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Der Beethovenzyklus von Hermann Scherchen

Hermann Scherchen - Beethoven Symphonies 1-9, Overtures
© DG
23.04.2020
"Dirigieren heißt: das innen vollkommen Gehörte gleichvollendet in der Materie hörbar zu machen. Dazu gehörte nicht nur die Kenntnis des Werkes sondern auch das Wissen um das riesige Ausmaß an gestalterischen und klanglichen Möglichkeiten, die ihm die einzelnen Instrumente seines Orchesters bieten." Für Hermann Scherchen war es unabdingbar, dass seine Dirigentenschüler ein Streichinstrument soweit beherrschten, dass sie in einem Orchester mitspielen konnten. Er empfahl ihnen zugleich, ein Blasinstrument zu lernen und auch in der Schlagzeuggruppe zu hospitieren. Nicht minder wichtig sei für den Schüler das Mitwirken im Chorgesang. Lebendige Musik, so Scherchen, wandele sich immer zu “gesungener” Musik. In seinem berühmten 1929 in Leipzig erschienenen “Lehrbuch des Dirigierens” schrieb Scherchen: “Vollkommenes inneres Singen sollte das Vorstellen des Dirigenten sein. Lebt so in ihm das Werk, in originalem Leuchten, ohne Trübung durch die darstellende Materie, dann ist er würdig der Magie des Dirigierens.”

"Mit zwanzig bin ich Dirigent!"

Als Sohn eines Berliner Gastwirts am 21. Juni 1891 in Berlin geboren fand er in seiner Jugend nicht gerade ideale Bedingungen für seine musikalische Ausbildung. Dennoch begann er mit sechs Jahren Violine zu lernen, wechselte später zur Bratsche. Mit zwölf kannte er bereits sämtliche Streichquartette Joseph Haydns. Mit Fünfzehn verließ er die Schule und verdiente als Stehgeiger und bei Aushilfen in verschiedenen Berliner Orchestern, darunter die Berliner Philharmoniker, sein Geld. “Mit zwanzig Jahren”, so schrieb er einem Schulaufsatz, “werde ich das Philharmonische Orchester leiten und Berliner Dirigent sein.”
Den entscheidenden Schub für seine Dirigentenkarriere brachte die Begegnung mit Arnold Schönberg, der 1912 in Berlin sein Melodram “Pierre Lunaire” zur Uraufführung brachte. Hermann Scherchen war bei den Proben dabei und sprang bei Schönbergs Abwesenheit für ihn ein. Bei der nachfolgenden Tournee debütierte er als junger Dirigent mit beachtlichem Erfolg. Wenig später dirigierte er die Berliner Erstaufführung von Schönbergs Kammersymphonie op. 9, wenngleich der Scherchens Tempo-Auffassungen scharf kritisierte hatte. Wie kaum ein anderer Dirigent jedoch beeinflusste Hermann Scherchen die Entwicklung der neuen Musik. Er dirigierte mehr als 50 Uraufführungen von teils sehr jungen Komponisten.

Kompletter Symphoniezyklus in Mono in bemerkenswerter Klangqualität

In den Jahren 1951 bis 1954 nahm Hermann Scherchen für das Label “Westminster” einen Beethovenzyklus auf. Für die Veröffentlichung der hier vorliegenden Box griff die Deutsche Grammophon auf die Originalbänder aus dem “Westminster”-Archiv zurück, die nach höchsten Standards geremastert wurden. Das Ergebnis der Bearbeitung dieser Tondokumente ist so überraschend wie begeisternd. Da ist zum Einen der packende, nur dem Werk verpflichtete Ansatz Hermann Scherchens – wenn man bedenkt, in welch weiter Ferne damals etwa die inzwischen vorliegende maßstabsetzende Urtext-Ausgabe mit neuesten Ergebnissen der Beethovenforschung lag!  Schon damals orientierte sich Scherchen an den vom Komponisten angegebenen Tempi — eine für jene Zeit völlig ungewöhnliche Praxis. Scherchen jedoch, dem der Notentext des Komponisten als Gesetz galt, war zugleich völlig überzeugt davon, dass ein Dirigent erst dann mit der Arbeit mit einem Orchester beginnen sollte, wenn jeder Aspekt einer Partitur vollständig auswendig gelernt worden war und aus dem Gedächtnis einstudiert werden konnte. Seine ausufernden, hartnäckig und unnachgiebig geführten Proben waren berüchtigt. Die Resultate allein gaben ihm Recht.
Der Umstand, dass die Aufnahmen damals noch in Mono gemacht wurden, tritt als Kriterium vollkommen in den Hintergrund. Man mag bei diesem Klang kaum glauben, dass sie vor beinahe 70 Jahren entstanden. Das kommt natürlich nicht von ungefähr. Als seinerzeit prägender Produzent des “Westminster”-Labels hatte sich Kurt List mit seinem enorm breitgefächerten Aufnahmekatalog einen Namen gemacht — in dem detailversessenen Dirigenten fand er seinen Meister. “Bei Scherchen ist das Ergebnis nie langweilig und lässt Sie auch nicht gleichgültig.” Wohl wahr!
Fünf der neun Sinfonien, darunter die “Eroica”, die “Pastorale” und die “Neunte”, sowie etliche Ouvertüren, wie etwa die drei “Leonoren”-Ouvertüren erscheinen zudem erstmals auf CD sowie zum Download und Streaming, jeweils mit Originalcovern, einem neuem Begleittext von Marco Frei und seltenen Fotos des Dirigenten. Abgerundet wird diese Veröffentlichung mit einer Bonus-CD, einem Stereo-Remake der Symphonien No. 3 “Eroica” & No. 6 “Pastoral”) bei denen Hermann Scherchen das Orchester der Wiener Staatsoper dirigierte. Die gesamte Edition ist vorab zum Download und Streaming erhältlich.
"Der Dirigent muß in seiner Vorstellung das Kunstwerk ebenso vollkommen hören, wie es seinem Schöpfer erklang" – diese Box lädt den Hörer aufs Schönste ein, ihm dabei zu folgen.

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