Greta Van Fleet | Biografie

From The Fires, 2017

Das kleine Städtchen Frankenmuth im US–Bundesstaat Michigan – auch bekannt als Michigan’s Little Bavaria – ist ein malerischer Ort. Landschaftlich wunderschön gelegen. Bekannt für fränkisch-inspirierte Architektur. Auch für knusprig-opulente Chicken-Gerichte, bei denen einem das Wasser im Mund zusammenläuft. Für die besten Indoor-Wasserparks. Für kulinarische Bootstouren, mit bestem Wein, bester Schokolade. Den größten Weihnachts-Shop der Welt.
Und neuerdings ist dieser Ort auch bekannt als Brutstätte von einer der spannendsten Newcomer-Rock’n‘Roll-Bands der jüngeren Geschichte. Greta Van Fleet – der Name ist von einer Dame aus dem Ältestenkreis der Gemeinde entliehen – ist ein Quartett, das sich druckvollen Rock auf die Fahne geschrieben hat. Es sind Jungs, deren Ambitionen, deren Sound, deren Errungenschaften locker über das Alter der vier Mitglieder hinwegtäuschen können, schließlich waren sie im November 2016 zum Teil noch nicht mal alt genug, um zur Wahl zu gehen.
Auf ihrer Debüt-EPBlack Smoke Rising” gelingt ihnen ein echter Balanceakt: einerseits schauen sie nach vorn, kreieren etwas vollkommen Eigenes, andererseits wirkt ihr Sound unglaublich zeitlos. Einerseits denkt man, viele ganz ähnliche Sachen schon irgendwo gehört zu haben, und dann wieder: doch nicht, ganz anders. Die drei Kiszka-Brüder – die Zwillinge Josh (Gesang) und Jake (Gitarre), sowie ihr jüngerer Bruder Sam (Bass, Keyboards) – haben zusammen mit Schlagzeuger Danny Wagner ihre verschiedenen Einflüsse und Hintergründe zu einem Rock’N’Roll-Sound verschnürt, in dem gelegentlich auch Metal, Pop, Blues oder Grunge aufflackern. Jahrelanger Feinschliff steckt in diesem Sound. Jahre, in denen sie vor allem viel Spaß zusammen hatten.
“Unser Vater hat uns schon Blues- und R’n’B–Sachen und Soul-Klassiker vorgespielt, als wir noch nicht mal auf der Welt waren. Das ganze gute Zeug kam von ihm”, meint Sam. Kein Wunder: Der Vater war selbst Musiker; Gitarre und Mundharmonika waren seine Instrumente. “Und unsere Eltern hatten eine riesige Vinylsammlung im Haus”, erinnert sich Josh. “Wir haben uns also viele von diesen ganzen Platten angehört und damit herumgespielt: Ich weiß noch, wie wir sie aufgelegt haben und dann immer das Tempo hoch- oder heruntergepitcht haben. Besonders gut fand ich die Blues-, Soul- und Funk-Sachen… Wilson Pickett war so ein Name, und Joe Cocker war auch wichtig. Solche Sachen eben.”
Die musikalische (Früh-)Erziehung der Kiszka-Kids fand z.B. auch während der winterlichen Ski-Abstecher nach Yankee Springs statt (ein State Park von Michigan), wo Jahr für Jahr diverse Familienmitglieder und Freunde mit ihren Instrumenten zusammenkamen. Irgendwer machte bei derartigen Treffen eigentlich immer Musik, und Josh, Jake und Sam saugten alles in sich auf. “Das war jedes Jahr sogar noch besser als Weihnachten”, meint Josh. “Ob nun abends oder tagsüber – irgendwer machte eigentlich immer Musik; alle kamen zusammen und experimentierten mit Sounds, hatten Spaß und spielten einfach zusammen.” Für Jake war es “einfach der Hammer”, wie er sagt, “dieses surreale Bild zu sehen: diese ganzen Leute aus ganz unterschiedlichen Ecken, und dass die Musik es war, die sie letztlich dort zusammenbrachte. Das hat mich echt umgehauen.”
Jake war es letztlich auch, der diese frühen Erfahrungen und Inspirationen in Greta Van Fleet überführte; eine zentrale Rolle spielten dabei auch Cream, The Yardbirds, The Who und die ganzen anderen großen UK–Bands der Sechziger, die in den Staaten von der Presse jener Tage gerne unter dem Schlagwort “British Invasion” zusammengefasst wurden. “Wir fanden das großartig, wie diese englischen Bands damals den Blues für sich neu interpretiert haben – und nun wollten wir ihn abermals neu interpretieren. So à la: Wie würde das wohl klingen, wenn eine amerikanische Band sich wiederum auf die Neuinterpretationen der Briten bezieht und dazu ein Update abliefert?”, so der Gitarrist. “Irgendetwas an dieser Idee fand ich so gut, dass wir sie einfach umsetzen mussten.”
Nach und nach versammelte Jake seine Brüder um sich und formierte so die Band. Sam stieß dazu, nachdem Jake im Haus der Familie mit einem befreundeten Schlagzeuger eine Jam-Session veranstaltet hatte. “Mir war sofort klar, dass ich als Bassist bei ihnen einsteigen musste”, meint Sam rückblickend. “Schließlich darf man nicht vergessen”, holt er aus uns muss selbst lachen, “dass meine Mutter immer gesagt hat, dass ich wie ein Bassist aussehe.” Josh hingegen hatte sich zuvor intensiv mit Theater, Film und Malerei befasst. Und gerade die schauspielerischen Erfahrungen sorgten für die nötige Lässigkeit auf der Bühne – ganz zu schweigen von einer Stimme, aufgrund der er einfach prädestiniert war als Sänger von Greta Van Fleet. “Also das war nichts, das ich mir jetzt großartig vorgenommen habe oder so. Es fühlte sich vollkommen natürlich und einfach richtig an”, sagt er rückblickend.
Danny Wagner, mit dem Sam schon seit dem Kindergarten befreundet war, vervollständigte das Bandgefüge; allerdings wurde er erst ein Jahr später festes Mitglied, nachdem er schon in der Zeit davor regelmäßig an Proben und Jam-Sessions im Elternhaus der drei Geschwister teilgenommen hatte. “Wir alle haben einen ziemlich ähnlichen Musikgeschmack, und das macht es einfacher für uns”, meint Wagner. “Doch andererseits gibt’s da dann doch wieder Nuancen, kleine Unterschiede, was unsere Vorlieben angeht – und genau daraus resultiert dann unser Sound. Er hat so etwas Klassisches, hat viel Soul, viel Energie. Das zeichnet ihn wohl in erster Linie aus.”
Eine bessere Beschreibung für jene vier Songs, die auf ihrer ersten EP zu hören sind, wird man kaum finden; aufgenommen haben sie die Songs übrigens in den Rust Belt Studios am Rand von Detroit, wobei ihnen Al Sutton (Kid Rock, Hank Williams Jr.) und Marlon Young (selbst Mitglied von Kid Rocks Twisted Brown Trucker Band) als Produzenten zur Seite standen. Schon diese wenigen Songs zeigen etliche Facetten ihres Sounds, denn sie decken alles vom Straßenstaub aufwirbelnden “Highway Tune” über den “Safari Song” bis hin zu “Black Smoke Rising” ab, wo sie wieder ganz anders ihre musikalischen Muskeln spielen lassen. Auf “Flower Power” hingegen beziehen Greta Van Fleet sogar Folk- und Psychedelic-Elemente mit ein. “No limits! Keine Grenzen, keine Schubladen!”, ruft Jake. “So war’s schließlich, als wir klein waren – und so ist es jetzt immer noch, wenn wir unsere eigenen Songs schreiben.”
Was man stellenweise auch raushören kann in diesen ersten Songs, ist ein Gefühl von Gemeinschaft, so ein Beigeschmack von “kleine, eingeschweißte Community”: “Ja, ich glaube, dass man das sogar ganz deutlich raushört”, meint Josh darauf. “Das ist so etwas Schlichtes, Romantisches. Das hat mit Americana-Einflüssen zu tun, mit Tom Sawyer oder Huckleberry Finn, die außerhalb der Stadt, irgendwo auf dem Land aufgewachsen sind.”
Die beste Nachricht ist natürlich die, dass da schon bald noch mehr kommen wird: Seit rund zwei Jahren schon geht die Band immer wieder ins Studio – rund 20 Tracks sind so bereits entstanden und es werden täglich mehr. “Wir schreiben schließlich schon, seit Josh und ich 16 waren. Sam und Danny waren damals 13″, erklärt Jake. ”Wir haben so viele Stücke, an denen wir parallel arbeiten, das ist echt der Hammer. Wir wollen einfach noch besser werden, uns weiterentwickeln, das ist uns echt wichtig.“ Genauso wichtig sind ihnen die Live-Shows, mit denen Greta Van Fleet schon so manches Publikum umgehauen haben – denn tatsächlich klingen sie gerade live eher wie eine Band, die schon ein paar Jahrzehnte zusammen spielt, nicht erst ein paar Jährchen. Diese Show werden sie nun erst in allen Teilen der Staaten präsentieren, um die Songs der EP dann auch in anderen Ecken der Welt auf die Bühne zu bringen: Sie wollen zeigen, wie verdammt groß so eine Band doch klingen kann, auch wenn sie aus dem kleinsten Kaff kommt.
”Das alles ging so wahnsinnig schnell. Ist echt aufregend und überwältigend und einfach supercool“, sagt Wagner abschließend. ”All diese Dinge, die passiert sind: Plattenvertrag, Management-Deal, Booking-Agentur (William Morris)… so langsam baut sich da etwas auf und uns packt dieses Fieber: Uns juckt es echt in den Fingern, endlich den Leuten zu zeigen, wer wir sind und was wir draufhaben."
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