Sam Smith | Biografie

The Thrill Of It All, 2017

Es war der 27. April 2015, und Sam Smith verließ nach seinem Auftritt in Sydney die Bühne. An diesem Punkt waren es nur noch drei weitere Shows bis zum Ende jener groß angelegten Tour, die er nach der Veröffentlichung seines Debütalbums “In The Lonely Hour” angetreten und die ihn gleich mehrfach um den Globus geführt hatte. Besagtes Debüt hatte sich erst als Hit entpuppt, dann als internationale Sensation, ja als Phänomen, schließlich sogar als Dauerbrenner, der sich weit über 10 Millionen Mal verkaufen sollte. Auch ein Türöffner war sein Erstling: Sam konnte schließlich seinen größten Vorbildern die Hände schütteln, Leuten wie Stevie Wonder, Quincy Jones, Beyoncé… Und dann folgte sogar noch ein Highlight, als Sams Hände nämlich auch noch einen Oscar in Empfang nehmen durften. Genau drei Jahre zuvor war Sam Smith der Vokalgast auf einem Dance-Track gewesen. Und jetzt, noch immer gerade mal 23, war er einer der größten britischen Pop-Exporte – eine Soul-Stimme, die kollektiven Liebeskummer, Herzschmerz und Co. besser definierte und vertonte als jede andere Stimme im frühen 21. Jahrhundert. Wobei: Die Zeit seiner “lonely hours” war offensichtlich gezählt, denn jeder Hit spülte ihn weiter ins Zentrum und ins Rampenlicht.
Dieses grelle Licht und die Verbindung, die ein Musiker gerade bei Konzerten mit dem Publikum aufbauen kann, sind Sam besonders wichtig: “Ich hab George Michael im Wembley Stadion gesehen, als ich 15 war”, erinnert er sich. “Und ich weiß noch genau, wie ich in dem Moment gedacht habe: Genau das will ich auch machen! Nur muss man wissen: Ich funktioniere überhaupt nicht, wenn ich keine Träume habe, auf dich ich hinarbeiten könnte. Wenn ich kein Ziel habe, nichts, worauf ich mein Leben ausrichten könnte – wie meine Musik.” “In The Lonely Hour” hatte aber die Art von Singles hervorgebracht, die man schließlich an jeder Ecke hören kann. Refrains, die jeder kennt, die den kulturellen Zeitgeist prägen. Und so hatte er nun ein ganz neuartiges Problem: “Mir machte das irgendwann echt zu schaffen: Plötzlich waren alle meine Träume wahr geworden.”
An jenem Abend in Sydney, direkt nach dem Konzert, auf das nur wenige Tage später der Abschluss dieses ersten großen Karriereabschnitts folgen würde, kam Sam eine Idee für einen neuen Song. Er hatte das Buch Holding The Man gelesen, das ihn stark berührt hatte. Ihm kam also eine Idee, eine Art Storyboard: Ein junger Mann, der gegenüber dem Vater sein Coming Out hat. Er sah die Figuren, die daran beteiligt waren, vor sich, versetzte sich in sie, fühlte ihren Schmerz. Er duschte sich und sang die ganze Geschichte dann schnell runter – natürlich mit gedrückter Aufnahmetaste am Telefon. Der Schlussrefrain lautet: “It is him I love”. Und so sollte an diesem Punkt die nächste Runde, die zweite Phase beginnen – und sie hatte schon ziemlich klare Konturen.
Als Songwriter geht es Sam stets um das Freilegen von Emotionen: Er sucht den kürzesten Weg zu den Gefühlen, es geht ihm um Aufrichtigkeit und Transparenz, weil er nur so wirklich andere Menschen berühren kann. Wenn er z.B. zusammen mit seinem Bassisten oder Pianisten schreibt, dann ähnelt seine Herangehensweise der eines Lektors: Er streicht alles Unnütze. Weitschweifige Ausführungen fliegen raus, und es ist ihm immer lieber, die Sache in fünf knackigen Worten zu sagen. Er sagt das auch ganz klar und dampft alles ein auf die Essenz.
Zurück in England, musste er jedoch erst mal sein Leben auf Vordermann bringen: Er kaufte sich ein Haus, lud eine Schwester und einen besten Freund aus der Schulzeit zu sich ein, hängte Bilder auf von all den Freunden und Familienmitgliedern, die er so wenig gesehen und so sehr vermisst hatte in den Jahren, die er für seinen internationalen Aufstieg zum Superstar geopfert hatte. Mit fast schon an den Kirchgang erinnernder Regelmäßigkeit pilgerte er jeden Sonntag zur Londoner Party-Institution Horse Meat Disco. Auch eine Beziehung ging er ein. “Und ich konnte mein Leben wieder einfach genießen, weil es mal nicht um mich ging.”
Und dann kehrte der Wunsch zurück, das zu tun, was er am besten kann. “Ich hatte plötzlich das Gefühl, dass da wieder Raum für neue Träume war.” Er spürte plötzlich wieder diesen Kitzel, spürte “The Thrill of it All”. “Mir wurde halt klar, dass ich ja noch ganz am Anfang stehe, dass man ein ganzes Leben damit füllen muss. Ich stehe noch ganz am Anfang. Nur liegt die Latte jetzt höher.” Und so nahm ein neues Album langsam Gestalt an. Ein Album, das durchzogen ist mit zwei Triebkräften, der Sexualität und der Spiritualität.
Eine Sammlung von Geschichten kristallisierte sich heraus: Kapitel, die zum Teil auf eigenen Erfahrungen basieren, zum Teil aber auch darauf, dass sich Sam in andere Menschen hineinversetzt. Mehr als 130 Songs schrieb er. Und editierte dabei immer fleißig mit seinem inneren Rotstift: Sein schonungsloser Blick immer ausgerichtet auf potenzielle Hits. Die Wahl für die erste Single fiel schließlich deshalb auf “Too Good At Goodbyes”, um die Fans wieder ganz sanft heranzuführen an diese Stimme, die sie ein paar Jahre zuvor überall gehört hatten. Denn Sam hatte mit “The Thrill of it All” noch mehr vor: Er wollte sie auf eine richtige emotionale Reise mitnehmen. “Ein Soul-Album wollte ich aufnehmen, und zwar eins, das sich rein klanglich noch viel größer anhört. Deshalb die Gospel-Chöre. Und The Dap Kings kamen ins Studio und spielten für mich.”
Den spirituellen Einschlag des neuen Albums hört man nirgendwo deutlicher als auf “Pray”, jenem Song, den Sam mit Timbaland aufgenommen hat: Es ist ein grandioser Slow Jam – gepaart mit der vielleicht beeindruckendsten Gesangsaufnahme seiner bisherigen Karriere. “Wir alle schauen doch darauf, was in Europa, Amerika und im Rest der Welt vor sich geht, und es ist einfach wahnsinnig schlimm alles. Einem bleibt letztlich nicht viel anderes übrig, als den Blick in den Himmel zu richten, die Hände zum Gebet zu erheben und dafür zu beten, dass sich alles zum Guten wendet – denn ehrlich gesagt fühle ich mich als Individuum ziemlich machtlos in der aktuellen Situation.”
In dem vielstimmigen Musikdurcheinander, das letztlich die Welt von Sam Smith immer wieder geraderückt, ihm dabei hilft, die unglaublichen Dinge, die ihm widerfahren sind, zu verarbeiten, liegt auch etwas Schlichtes, Unkompliziertes: “Mir ist immer wichtig, dass meine Musik einfach gestrickt ist – einfach, weil ich nichts machen will, das hinterher nur ein paar Leute erreicht. Mir geht es stattdessen immer darum, der Popsänger zu werden, der ich in meinen Träumen bin. Was einen ganz einfachen Grund hat: Popmusik ist nun mal das, was mich anturnt.”
Burning” und “Baby, You Make Me Crazy” basieren auf einer persönlichen Trennungserfahrung. “‘Burning’ ist für mich das Herzstück dieses Albums. Ich finde, es bringt die Sache auf den Punkt. Es gibt da diese Zeile im Songtext: ‘I’ve been smoking 20 a day, blame it on rebellion, don’t blame it on me.’ Und genau das habe ich durchgemacht. Ich habe Sachen gemacht, um mir selbst wehzutun; also nicht, weil ich wirklich Gefallen daran gefunden hätte, sondern nur deshalb, weil es sich rebellisch anfühlte. Alles nur für den  thrill of it…” – auch das also ist dieser Kick, dieser Kitzel. Und wieder einmal läuft er als Songwriter zu Höchstform auf, wenn er die Sachen klar beim Namen nennt: Beide Songs haben diese Ein-Anhören-genügt-um-den-Refrain-nicht-mehr-aus-dem-Kopf-zu-kriegen-Qualität, beide Songs setzen sich auch deshalb so schnell fest, weil jeder Reim ein neues Gefühl zum Ausdruck bringt. Und wenn er heute zurückblickt auf “In The Lonely Hour”, dann ist es gerade die Stille von einem Stück wie “I’m Not The Only One”, die ihn selbst am meisten bewegt. “Ich weiß schon, wann ein Song ganz sparsam arrangiert werden muss.”
Auch das Mikrofon hat Sam während der Aufnahmen zum neuen Album allzu gerne weitergereicht – an eine weitere Ausnahmestimme: YEBBA nämlich, mit der er das grandiose DuettNo Peace” präsentiert und damit zugleich das letzte Drittel des Albums einläutet. Entdeckt hat er die junge Sängerin übrigens via YouTube: “Ich habe ihr dann einfach eine Message geschickt. Sie kam nach London, wir haben zusammen ein wenig abgehangen und uns über Beziehungen und so unterhalten – und schließlich entstand daraus dann ‘No Peace’.”
Während der Aufnahme hatte er dann das legendäre George-Michael-DuettI Knew You Were Waiting” im Hinterkopf… und als Sam dann gegen Ende 2016 den Feinschliff am Album begann, erfuhr er vom viel zu frühen Tod seines persönlichen Helden. “Für mich wurde er sogar noch wichtiger, als ich selbst berühmt wurde: Mit einem Mal war er ein noch größeres Idol und ein noch größeres künstlerisches Vorbild. Er ist nun mal der einzige, an dem ich mich orientieren konnte: an seiner Musik, an den Interviews, die er gegeben hat – das hat mir gezeigt, welche Haltung ein Mann wie ich einnehmen muss in dieser Branche.”
Das zentrale Stück von “The Thrill of it All ist nun “Him” geworden, der Song, den er als allererstes für dieses Album geschrieben hat. Es ist ein Stück, das, verglichen mit jener, in der George tonangebend war, in einer ganz anderen Zeit entstanden ist; ein Stück, das nichts zu verstecken versucht: “Er hatte so etwas Authentisches, das mich einfach inspiriert hat”, sagt Sam. “Er war ein Megastar – aber dabei doch ein menschlicher Megastar. Und meine größte Angst ist es, in diesem Business zu einem Roboter zu werden.” In den fünf Jahren, die vergangen sind, seit er erstmals ins Rampenlicht getreten ist, haben sich Sam Smiths Ziele und Ambitionen gewiss ein wenig gewandelt. “Ich will immer noch im Wembley-Stadion auftreten”, sagt er abschließend. “Nur will ich an einem solchen Ort stehen und trotzdem ganz offen zugeben, dass ich etliche Fehler habe. Denn die haben wir nun mal alle.” 
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