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Milky Chance 2017
01.03.2017

Milky Chance, “Blossom”, 2017

Nach weltweiten Erfolgen mit dem Debüt Sadnecessary kehrt die Kassler Band Milky Chance in diesen Tagen mit einem neuen Album zurück. Blossom erweitert den Milky-Chance-Sound behutsam und präsentiert eine Band auf dem Gipfel ihrer Schaffenskraft.
Beginnen wir mit der guten alten Feuerzangenbowlen-Frage: Wie war noch mal genau damals? Oberstufe, kurz vorm Abitur. Schon klar, wir waren alle tolle Hechte, keine Frage. Aber mal ehrlich: Die ganzen Heldengeschichten abgezogen, lief es an der Jacob-Grimm-Schule zu Kassel vermutlich so ähnlich wie bei den meisten von uns. Die Streber haben fürs Abi gepaukt, die Träumer schmachteten der Schulschönheit hinterher, abends soff man sich das Konzert der lokalen Schülerband schön. Man bereitete sich halt irgendwie aufs Leben vor.
Allerdings gab es an der Jacob Grimm einen entscheidenden Unterschied. Denn während die meisten Schülerbands es nicht mal in die nächste größere Stadt schaffen, wurden Clemens Rehbein und Philipp Dausch: internationale Popstars. Richtig gelesen. Die Schulfreunde haben ebendort, an der Jacob-Grimm-Schule – einem engagierten Oberstufengymnasium im nordhessischen Kassel – scheinbar nebenbei ein globales Hitalbum geschrieben und produziert. Abitur haben sie übrigens trotzdem gemacht.
Noch mal kurz auf der Zunge zergehen lassen, wir sind hier immer noch in Deutschland. Während die Älteren noch von Nena und den Scorpions schwärmten und beim Gedenken an Falco feuchte Augen bekamen, gelang zwei Abiturienten aus der westdeutschen Halbprovinz mit scheinbar spielerischer Leichtigkeit also genau das, woran ganze Generationen deutscher Popschaffender verzweifelt sind: Internationale Relevanz, Erfolg in den USA, ausverkaufte Tourneen – das ganze Programm. Was also war da bitteschön los?
Um diese Frage zu beantworten, müssen wir ein bisschen weiter ausholen. Nach der Mittelstufe wechseln die zuvor nicht miteinander bekannten Clemens Rehbein und Philipp Dausch auf die besagte Jacob-Grimm-Schule und belegen dort einen Leistungskurs mit musikalischem Schwerpunkt. In den folgenden Monaten spielen Dausch und Rehbein gemeinsam in einer Band und kaufen mit weiteren Freunden einen Bus, mit dem sie durch ganz Europa touren und Straßenmusik machen. Vor allem aber treffen sie sich an den Nachmittagen nach der Schule in Dauschs Wohnung, um einige der Songs aufzunehmen, die Rehbein seit einer Weile schreibt.
Einen dieser Songs laden sie im Abiturjahr 2012 bei YouTube hoch, wo er sich zu einem Grower entwickelt und schließlich mehrere hunderttausend Clicks generiert. Milky Chance, wie sich Rehbein und Dausch inzwischen nennen, gründen eine Plattenfirma, schmeißen im Freundeskreis Geld zusammen, machen Schulden – und veröffentlichten am 31. Mai 2013 ihr Debütalbum “Sadnecessary”. Zunächst passiert wenig. Es hätte jetzt immer noch bei einer charmanten Underground-Selbstverwirklichungsaktion einer Gruppe Kassler Abiturienten bleiben können.
Bleibt es aber nicht. Im hinteren Teil des Albums ist dieser eine Song versteckt, der anderen im Verlauf ihrer ganzen Karriere nicht gelingt: “Stolen Dance” ist eine spielerische Folkpop-Meditation, getragen von sanft pluckernden Beats. Es geht um die Vergänglichkeit der Dinge und um Liebeskummer. Der Song hat einen ganz besonders swingenden, sanften Groove und wird dominiert von der Sehnsucht und Weite imaginierenden Stimme Clemens Rehbeins – der Milky-Chance-Sound. Und dieser Song, die erste Single, entwickelt parallel zum Album-VÖ ein Eigenleben. Der Platz reicht nicht, um die nahezu unglaubliche Summe von Rekorden aufzuzählen, die Milky Chance mit “Stolen Dance” aufreihen. Unter anderem wird der Song bis heute über 300 Millionen Mal bei YouTube angeklickt, platziert sich in den Charts beinahe sämtlicher Pop-Länder, verkauft sich alleine in den USA zwei Millionen Mal, insgesamt werden sogar beinahe vier Millionen Singles abgesetzt.
Das alles passiert wohlgemerkt immer noch komplett selbstorganisiert. Ohne großen Konzern im Hintergrund wird aus dem Do-it-Yourself-Projekt zweier Kassler Abiturienten ein globales Pop-Phänomen. Monatelang touren Rehbein und Dausch durch die USA, sie spielen in der legendären Freilichtbühne Red Rocks, sind bei Late-Night-Talker Jimmy Kimmel zu Gast, werden daheim mit einem “Echo” ausgezeichnet, touren durch die halbe Welt, das Album “Sadnecessary” und die Folgesingles “Down By The River” und “Flashed Junk Mind” werden mit Gold ausgezeichnet und Stars wie Jessica Alba und Miley Cyrus bekennen sich öffentlich als Fans.
Im Oktober 2016 kommen die Freunde endlich zur Ruhe. Kassel, zwei Monate Zeit, Familie, Freunde, konstanter Alltag, und natürlich die Frage: was ist da überhaupt passiert? Rehbein und Dausch sind zu diesem Zeitpunkt immer noch gerade erst Anfang 20. Aber sie haben Blut geleckt und etwas anderes als Musik wollten sie ohnehin nie machen. Also musste langsam der nächste Schritt kommen. Mund abwischen, weitermachen. Nicht zuletzt, weil man dieser Band Unrecht täte, reduzierte man sie auf “Stolen Dance”.
Damit rückt der der Klassiker in den Mittelpunkt, ein ewiges Klischee der Popmusik, das aber im Gegensatz zu vielen anderen auch stimmt: Fürs erste Album hat man das ganze Leben Zeit, fürs zweite maximal ein Jahr. Auf altes Material zurückgreifen konnten sie nicht. Es gab ein paar Sachen und Ideen, die während der drei verrückten Superstarjahre entstanden sind, im Wesentlichen wurde das neue und zweite Milky Chance Album “Blossom” aber from scratch entwickelt.
Die Methodik, mit der Rehbein und Dausch dabei vorgingen, blieb im Prinzip die gewohnte: Clemens schreibt die Lieder, zeigt sie Philipp, der bastelt ein paar Beats, überlegt sich Sounds und Samples, dann werden sie Sachen gemeinsam weiterentwickelt. “Als wir die ersten Demos gemacht haben, war unsere Vision, bei unserem bewährten Stil zu bleiben, aber ein bisschen handgemachter an die ganze Sache ranzugehen”, sagt Dausch. Was bedeutet: Mehr eigene Samples, mehr “echte Instrumente”, mehr Raum. Der Husarenstreich “Sadnecessary” verdankte sich der Liberalisierung der Produktionsmittel durch das Internet und den gewachsenen technischen Möglichkeiten. Sie brauchten nicht viel mehr als ein MacBook, eine Gitarre, einen Internetanschluss.
Das war jetzt anders: Nachdem sie seit Februar 2016 daheim bei Dausch Demos von insgesamt zwölf Songs produziert hatten, trafen sie im April des gleichen Jahres den Produzenten Tobias Kuhn. Kuhn hat mit seinen eigenen Projekten Monta und der Band Miles deutsche Indie-Geschichte geschrieben, durchaus aus einem ähnlichen DIY–Geist wie Milky Chance, jedoch als Produzent auch Erfolge im Pop-Bereich erzielt. Kuhn kennt also beide Seiten, er war der ideale Mann für “Blossom”.
“Man hat ja dieses Klischee im Kopf, dass der Produzent kommt und sagt: ‚Dieser Part hier funktioniert nicht, den nehmen wir raus, stattdessen macht ihr das bitte so und so‘”, sagt Philipp Dausch. “So war es mit Tobi aber gar nicht. Er ist ein sehr sensibler Typ, der sich auch mit uns als Menschen beschäftigt hat und feine Antennen dafür hatte, was uns wichtig ist und was nicht.” Es handelt sich hier um eine Premiere: Milky Chance hatten stets alles alleine gemacht. Nun auch an diesem wichtigen Punkt Verantwortung abzugeben, durchaus auch inhaltlich, mussten sie erst lernen.
Die Paarung Kuhn/Milky Chance erwies sich indes als eine gute. Zumal die Marschrichtung schnell feststand: “Im Prinzip bestand die Aufgabe darin, den grundsätzlichen Vibe der ersten Platte schonend auf ein breiteres Fahrwerk zu übertragen”, sagt Rehbein. “Eigentlich kommen wir vom Musikmachen mit Instrumenten, davon steckt in diesem Album ein bisschen mehr”, ergänzt Rehbein. Nach wie vor treten Milky Chance in einer Dreierbesetzung auf, der außer Rehbein und Dausch noch der Gitarrist Antonio Greger angehört. Und diese Komponente, die Aufführbarkeit im Live-Kontext, wurde nun eben von Anfang an konsequent mitgedacht.
So entstand ein Album, das den Milky-Chance-Sound unter Berücksichtigung des grundsätzlichen Spirits dieser Musik behutsam erweitert. In der “Kannibalenstadt” Rothenburg haben sich Milky Chance das ganze Jahr über immer wieder mit Tobias Kuhn in den dortigen Toolhouse-Studios getroffen. Zwischendurch spielten sie einzelne Konzerte auf Festivals, testeten erste Songs vor Publikum, übertrugen den Geist dieser Auftritte ins Studio. Es entwickelte sich eine insgesamt organischere Herangehensweise als beim ersten Mal. Milky Chance verließen sich auf ihr Bauchgefühl, ließen Dinge und Ideen passieren. “Es gab nicht den einen konzeptuellen Rahmen für ‚Blossom‘, wir haben uns dem Album Song für Song angenähert” sagt Rehbein. “Wir haben darauf vertraut, dass das Ganze am Ende rund wird. Weil das ja alles wir sind und die Songs in einer bestimmten Phase entstanden sind.”
Hat geklappt! “Blossom” ist unverkennbar Milky Chance, nur eben in einer Advanced-Version. “Ego” etwa beginnt mit einem extrem smoothen, relaxt hüpfenden Eighties-Keyboard, findet dann aber gleich in einen typischen Dausch-Groove. Denn das ist ja das Besondere an dieser Band: dass sie von Anfang an einen eigenen Sound hatte. Dieses entspannt swingende Wellness-Element, gepaart mit der straßenweisen, angekratzten Stimme von Clemens Rehbein durchdringt auch den Song “Blossom” mit jeder Note: Musik, die den Himmel nicht als Grenze akzeptiert und gleichzeitig ganz bei sich ist.
Die erste Single ist von einem einzigartigen Gitarrengroove getragen, wie ihn so nur diese Band beherrscht. Mit “Cocoon” gelingt Milky Chance eine Pop-Internationale, die Reggae, House, Flamenco, Pop, Singer-Songwriter und Folk zusammendenkt. Bisweilen erinnern sie ein bisschen an Manu Chao, Jack Johnson klingt durch, aber im Prinzip ist diese Musik immer nur eins: Milky Chance. Von einer tiefen organischen Wärme und Liebe getragen. Denn Songs wie “Cold Blue Rain” haben stets auch etwas Verträumtes, sind in der Wahl ihrer Mittel minimalistisch, in der Wirkung aber maximal raumgreifend.
Das liegt natürlich daran, dass Milky Chance etwa bei “Losing You” abermals ganz auf die Kraft der Komposition vertrauen – und auf die Stimme von Clemens Rehbein. Der Sänger trägt “Blossom”, verleiht dem Werk ein ingeniöses Moment. “Bad Things” singt Rehbein dann über einen House-Beat im Duett mit der englischen Sängerin Izzy Bizu, die noch mal eine ganz andere Farbe in dieses Album bringt. Wie aus einem fernen Märchenland dringt ihre Stimme zu uns, pflanzt eine Sehnsucht in die Herzen, und den Glauben, das schließlich doch noch alles gut werden könnte.
Nicht zuletzt ist “Blossom” getragen von einem Geist der Entschleunigung, von der Erkenntnis, das manchmal nur der Blick nach und von außen hilft. Meinetwegen ist das dann Eskapismus, vor allem aber transportieren Milky Chance abermals eine schwerkraftleugnende Pop-Leichtigkeit, wie man sie in Deutschland nicht nur selten, sondern eigentlich nie findet. Insofern lautet die Frage aller Fragen immer noch: Wie zur Hölle konnte so was ausgerechnet in Kassel passieren?
“Kassel ist der Ort, an dem wir gelernt haben, nicht verloren zu gehen”, sagt Rehbein. Nach den vielen Erfolgen, den monatelangen Tourneen und unzähligen menschlichen Begegnungen schöpfen sie hier die Ruhe und die Kraft, um weiterzumachen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, nicht abzuheben. “Drei Monate US–Tour fühlen sich an wie fünf Lebensjahre”, sagt Dausch. “in Kassel finden wir nach dem ganzen Sozialspektakel wieder Halt, bei unseren Freunden und Familien.”
Einige Wochen können sie die Ruhe noch genießen, dann ist “Crunch-Time”, wie sie es nennen – und sie freuen sich drauf! Denn das ist das Besondere an Milky Chance: “Die Umstände und die Rahmenbedingungen haben sich geändert, wir als Personen aber nicht”.
Text: Torsten Gross

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