als erster Jazzmusiker überhaupt im berühmten Fillmore in San Francisco auftrat und Popstar-Status erreichte. Von dem Album “Forest Flower” wurden  über eine Million Exemplare verkauft. Es folgten Zusammenarbeiten mit Rock- und Poplegenden wie The Doors, The Byrds und den Beach Boys. Außerdem teilte er die Bühne mit Jimi Hendrix, Janis Joplin, The Cream, The Grateful Dead und Jefferson Airplane. Auf der Höhe seiner Popularität zog sich Lloyd dann plötzlich, desillusioniert von den “Nebenwirkungen des Erfolgs”, aus der Öffentlichkeit in die bewaldeten Berge von Big Sur an der Küste Zentralkaliforniens zurück, um dort in der Abgeschiedenheit zu meditieren und Musik zu machen.
Rund zehn Jahre lang ließ Lloyd nur sehr sporadisch von sich hören. Dann gelang es 1982 dem jungen französischen Pianisten Michel Petrucciani, ihn zur Rückkehr zur Szene zu bewegen. Die Kollaboration brachte zwei Live-Alben hervor. Sein wahres Comeback startete der Saxophonist dennoch erst 1989, als er einen neuen, langfristigen Plattenvertrag mit dem Münchener Label ECM abschloss, für das er in den folgenden 25 Jahren etliche brillante Alben einspielen sollte. 2015 wechselte er dann zum Label Blue Note, für das er 1983 bereits das Live-Album “A Night In Copenhagen” mit Michel Petrucciani und Bobby McFerrin eingespielt hatte. Auf “Wild Man Dance”, seinem ersten Album für das neue Label, präsentierte sich Lloyd (wieder einmal live) mit einem völlig neu besetzten Quartett (mit Pianist Gerald Clayton, Bassist Joe Sanders und Schlagzeuger Gerald Cleaver) und zwei “exotischen” Gästen: dem griechische Lyra-Virtuosen Sokratis Sinopoulos und dem ungarischen Cimbalom-Spieler Miklós Lukács. Im selben Jahr wurde der Saxophonist vom National Endowment for the Arts (der einzigen staatlichen Kulturfördereinrichtung der USA) für sein Lebenswerk als NEA Jazz Masters ausgezeichnet. Für Furore sorgte der Saxophonist 2016 mit der gitarrenlastigen Band The Marvels und dem Album “I Long To See You”, auf dem Norah Jones und Willie Nelson gastierten. Auf “Passin’ Thru” feierte er ein Jahr später die Wiedervereinigung mit den Musikern seines 2007 gegründeten New Quartet: Pianist Jason Moran, Bassist Reuben Rogers und Schlagzeuger Eric Harland. Die beiden letzteren gehören auch zur Besetzung der Marvels, die nun mit Lucinda Williams als Gast ihr zweites Album “Vanished Gardens” eingespielt haben.
Mai 2018
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