Charles Lloyd | Biografie

Biografie

Am 15. März 2020 wird der Saxophonist Charles Lloyd seinen 82. Geburtstag feiern. Er ist dann genau in dem Alter, in dem sich sein Kollege Sonny Rollins (der am 7. September 90 wird) 2012 dazu gezwungen sah, sein Instrument wegen Atemwegsbeschwerden an den Nagel zu hängen. Obwohl Lloyd auf eine mehr als sechs Jahrzehnte umspannende professionelle Karriere zurückblicken kann, scheint er immer noch von einer fast jugendlich wirkenden Leidenschaft und Experimentierfreude befeuert zu sein. Seinen 80. Geburtstag hatte Lloyd am 15. März 2018 mit einem speziellen Konzert im Lobero Theater von Santa Barbara gefeiert, das in Audio und Video für das Album “8: Kindred Spirits — Live From The Lobero” festgehalten wurde. Das Lobero gilt als Kaliforniens ältestes, kontinuierlich betriebenes Theater und ist für Lloyd, der seit rund 30 Jahren im benachbarten Montecito zu Hause ist, zu einer Art zweitem Wohnzimmer geworden. Siebzehnmal war er dort zuvor schon aufgetreten. Bei einem der vielen Konzerte im Lobero entstand 2004 auch das hochgelobte Album “Sangam”, das von vielen Kritikern als “instant classic” gefeiert wurde. Einen ähnlichen Status dürfte nun auch"8: Kindred Spirits — Live From The Lobero" erlangen.

Charles Lloyd wurde am 15. März 1938 in Memphis, Tennessee, geboren, wo er in bescheidenen Verhältnissen aufwuchs. Schon früh entdeckte er die Musik als Ausdrucksform für sich und begann als Zehnjähriger Saxophon zu spielen. Die Grundlagen brachte er sich selbst bei, wobei die Heroen des ausklingenden Bebops und zeitgenössischen Hardbops großen Eindruck auf ihn machten. Erste professionelle Erfahrungen sammelte er als Altsaxophonist Mitte der Fünfziger zunächst in lokalen Rhythm & Blues-Formationen, dann in den Bands von Bluesgrößen wie B.B.King, Howlin’ Wolf und Bobby Blue. 1956 zog er nach Los Angeles, um Musik zu studieren, und befreundete sich dort in einer Epoche, als die Blaupausen für musikalische Freiheit neu entworfen wurden, mit den Free-Jazz-Pionieren Ornette Coleman, Don Cherry, Charlie Haden und Billy Higgins. 1960 übernahm er als 22-Jähriger von Eric Dolphy die musikalische Leitung der angesagten Band des Schlagzeugers Chico Hamilton, in der er sich auch als ungemein origineller Komponist profilierte.

Nach einer Zwischenstation im Sextett von Cannonball Adderley gründete Lloyd Mitte der 1960er sein bahnbrechendes Quartett mit Keith Jarrett, Jack DeJohnette und Cecil McBee, mit dem er 1967 als erster Jazzmusiker überhaupt im berühmten Fillmore in San Francisco auftrat und wie ein Popstar bejubelt wurde. Von dem Album “Forest Flower” wurden  über eine Million Exemplare verkauft. Es folgten Zusammenarbeiten mit Rock- und Poplegenden wie The Doors, The Byrds und den Beach Boys. Außerdem teilte er die Bühne mit Jimi Hendrix, Janis Joplin, The Cream, The Grateful Dead und Jefferson Airplane. Auf der Höhe seiner Popularität zog sich Lloyd dann plötzlich, desillusioniert von den “Nebenwirkungen des Erfolgs”, aus der Öffentlichkeit in die bewaldeten Berge von Big Sur an der Küste Zentralkaliforniens zurück, um dort in der Abgeschiedenheit zu meditieren und Musik zu machen.

Rund zehn Jahre lang ließ Lloyd nur sehr sporadisch von sich hören. Dann gelang es 1982 dem jungen französischen Pianisten Michel Petrucciani, ihn zur Rückkehr auf die Szene zu bewegen. Die Kollaboration brachte zwei Live-Alben hervor. Sein wahres Comeback startete der Saxophonist dennoch erst 1989, als er einen neuen, langfristigen Plattenvertrag mit dem Münchener Label ECM abschloss, für das er in den folgenden 25 Jahren etliche brillante Alben — darunter auch “Sangam” -  einspielen sollte. 2015 wechselte er zum Label Blue Note, für das er 1983 bereits das Live-Album “A Night In Copenhagen” mit Michel Petrucciani und Bobby McFerrin eingespielt hatte.

Auf “Wild Man Dance”, seinem ersten Album für Blue Note, präsentierte sich Lloyd (wieder einmal live) mit einem völlig neu besetzten Quartett (mit Pianist Gerald Clayton, Bassist Joe Sanders und Schlagzeuger Gerald Cleaver) und zwei “exotischen” Gästen (dem griechische Lyra-Virtuosen Sokratis Sinopoulos und dem ungarischen Cimbalom-Spieler Miklós Lukács). Im selben Jahr wurde der Saxophonist vom National Endowment for the Arts (der einzigen staatlichen Kulturfördereinrichtung der USA) für sein Lebenswerk als NEA Jazz Masters ausgezeichnet. Für Furore sorgte Lloyd 2016 mit der gitarrenlastigen Band The Marvels und dem Album “I Long To See You”, auf dem Norah Jones und Willie Nelson gastierten. Auf “Passin’ Thru” feierte er ein Jahr später die Wiedervereinigung mit den Musikern seines 2007 gegründeten New Quartet: Pianist Jason Moran, Bassist Reuben Rogers und Schlagzeuger Eric Harland. Die beiden letzteren gehörten neben den Gitarristen Bill Frisell und Greg Leisz auch zur Besetzung von The Marvels. Diese Band wiederum brachte 2018, diesmal verstärkt durch die großartige Sängerin und Songschreiberin Lucinda Williams, mit  “Vanished Gardens” ihr zweites Album heraus.

Auf “8: Kindred Spirits — Live From The Lobero” , das im Februar 2020 erscheint, ist Lloyd — wie der Titel schon nahelegt — von musikalischen Seelenverwandten umgeben. Gerald Clayton, Reuben Rogers und Eric Harland kennt man natürlich schon von früheren Einspielungen des Saxophonisten. Mit dem Gitarristen Julian Lage hatte Lloyd das erste Mal vor zwanzig Jahren zusammengespielt, als dieser gerade einmal zwölf Jahre alt war. Als Gäste gesellten sich außerdem zwei Musiker dazu, mit denen Lloyd nie zuvor gearbeitet hatte: Organist Booker T. Jones (der wie Charles aus Memphis stammt) und Bassist Don Was (der heute bekanntlich auch der Präsident von Blue Note ist). Das schillernde Programm reichte von Lloyd-Klassikern (darunter der Ohrwurm “Forest Flower”, den der Saxophonist nur äußerst selten spielt) über Hits von Booker T. & The MGs und Billy Preston bis hin zu einem eigens für das Geburtstags"kind" komponierten “Song For Charles”. Der beinahe dreistündige Auftritt, so konnte man später in einer DownBeat-Kritik von Josef Woodard lesen, erinnerte die Konzertbesucher einmal mehr daran, “dass eine von Lloyds größten Tugenden in jeder Phase seiner Karriere seine Fähigkeit ist, durch sein Instrument zu ‘singen’.”
 
Stand: Januar 2020
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