Ein Trio, das auf allen Zylindern feuert – Peterson-Livealbum erschienen
(c) Rolf Ambor / CTSIMAGES
17.04.2026
Als Oscar Peterson im Dezember 2007 im Alter von 82 Jahren verstarb, verlor die Jazzwelt einen brillanten Musiker, der das “Great American Songbook” wie kaum ein anderer kannte und beherrschte. Einige Kollegen des kanadischen Pianisten sollen sogar gewitzelt haben, dass manche Songs erst in diesen Kanon aufgenommen wurden, nachdem Peterson sie einmal gespielt hatte. Seine enzyklopädischen Kenntnisse der Jazzstandards, Broadway-Nummern und Tin-Pan-Alley-Schlager hat der Pianist im Laufe von mehr als 60 Jahren auf über 200 Alben dokumentiert. Viele seiner bedeutendsten Aufnahmen entstanden in den 1950er und 1960er Jahren und wurden von dem Produzenten Norman Granz bei Verve Records veröffentlicht. Nun wird dieser beeindruckende Katalog um eine bislang unveröffentlichte Live-Aufnahme aus dem Jahr 1960 erweitert: “The Oscar Peterson Trio At Baker’s Keyboard Lounge”. Dass es einen Mitschnitt von dem Gastspiel in dem berühmten Detroiter Jazzclub gab, war kein Geheimnis. Nur waren die Bänder lange Zeit unauffindbar. Erst als Verve Records im vergangenen Jahr den 100. Geburtstag des Pianisten feierte, wurden sie zufällig in einer falsch beschrifteten Box entdeckt und für die Erstveröffentlichung aufbereitet. Jetzt erscheint ein Album mit neun Höhepunkten des mehr als zweistündigen Auftritts auf Vinyl und CD. Die kompletten Sets des Konzerts mit insgesamt 27 Titeln gibt es zudem unter dem Titel ”The Complete Recordings” als digitales Album sowie als exklusiv im JazzEcho-Store ab dem 15. Mai auch als streng imitiertes 3-LP-Set mit ausführlichen Liner Notes im luxuriösen Trifold-Sleeve (bereits jetzt vorbestellbar).
Das Oscar Peterson Trio mit Bassist Ray Brown und Schlagzeuger Ed Thigpen feuerte auf allen Zylindern, als es Anfang August 1960 ein zweiwöchiges Engagement in der Baker’s Keyboard Lounge in Detroit antrat. Obwohl die drei Musiker erst seit anderthalb Jahren in dieser Konstellation zusammenspielten, hatten sie zum Zeitpunkt des Gastspiels in Detroit bereits fünfzehn Alben für Verve Records aufgenommen. Das schier unerschöpfliche Repertoire des Trios reichte von rasanten Bebop- und Swing-Klassikern über erdige Blues-Nummern bis hin zu Broadway-Hits und berührenden Balladen. Bei dem 138-minütigen Auftritt, der damals von Norman Granz für ein geplantes Live-Album komplett mitgeschnitten wurde, zeigte das Trio seine ganze Energie und Bandbreite.
Warum “The Oscar Peterson Trio At Baker’s Keyboard Lounge” seinerzeit dann doch nicht veröffentlicht wurde, ist ein Rätsel. In den Liner Notes zum Album äußert der Autor Mark Stryker die Vermutung, dass “die Entscheidung des Verve-Gründers und Produzenten Norman Granz, das Label im Dezember 1960 an MGM zu verkaufen, einen Dominoeffekt auslöste”. Während sich Verve Records in dieser Umbruchzeit neu aufstellte, trat das Oscar Peterson Trio im Juli und August 1961 an sechs Abenden im London House in Chicago auf. “Die London-House-Sessions, die als einige von Petersons besten Arbeiten gefeiert werden, brachten schließlich vier LPs hervor”, schreibt Stryker. “In deren Folge gerieten die Baker-Bänder, die ein Dutzend Songs enthalten, die auch in Chicago aufgenommen wurden, in Vergessenheit.”
Wie bei den Auftritten im London House in Chicago hatte sich das Oscar Peterson Trio auch ein Jahr zuvor bei dem Konzert in der Baker’s Keyboard Lounge in Detroit in absoluter Bestform präsentiert. Das Wort “nahtlos” reicht kaum aus, um das Zusammenspiel der drei Musiker zu beschreiben. Ungeachtet der Tempi, der Rhythmen oder der Komplexität der Arrangements atmen sie wie aus einer Lunge und phrasieren, als würden sie von einem einzigen Herzschlag gesteuert. “Die meisten Pianisten hören dort auf, wo er erst anfängt”, sagte der Gitarrist Herb Ellis einmal über Oscar Peterson, in dessen Trio er sechs Jahre lang – von 1953 bis 1958 – gespielt hatte. Was Ellis damit meinte, erlebt man, wenn man sich die mitreißenden Aufnahmen von “The Oscar Peterson Trio At Baker’s Keyboard Lounge” anhört.