Wie fasst man das Werk von
John Coltrane zusammen? Eigentlich gar nicht. Zu groß ist die Spannweite zwischen Ballade und Ekstase, zwischen Blues, harmonischer Forschung, modaler Freiheit und jener spirituellen Suche, die insbesondere sein späteres Werk bestimmte. Und zu folgenreich war sein Weg: Coltrane, geboren am 23. September 1926, gehört zu jener kleinen Gruppe von Musikern, nach denen der Jazz ein anderer war als zuvor.
Hundert Jahre nach seiner Geburt ist seine Bedeutung deshalb keineswegs nur historischer Natur. Coltranes melodische und harmonische Sprache gehört weiterhin zum Vokabular von Generationen von Jazzmusikern; seine Intensität und sein Wille zur Grenzüberschreitung reichen weit über das Genre hinaus. Gerade die Impulse!-Jahre zeigen dabei einen Musiker in permanenter Bewegung , vom souveränen Balladenspiel bis zu einer Musik, die Improvisation als spirituelle Erfahrung begreift.
Kann man Coltrane Werk auf zwei LPs einfangen?
Schon die Auswahl macht die erstaunliche Spannweite deutlich. „In a Sentimental Mood“ führt Coltrane im intimen Dialog mit Duke Ellington vor, „My One and Only Love“ an der Seite des Sängers Johnny Hartman. „Bessie’s Blues“ und „Crescent“ zeigen ihn mit McCoy Tyner, Jimmy Garrison und Elvin Jones, während das in Birdland aufgenommene „Afro Blue“ die Energie dieser Besetzung in voller Entfaltung dokumentiert.
Dazu kommen „Alabama“, „Impressions“ und eine mehr als 17-minütige Live-Version von „My Favorite Things“, aufgenommen 1963 beim Newport Jazz Festival. Im Zentrum steht zwangsläufig „A Love Supreme: Part 1 – Acknowledgement“ – der Beginn jenes Werks, in dem Coltranes musikalische Forschung und seine persönliche Spiritualität zu einer bis heute überwältigenden Einheit finden.
Musik als Suche
„For Coltrane, music seemed less about performance and more about prayer“, schreibt Moore. Der Satz bringt auf den Punkt, was diese Aufnahmen von bloßer Virtuosität unterscheidet: Coltrane suchte mit seinem Instrument nicht allein nach neuen musikalischen Möglichkeiten, sondern nach einer Form des Ausdrucks, in der Technik, Gefühl und Spiritualität kaum mehr voneinander zu trennen waren.
Einstieg in ein Werk ohne Grenzen
Eine Compilation kann all das zwangsläufig nur ausschnitthaft wiedergeben. „Essential John Coltrane“ behauptet deshalb nicht, den ganzen Coltrane auf vier Plattenseiten bannen zu können. Die LP funktioniert vielmehr als Werkschau seiner großen Momente und als Einladung, von diesen Aufnahmen aus weiterzuhören.