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Einer der prägendsten Pianisten des 20. Jahrhunderts – Erstmals Gesamtedition von Wilhelm Backhaus erschienen

Wilhelm Backhaus
© Decca
13.02.2020
Rein äußerlich war Wilhelm Backhaus ein diskreter Mensch, der um sein pianistisches Genie kein großes Aufheben machte. Wenn er sich jedoch herausgefordert fühlte, dann behauptete er sich ohne Wenn und Aber, mit viel Witz und Charme. Die Frage seines Plattenproduzenten, wie es denn gewesen sei, Brahms persönlich kennenzulernen, und ob er ihm auch etwas vorgespielt habe, beantwortete der schlagfertige Pianist mit den Worten: “Nein … aber das war zu seinem Nachteil.”
Backhaus wusste um seine ungewöhnlichen Fähigkeiten. Der Pianist war im Alter von sechs Jahren in das hochangesehene Leipziger Konservatorium eingetreten. Der persönliche Umgang mit großen Gestalten der ausgehenden romantischen Epoche war für den hochbegabten Musiker, der Edvard Grieg vorgespielt hatte und bei dem Liszt-Schüler Eugen d’Albert studierte, eine Selbstverständlichkeit. Seine professionelle Bühnenlaufbahn hatte Backhaus bereits im Alter von sechzehn Jahren gestartet. Es sollte eine große und ungewöhnlich lange Karriere werden. Sie währte fast 70 Jahre. 1969 endete sie, fast zeitgleich mit dem Tod des pianistischen Weltstars, der bis zuletzt mit der ganzen Kraft seiner imposanten Virtuosität auf der Bühne zu erleben war. 

Natürlichkeit und Menschlichkeit

Rätsel hat Wilhelm Backhaus der Nachwelt durch seine Sympathiebekundungen für den Nationalsozialismus aufgegeben. Dazu heißt es in einem 2019 aus Anlass seines 50. Todestags ausgestrahlten Radiofeature des Deutschlandfunks: Ob die Nazis “den so integer wirkenden ‘Meister Backhaus’ als Werbeträger gezielt ausgesucht haben oder ob er ihnen ‘freiwillig’ aus Naivität oder Opportunismus ins Netz gegangen ist, lässt sich rückblickend nicht eindeutig klären”. Tatsache ist, dass ihm sein Publikum den Irrtum verzieh. Sein Ruf als ehrlicher, warmherziger Künstler litt keinen Schaden. Der österreichische Pianist Jörg Demus nannte “Natürlichkeit und Menschlichkeit” als die Hauptkennzeichen des Klavierspiels von Wilhelm Backhaus. “Niemand spielt rein physisch so harmonisch und abgerundet wie er”, so Demus. Dabei vermied Backhaus jeden sentimentalen Überschwang, was seine Aufnahmen bis heute frappierend modern erscheinen lässt.

Lang ersehnte Edition

Wilhelm Backhaus hat eine der faszinierendsten Diskografien des 20. Jahrhunderts hinterlassen. Bislang waren die meisten Aufnahmen des großen Pianisten indes nur verstreut greifbar. Umso erfreulicher ist es, dass jetzt endlich die lang ersehnte Gesamtedition von Decca auf dem Markt ist. Die große Edition versammelt sämtliche Aufnahmen, die Backhaus für das britische Label getätigt hat. 38 Alben sind zusammengekommen, ein überwältigender Fundus herausragender Klaviermusik. Neu gemastert, in beeindruckend hoher Klangqualität, reicht das Repertoire von Bach über Haydn, Mozart und Beethoven bis hin zu Romantikern wie Schumann, Brahms oder Liszt. Dieses wird sowohl in der physischen Box als auch — nach und nach — in digitalen Alben zum Streaming und Download zur Verfügung stehen.
Das Hauptaugenmerk der vorliegenden Ausgabe liegt dabei auf Beethoven. Backhaus verehrte den Wiener Klassiker wie niemanden sonst und setzte ihm mit seinen beiden Gesamteinspielungen der Klaviersonaten ein pianistisches Denkmal. Beide Beethoven-Zyklen finden sich in der noblen Edition, die zwar verspätet, dafür aber wie durch eine glückliche Fügung passend zum Beethoven-Jahr 2020 erscheint. Nicht minder attraktiv sind die Brahms-Aufnahmen. Backhaus verlieh dem schwerblütigen Romantiker eine ungeheure Strahlkraft und Tiefe. Seine Aufnahmen der beiden Klavierkonzerte mit den Wiener Philharmonikern, einmal mit Karl Böhm (Nr. 1) und einmal mit Carl Schuricht (Nr. 2), genießen Kultstatus.
Als besondere Kostbarkeit der Ausgabe darf schließlich das letzte Recital des Pianisten mit Mozart und Beethoven, Schubert und Schumann im Gepäck gelten. Das Konzert fand 1969, zwei Wochen vor dem Tod von Wilhelm Backhaus in Ossiach/Kärnten statt. Es wird neben dem früheren, mono aufgezeichneten Zyklus von Beethovens Klaviersonaten in dieser Edition aufgeführt und bezeugt in ergreifender Weise die ungeschmälerte Präsenz und Ausdruckskraft des 85-jährigen Tastenmagiers.   

Repräsentant des Schallplattenzeitalters

Wilhelm Backhaus gilt heute als einer der wichtigsten Repräsentanten des Schallplattenzeitalters. Er wusste die Chancen der neuen Technik glänzend zu nutzen. Von 1908 bis 1948 nahm er für das Label HMV (His Master’s Voice) auf, bevor er Anfang der 1950er Jahre bei Decca unterzeichnete, wo er bis zu seinem Tode blieb. Die Details seiner Aufnahmekarriere sind in dem fesselnden Booklet-Essay von Jonathan Summers nachzulesen. Summers ist Kurator für Klassische Musik an der British Library in London. Er hat sich intensiv mit der Biographie von Wilhelm Backhaus befasst. Seine geschickt zwischen unterhaltsamen Anekdoten und wichtigen Informationen pendelnden Ausführungen lassen das Bild einer großen Künstlerpersönlichkeit vor dem Auge des Betrachters erstehen. 

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